Rezension

Faber

Sei Ein Faber Im Wind


Highlights: Bleib Dir Nicht Treu // Alles Gute // Wer Nicht Schwimmen Kann Der Taucht
Genre: Singer/Songwriter
Sounds Like: Wanda // AnnenMayKantereit // Von Wegen Lisbeth

VÖ: 07.07.2017

Provokation in der Kunst ist immer ein schmaler Grat: Gerät sie zu platt, wirkt sie geschmacklos. Ist sie hingegen subtil, wird sie oft missverstanden oder kommt gar nicht erst an. Was also tun? Der Schweizer Singer/Songwriter Faber entscheidet sich auf seinem Debütalbum „Sei Ein Faber Im Wind“ nicht immer für die stilvollere Variante, aber bleibt dabei stets unterhaltsam und interessant. Es ist ja auch nicht leicht, sich aus der aktuellen Schwemme von deutschsprachigem Pop hervorzuheben. Und wenn Bands wie Von Wegen Lisbeth jetzt schon anfangen, Wörter wie „Bitch“ in ihre Texte einzubauen, dann muss man schon ein bisschen mehr als ein paar Schimpfwörter bringen, um aufzufallen. Nicht, dass es die bei Faber nicht gäbe, aber lieber spielt er mit der Gegenüberstellung aus bissigen Texten mit chansonesker oder poppiger Musik.

Der Knackpunkt ist dabei, dass es auf „Sei Ein Faber Im Wind“ nicht nur um Fäkalhumor oder alberne Wortspiele geht. Faber kann auch gesellschaftskritisch: „In Paris brennen Autos / und in Zürich mein Kamin“ („In Paris Brennen Autos“). „Wer Nicht Schwimmen Kann Der Taucht“ erzählt aus der Sicht eines dieser berühmten besorgten Bürger, die es anscheinend auch in der Schweiz gibt, von der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer: Ich bin bestimmt kein Rassist und gegen Ausländer habe ich nichts / Aber ich schaue euren Schlauchbooten beim Kentern zu / im Liegestuhl am Swimmingpool am Mittelmeer. Und ähnlich muss man auch die anderen Lieder verstehen – als Zeitzeugen einer Gesellschaft, die verrohende Sitten und Stammtischparolen mit sinnlosen Konsum und Oberflächlichkeit übertüncht. Das zeigt unter anderem das programmatische „Bleib Dir Nicht Treu“. Dass man sich da als Hörer regelmäßig fragt, ob es eigentlich so cool ist, Zeilen wie „Du wirst zwar erst 16 / Komm, wir drehen Sexszenen“ („Wem Du’s Heute Kannst Besorgen“) mitzusingen, gehört da mit zum Konzept.

Auch die musikalische Seite hält einige Überraschungen bereit, die selbst bei kreuzbraven Texten ein Alleinstellungsmerkmal wären. Faber und seine Band halten nämlich auch in dieser Beziehung nicht viel davon, was sich eigentlich für temporäre Popmusik traditionellerweise gehört. Die Zugposaune ist in beinahe jedem Lied dabei, was sicher nur teilweise daran liegt, dass Posaunist Tillmann Ostendarp auch gleichzeitig der Schlagzeuger ist. Wer das Kunststück schafft, beide Instrumente gleichzeitig zu spielen, ohne es bei mindestens einem von beiden zu verkacken, der will diese Skills natürlich so oft wie möglich zur Schau stellen. Es sei ihm gegönnt. Zusätzlich zu dem Bläsersound sind es die Rhythmen und Instrumente wie Bongo und Mandoline, die Assoziationen an Osteuropa („Bratislava“) wecken.

Diese musikalischen Kniffe sorgen dafür, dass Fabers Konzept auch auf Albumlänge aufgeht. Mit milde schockierenden Texten allein kann man im Pop ja leider nicht so weit kommen wie im Hip Hop. Es wird sich zeigen, wie lang die Halbwertszeit von „Sei Ein Faber Im Wind“ tatsächlich sein wird, aber fürs erste kann man sich daran erfreuen, wie Faber geschickt Pop-Konventionen unterwandert und ein bisschen mehr Unanständigkeit in den braven deutschsprachigen Pop bringt. Nicht weil er muss, sondern weil er kann.

Lisa Dücker

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Video zu "Wem Du's Heute Kannst Besorgen"
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