Rezension

Erland & The Carnival

Nightingale


Highlights: So Tired In The Morning // Emmeline // I Wish, I Wish // East & West
Genre: Psychedelic // Folk // Indie-Pop // Freak Folk // Experimental
Sounds Like: The Coral // Midlake // The Byrds // Pentangle // Fairport Convention // The Strokes

VÖ: 11.03.2011

Die Karnevalsaison mag in diesen Tagen ausklingen, das britische Trio um Erland Cooper, den ehemaligen The-Verve-Gitarristen Simon Tong und David Nock schließt dem gesellschaftlichen Wahnsinn dieser Zeit mit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums jedoch ihren eigenen musikalischen Wahnsinn an. Wer die verspulten psychedelischen Songs des Debütalbums mochte, wird sich auch hier wieder wohl fühlen. Die sich in Ekstase spielende Orgel, die irrsinnigen Tempowechsel, die virtuosen Spielereien mit schiefen Rhythmen und harten Dissonanzen – all dies bekommt man auch auf „Nightingale“ wieder zu hören.

Mit „So Tired In The Morning“ purzeln die Briten im 5/4-Takt in ihr Album, taumeln zwischen flirrenden Synthesizern hin und her und spielen sich dabei immer weiter in Ekstase. „Emmeline“ lässt sich zu Beginn reichlich Zeit, mäandert umher, um schließlich umso zielstrebiger davonzugaloppieren und sich in den selbst erzeugten Strudel aus wirren Dissonanzen mit hinabzuziehen. „East & West“ zeigt, dass Erland & The Carnivals Konzept nicht nur aufgeht, wenn sich das klapprige Jahrmarktskarussell mit Höchstgeschwindigkeit dreht.

Hier mag vieles gebündelt und fokussierter wirken, ist zugleich aber auch oft gewöhnlicher und zum Teil sogar ein wenig uninspiriert. „Map Of An Englishman“ ist nach dem verheißungsvollen Intro mit seiner schiefen Jahrmarktsmelodie dann doch eher ein gewöhnlicher Indie-Song, freilich spielfreudig präsentiert, aber letztlich eben nichts wirklich Besonderes. Ebenso kann „This Night“ mit seiner überbordenden Instrumentierung nicht über seinen etwas zu simplen Aufbau hinwegtäuschen und auch „In The Springtime“ ist dieser Kategorie an Songs zuzuordnen.

Bei Songs wie „I Wish, I Wish“ fragt man sich dann aber, warum sie einem mit ihrem penetranten Synthiegedudel nicht direkt auf die Nerven gehen. Bei Erland & The Carnival funktioniert das irgendwie, ohne dass man so richtig versteht, wieso – hier gelten schlichtweg andere Gesetze. Was an anderer Stelle geschmacklos wäre, macht auf „Nightingale“ oft den Reiz der Songs aus – und so lässt sich an diesem Album letztlich vor allem kritisieren, dass es – so paradox es auch klingen mag – durchaus mehr von diesen Geschmacklosigkeiten hätte vertragen, mehr Wahnsinn hätte wagen und die vielen Ideen hemmungsloser hätte ausleben können. Erland & The Carnival sind freilich nicht die erste Band, die auf ihrem zweiten Album etwas vorsichtiger zu Werke geht, weshalb die Schwächen von „Nightingale“ durchaus verzeihlich sind, zumal dieses Album in seinen besten Momenten unglaublich mitreißend ist. Es bleibt abzuwarten, wohin uns die Reise mit Album Nummer drei führt, das letzte Wort ist bei Erland & The Carnival sicherlich noch nicht gesprochen.

Kilian Braungart

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Video zu "Map Of An Englishman":

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"Nightingale" im Stream:

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