Rezension

Einar Stray

Chiaroscuro


Highlights: Chiaroscuro // Arrows // Beast // Teppet Faller
Genre: Experimental // Folk // Singer-Songwriter // Ambient
Sounds Like: Efterklang // moddi // Amiina // Sigur Rós // Sufjan Stevens // Arcade Fire // Peter Broderick

VÖ: 20.01.2012

Norwegen mag vielleicht nicht die bedeutendste Musiknation sein, hält aber konstant neue musikalische Überraschungen bereit. Haben letztes Jahr moddi, die Band um Pål Moddi Knutsen, mit „Floriography“ eines der schönsten und beeindruckendsten Alben des Jahres abgeliefert, vertritt dieses Jahr ein weiterer junger Musiker mit seinem Debütalbum sein Land in der Musikwelt. Die Rede ist von Einar Stray aus dem kleinen norwegischen Küstenstädtchen Sandvika, dessen Talent in den letzten Monaten in den höchsten Tönen gelobt wurde und ihm sogar Vergleiche mit Musikern wie Sufjan Stevens einbrachte. Nun ist es da, sein langerwartetes Debütalbum „Chiaroscuro“, bestehend aus sieben, zum Teil epische Ausmaße annehmenden Stücken – und das nicht nur in Bezug auf ihre Spielzeit.

Man hört sofort, wie viel Überlegung und Arbeit in diesen Songs steckt, welch lange Entstehungsprozesse hinter diesen rhythmisch vertrackten, raffiniert aufgebauten Stücken stehen müssen und man ist umso erstaunter, dass der Mann, der für diese Kompositionen verantwortlich ist, gerade einmal 21 Jahre alt ist. Man muss bei dieser Musik an die dänischen Musikerkollegen von Efterklang denken, die für ein ähnlich eigenwilliges und unkonventionelles Herangehen an die Musik im Allgemeinen bekannt sind. Ruhigere und verträumtere Passagen lassen auch an isländische Musik denken und spätestens, wenn man die Exposition von „Beast“ gehört hat, versteht man, warum im Zusammenhang mit Einar Stray immer wieder der Name Sufjan Stevens fällt. Trotz allem klingt diese Musik aber in erster Linie nach Einar Stray und nach niemandem sonst. Der junge Norweger hätte es sich so viel einfacher machen können, doch er will es sich nicht einfach machen, er möchte an die Grenzen des Möglichen gehen, die lauten und leisen Extreme suchen, sich an die Grenze zwischen Wohlklang und Dissonanz begeben, um dieser Musik alles zu geben, was er zu geben hat.

Doch über das Stadium wilden Experimentierens ist Einar Stray auf „Chiaroscuro“ schon weit hinaus, Stücke wie „We Were The Core Seeds“ waren anfänglich vielleicht ungeschliffene Brocken, sind aber, wie man sie hier zu hören bekommt, wunderbar ausgewogene, vielschichtige und abgeschlossene Musikstücke, die sich erst durch mehrmaliges Hören erschließen. Wie sorgfältig „Caressed“ nach und nach aufgebaut wird und dann wieder davongleitet, wie sich der gewaltige Schlusstrack „Teppet Faller“ scheinbar zu verlieren beginnt, um dann mit voller Wucht zum großen Finale anzusetzen, wie das Titelstück gleich zu Beginn spielerisch die volle Bandbreite von Einar Strays Fähigkeiten präsentiert – man kommt aus dem Schwärmen über diese Musik gar nicht mehr heraus. Doch Einar Stray weiß, dass er dem Hörer nicht zu viel zumuten darf und streut nebenbei mit „Arrows“ noch einen perfekten Folksong ein, von denen man sich so viele weitere auf diesem Album wünschen würde.

„Chiaroscuro“ ist übrigens ein Begriff, der der italienischen Barockmalerei entstammt und im Deutschen so viel wie „helldunkel“ bedeutet – wenn man dieses Album gehört hat, versteht man, was dieser junge Norweger damit meint.

Kilian Braungart

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Das komplette Album im Stream:
http://www.einarstray.no/chiaroscuro

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