Rezension
Gemma Ray
Island Fire
Highlights: Fire House // I Can See You // How Do I Get To Carnegie Hall?
Genre: Retro-Barock-Pop-Noir // Indie
Sounds Like: Emilíana Torrini // Sparks // Nick Cave // Calexico // Peggy Lee
VÖ: 20.04.2012
Manche Künstler schaffen es auf Biegen und Brechen nicht, sich aus der Schublade zu befreien, in die sie von Kritikern gesteckt werden – und wenn sie sich auf den Kopf stellen. Die britische Songschreiberin Gemma Ray hingegen ließ es gar nicht erst soweit kommen, indem sie sich von Beginn ihrer Karriere an Musik verschrieb, die jeglichen Versuch, ihr einen Stempel aufzudrücken, mit verschmierter Tinte strafte. So musste ihr Zweitwerk "Lights Out Zoltar!" bei den Independent Music Awards 2009 auch in einer neu eingeführten "Eclectic Album"-Kategorie ins Rennen gehen – und gewann natürlich prompt.
Die Gelassenheit, die das Albumcover von Gemma Rays neuestem Streich "Island Fire" ausstrahlt und die sich auch auf der Platte selbst immer wieder hörbar bemerkbar macht, könnte also durchaus daher rühren, dass die Wahlberlinerin weder den inneren Drang verspürt, aus einer restriktiven Schublade herausbrechen zu müssen, noch dem äußeren Druck unterliegt, sich konkreten Erwartungen oder Genre-Konventionen beugen zu müssen, um ihre Fans bei der Stange zu halten. Zumindest lässt sie es sich auch auf ihrem mittlerweile vierten Studio-Album nicht nehmen, fröhlich, frisch und munter verschiedene Stimmungen, Stilrichtungen und Spielarten kunterbunt durcheinander zu würfeln.
So geben sich auf "Island Fire" wunderbar mystisch vor sich hin schleppende, hauptsächlich von Bass und Tremolo-Gitarre getragene Pop-Noir-Stücke ("Flood and a Fire", "I Can See You"), honigsüße 50er-Jahre-Retro-Nummern mit Shoop-Shoop-Charme und schunkeligen Aaah-Chören ("Put Your Brain in Gear", "Rescue Me"), unwiderstehlicher Barockpop mit aufbrausender, opulenter Orchestrierung ("Alight! Alive!", "Bring Ring Ring Yeah") sowie zwei herrlich abgedrehte Sparks-Cover/Collabos ("How Do I Get To Carnegie Hall?", "Eaten By The Monster Of Love") selbstbewusst die Klinke in die Hand. Mit der ganz bezaubernden Ballade "Fire House" verwirrt sich zwar auch mal ein total simpler, minimalistischer Vierzeiler-Ohrwurm in dieses musikalische Potpourri, wenn aber auf "Trou de Loup" schließlich auch noch eine singende Säge und Mariachi-Trompeten zum Einsatz kommen, "Make It Happen" ein unverkennbares Western-Psychedelia-Flair versprüht und sich "They All Wanted A Slice" noch dazu als karnivalesk anmutender 6/8-Takter mit subtiler Harfen- und Glockenspieluntermalung entpuppt, wird wohl endgültig deutlich, dass man bei Gemma Ray wirklich vor kaum einem Klangexperiment gefeit ist.
Mit anderen Worten präsentiert sich "Island Fire" also nicht nur rein äußerlich als echter Blickfang (schließlich kommt angesichts eines speienden Vulkans wohl kaum jemand auf die Idee, eine Picknickdecke auszupacken, um darauf Yoga und Musik zu machen – im Übrigen eine Anspielung auf die Entstehungsgeschichte des Albums, wurde es doch zum Großteil während eines Zwangsaufenthalts in Australien aufgenommen, als der isländische Eyjafjallajökull im April 2010 weltweit den Flugverkehr lahmlegte), sondern erweist sich auch musikalisch als ziemlicher Earcatcher, der so unheimlich viel Laune macht, dass die Platte, wenn es denn irgendwo auf der Welt eine Preisverleihung gäbe, die den Titel "Most Fun Album" zu vergeben hätte, zweifellos ein ganz heißer Anwärter auf den Sieg wäre.
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