Rezension

Evangelista

In Animal Tongue


Highlights: Bells Ring Fire // Hands Of Leather
Genre: Melancholischer Postrock
Sounds Like: A Silver Mt. Zion // Carla Bozulich // Vic Chesnutt // Siskiyou

VÖ: 23.09.2011

Das kann ja heiter werden. Evangelista, the artist formerly known as Carla Bozulich, veröffentlicht nach zwei Jahren Wartezeit ihr viertes Album. „In Animal Tongue“ heißt das Werk und wer Bozulich kennt, weiß: Das hier wird anstrengend. Musikalisch irgendwo zwischen Noise und Postrock pendelnd, dabei stets mit eindringlichem „Gesang“ die Nerven der Hörer bis ans Äußerste strapazierend – so kannte man die Dame bislang. Dass dieses Konzept auch im Umfeld eher ruhiger Töne aufgeht, zeigt „In Animal Tongue“ eindrucksvoll.

Man muss schon in der richtigen Stimmung sein, um „In Animal Tongue“ überhaupt irgendetwas abgewinnen zu können. Allerdings erscheint das Album zur richtigen Zeit: Einsetzender Herbst erzeugt genau die richtigen Gefühle, um die düsteren, beklemmenden Stücke an sich heran zu lassen. Wäre „In Animal Tongue“ ein Wetter, wäre es ein nasskalter Abend, den man draußen meidet, sofern es geht, wohl wissend, andernfalls mit einer fetten Erkältung die nächsten Tage flach zu liegen. Eine akustische Begegnung mit Carla Bozulich kann ähnlich sein, ständig wandelt sie am Abgrund, stets kündet die Stimme von Depression, Untergang und Verderben. Begleitet wird sie dabei von den üblichen Verdächtigen: Labelkollegen aus dem Hause Constellation. Dass die verschiedensten Gastmusiker aus der Stimme eines Begabten und der Untermalung dieser Großtaten schaffen können, bewiesen sie zum Teil schon in den Werken Vic Chesnutts. Nun sind es also tiefste Molltöne, die Bozulichs Abgesänge intonieren.

„In Animal Tongue“ vertont die Selbstkasteiung, viel Leid der Welt scheint Bozulich dem Hörer abgenommen zu haben und überträgt diese auf sich. Dazu passend deuten sich mit Titeln wie „Black Jesus“ oder „Artificial Lamb“ religiöse Bezüge an. Und siehe da: Der Effekt ist wirklich reinigend. Die Antwort auf die Frage, warum in aller Welt man sich dieses Album anhören sollte, ist ganz einfach: weil „In Animal Tongue“ so distanziert ist, dass es eine Stimmung zwar produziert, aber den Hörer nicht mit herabzieht. Als Unbeteiligtem bleibt es einem einfach, das düstere Geschehen von außen zu betrachten, aber komplett am Weltschmerz dieser Frau teilzuhaben. Die Kompositionen sind jederzeit so angelegt, dass zwischen all den disharmonischen Streichereinsätzen, Tempowechseln und plötzlichen Abbrüchen noch Luft ist, um sich selbst herauszuziehen. Dies ist eindeutig die Stärke des Albums, denn so verstrickt es sich nicht in Klischee-Weltuntergänge sonstiger dunkel angehauchter und verstaubter Genres.

Klaus Porst

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