Rezension
Faust
Faust Is Last
Highlights: Feed the Greed // Imperial Lover // Karneval
Genre: Avantgarde
Sounds Like: Mike Patton // Can // Einstürzende Neubauten // John Zorn // Rollign Stones // Nine Inch Nails
VÖ: 16.04.2010
Ein paar Vorausinformationen sind nötig, bevor man sich dem widmen kann, was das Doppelalbum „Faust Is Last” bietet: Faust existieren bereits seit 1970, gelten zurecht als eine der einflussreichsten deutschen Bands aus dieser Zeit und haben sich vor einiger Zeit dupliziert. Es existieren zwei Faust, jeweils bestehend aus verschiedenen Gründungsmitgliedern der Original-Faust aus den 70ern. Während der eine Teil der Band, bestehend aus den Musikern Peron und Diermaier, in den letzten Jahren so einiges veröffentlichte, trat Hans Joachim Irmlers Version von Faust bis auf eine Kollaboration mit Dälek bislang kaum in Erscheinung. Das letzte Faust-Album unter seiner Mitarbeit datiert aus dem Jahre 1999, damals noch mit Diermaier. „Faust Is Last“ präsentiert sich also als Nachfolger des letzten Albums „Ravvivando“ und hat bis auf die Vorgeschichte nicht viel mit den Exkollegen gemein.
„Faust Is Last“ enthält Faust von A bis Z. Um das zu verdeutlichen, trägt die erste Hälfte des Doppelalbums den Titel „Faust A“, die zweite „Faust Z“. „Faust A“ ist ein in 15 Stücke aufgeteilter Trip durch die Musikgeschichte, sowohl der eigenen von Faust, als auch der, die sich in der Zwischenzeit aus dem entwickelt hat, was den Krautrock der 70er zum Anfang hatte. So erinnert „Brumm und Blech“, das erste Stück, stark an die Klangexperimente der Neubauten. Ein Schaben, Ziehen, Schleifen überall. „Imperial Lover“ übernimmt einige der Flächensounds des Intros, setzt eine Orgel und Gitarrensoli ein, die bisweilen an Neil Young erinnern. Ein erster Bruch geschieht: „Feed The Greed“, ein fieser Industrialbrecher im Stile von Bands wie Nine Inch Nails oder Ez3kiel. Gesang findet man im ersten Teil von „Faust A“ nur selten, meist sind es kleinere Einspieler oder Geräuschzusätze, deren Herkunft man einem Kehlkopf zuschreiben könnte. Bemerkenswert, wie die Stilwechsel und –brüche, die immer wieder unverhofft eintreten, dennoch so verarbeitet werden, dass ein gesamter roter Faden nicht verloren geht, selbst dann, wenn auf heftige Lärmorgien wie „Chrome“ Ambientstücke wie „Soft Prune“ folgen und sich kurze Zeit später wieder in dreckigen Garagenrock („Hit Me“) verwandeln. „Faust A“ klappert so ziemlich alles ab, was die Avantgarde der letzten 40 Jahre zu bieten hatte, inklusive des eigenen Kraut- und Progressiverock („Steinbrand“). „I Don’t Buy Your Shit No More“ könnte auch ein unentdeckter Rolling-Stones-Titel aus den frühen 60ern sein, „X-Ray“ von Philip Boa, „Day Out“ hingegen von Bob Dylan.
„Faust Z“ versucht sich an einem ähnlichen Ansatz, verzichtet aber im Gegensatz zu „Faust A“ auf Eingängigkeit oder Struktur. Hier präsentiert die Band Stücke jenseits der Fünf-Minuten-Marke. „Karneval“ klingt, als hätten die Einstürzenden Neubauten einen Remix eines Pink-Floyd-Songs erstellt. „Ozean“ wabert kaum hörbar vor sich hin, lediglich eine Stimme im Hintergrund weist uns darauf hin, ein wenig lauter nach Tonspuren zu suchen und „SofTone“ trägt seinen Inhalt im Namen, besteht hauptsächlich aus Drone-Ambient-Collagen, die abrupt enden, als „In But Out“ einsetzt. Dieses und das nachfolgende „GhosTrain“ enthalten alles, was einem die Hörnerven zerlegt: übersteuerte Instrumente, Feedbacks, scheppernden Lärm jenseits des Hörbaren und fieses Gekreische a la Burning Witch oder EyeHateGod. Zum Abschluss erinnern „Vorübergehen“ und „Primitivelona“ noch einmal daran, sich mal wieder die John-Zorn- und Mike-Patton-Kollaborationen aus dem Schrank zu suchen. Prädikat: Nahezu unhörbar. „Faust Is Last“ ist eine anderthalbstündige Herausforderung an jene, die sich mit Musik abseits gängiger Strukturen befassen wollen. Ebenso dient es als Kompendium dessen, was experimentelle Musik in den letzten 40 Jahren zu leisten vermochte.
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