Rezension

Escapado

Montgomery Mundtot


Highlights: Petenwell // Montgomery Mundtot // Viola De Poetus Maximus // Zwischen den Profilen
Genre: Post-Hardcore
Sounds Like: Poison The Well // Thursday // Kurhaus

VÖ: 22.10.2010

Der hatte gesessen. Nach dem letzten Schlag gingen die Lichter kurz aus, der Mattenboden schien schon gefährlich nahe. Doch dann: der Gong. Runde vorbei, ab in die Ecken. Sammeln, konzentrieren, weitermachen, jetzt nur nicht schwach werden. Ja, Escapado hatte das Schicksal böse mitgespielt, nach der Tour zur letzten Platte machte sich plötzlich die halbe Band vom Acker. Für gewöhnlich ist sowas der Knockout. Für gewöhnlich.

Beim nächsten Gong geht’s weiter, die Band wagt sich neu formiert an Platte Nummer drei. Und schickt das gute, alte Schicksal  mit „Montgomery Mundtot“ - einem wuchtigen, zielgenauen Haken - donnernd aufs Parkett. Mit dem eröffnenden “Petenwell” gibt sich die Band direkt als Kraftprotz, setzt immer wieder zu neuen Hieben an. Sie treffen allesamt. Der schwere, schonungslose Opener lässt dabei sogar jegliche Gesangsmelodie auf der Strecke. Als ob Neuling und Brüllwürfel Felix Schönfuss erst einmal zeigen will, dass er hier nicht zum Kirschenessen geladen hat. Kaum zu glauben, dass der Gute eigentlich als Bassist zum Casting kam.

Der nachfolgende Titeltrack lässt nicht durchatmen. Vielmehr peitscht “Montgomery Mundtot” mit verquerem Math-Riff und epischem Schlussteil den Hörer vor sich her, während Schönfuss mit seinen Texten das Bild des Hauptcharakters dieser Platte zeichnet. Dieser Typ, der nicht mehr auf die Strasse geht, weil “die da oben” eh machen, was sie wollen. Der eigentlich alles verändern will, aber den Mund nicht aufbekommt. Der seine Wut in sich hineinfrisst und sich so selbst verzehrt. Der in uns allen ist. Es ist zum Staunen: Der lyrische rote Faden dieser Platte ist so kohärent, Escapados dritte Platte könnte ohne Weiteres als Konzeptalbum durchgehen. Wenn die Flensburger dabei auch nicht Grundlegendes verändern, probieren sie sich doch auch vereinzelt aus: Wie im stringenten Rock-Song “Ferngesteuert” im Fahrwasser von Madsen, der beweist, dass Blicke über den Tellerrand sich doch immer wieder bezahlt machen.

Escapado klingen 2010 mächtiger, wütender und konzentrierter als noch auf “Initiale”. Kein Wunder, Kurt Ebelhäuser saß schließlich am Mischpult. Gerade daher wirken Sebastian Henkelmanns Gitarren, gern vielfach übereinander geschichtet, noch flächiger und voller. Gepaart mit den immer wieder Haken und U-Turns schlagenden Songs lüften diese Fünf den heimischen Hardcore-Keller mit jede Menger frischer Luft. An einer Stelle heißt es: “Mit dem Rücken an der Wand gibt es keinen Schritt zürück”. So, wie die sich wieder aufgerappelt haben und den Ring gleich wieder dominieren, darf man das wörtlich nehmen: Alles wagen, keine Deckung, die volle Flucht nach vorn. Totgesagte leben nicht nur länger. Sondern auch feuriger.

Gordon Barnard

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