Rezension

Evangelist

Evangelist


Highlights: Spirit // I'm In Love Tonight // God Song
Genre: Melancholischer Rock
Sounds Like: Unkle // Nick Cave // Woven Hand // David Bowie // Mark Lanegan // Tom Waits // Johnny Cash

VÖ: 15.01.2016

Das Tragische vorab: Gavin Clark, der hinter „Evangelist“ steht, lebt nicht mehr. Im Februar 2015 verstarb der Sänger, der seine markante Stimme diversen Bands wie Unkle, Sunhouse oder Clayhill lieh. Seinem letzten Projekt, einer Zusammenarbeit mit dem Duo Toydrum, hinterließ er noch einige halbfertige Demoaufnahmen, aus denen Pablo Clements und James Griffith nun mit Hilfe einiger Gäste ein Album fertigten. „Evangelist“ prangt nun als Titel auf einem grobkörnig verschwommenen Bild Clarks. Dieser biblische Titel ist Programm, denn das Album ist wie ein Zwiegespräch Clarks mit existentiellem Inhalt. Zu seiner tief melancholischen, teilweise kratzigen Stimme spinnen Clements und Grifftith Sounds, die einem das Mark in den Beinen gefrieren lassen. „Evangelist“ ist ein düsterer Abschied, der seinesgleichen sucht.

Anderthalb Minuten Zeit braucht „The World That I Created“, um den Hörer in diese melancholische Atmosphäre himeinzuziehen. Ohne Vorwarnung und ohne Entrinnen. „This Is The World That I Created // I Created Light // Here It Comes“ verkünden zwar die Lyrics, jenes Licht wird hier jedoch retrospektiv betrachtet. Mit einem Paukenschlag rumpelt, groovt, brennt sich nur Sekunden später „Spirit” in die Gehörgänge. Der Sound ist rau und unvollkommen, Clark kratzt sich durch den Song, und dennoch kommt man von diesem Stück nicht los. „Same Hands“ zeigt noch einmal, welche Stücke Clark bei Unkle verantwortete, es setzt „The Healing“ oder „Falling Stars“ vom letzten Album der Band nahtlos fort. Das folgende „I’m In Love Tonight“ wird neben Clarks Abgesang von Warren Ellis‘ Viola getragen und verbreitet die staatstragende Trauer, die beispielsweise auch Johnny Cashs sehr spätes Werk ausmachte und zieht recht aktuelle Parallelen zu „Lazarus“, dem Bowie-Song, der eigentlich unhörbar ist.

Bevor die Stimmung komplett im Keller ist, ziehen Clements und Griffiths mit „Know One Will Ever Know“ das Ruder wieder hoch. Der übliche Elektro-Rock-Stil von Unkle wird hier erneut zum Soundgeber. „Evangelist“ ist ein stetes Auf und Ab. Todtraurige Balladen wechseln mit Aufbruch verkündenden Stücken, aus denen so etwas wie Hoffnung und Aufbäumen klingt. Mit dem Wissen, dass es vergebens ist, wirkt das Album dadurch noch viel tragischer. Der wütende „God Song“ etwa. Auf einer springenden Basslinie wurde Clarks Sprechgesang platziert, der wie ein Dandy eine Coolness versprüht, der nichts etwas anhaben kann. „This Is A God Song“ brüllt er anfangs gegen den Beat, als könne jener Gott ihm nichts anhaben, gen Ende nuschelt er ein leises „I’m Coming Home“ zum Abschied. Einen letzten Tanz gibt er sich noch. „I Wanna Lift You Up“ nimmt den Groove von den Black Keys locker im Vorbeigehen mit, ehe die beiden Abschlusstitel „Whirlwind Of Rubbish“ und „Holy Holy“ einen musikalischen Abschied markieren, der leider für immer ist.

Klaus Porst

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"Never Feel This Young"
"God Song"

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