Rezension

East Cameron Folkcore

Kingdom Of Fear


Highlights: Kingdom Of Fear // 969 // Goodbye To Fear
Genre: Folkcore
Sounds Like: Gogol Bordello // Torpus & The Art Directors

VÖ: 10.04.2015

Die Legende besagt, dass Rainer O. vom Grand Hotel van Cleef während des SXSW-Festivals und auf der Suche nach billigem Bier zufällig in eine Show von „East Cameron Folkcore“ stolperte und das Bier aufgrund dessen, was da auf der Bühne passierte, schnell vergaß. Der Rest ist Geschichte: Die Band bekam zwei Wochen später eine Mail aus dem Hause van Cleef und veröffentlichte anschließend die Platte „For Sale“ über das Hamburger Label. Mit „Kingdom Of Fear“ liefert die Band aus Austin, Texas, nun Album Nummer drei ab.

Zwischenmenschliche Befindlichkeiten und Herzschmerz bleiben hier außen vor. Stattdessen werden laut Bandleader Jesse Moore die wirklich wichtigen Themen angesprochen. Von politischer Korruption über Fracking bis hin zu polizeilicher Willkür wird hier vertont, was der Band sauer aufstößt. Wo „For Sale“ noch eher zurückhaltend daherkam, schreit ECFC diese Missstände auf dem aktuellen Longplayer unmissverständlich raus. Den Vorwurf, „zu politisch“ zu sein, muss sich die Band sicher gefallen lassen. Nur lässt ihnen die Hoffnung darauf, dass irgendwann alle ihre Stimme erheben, um etwas zu bewegen, keine andere Wahl.

Passend zu ihren anprangernden und schonungslosen Texten ist auch die Musik. Denn diese wird mit einer Leidenschaft und Kraft dargeboten, die dem Hörer kaum Gelegenheit zum Atmen bietet. Hier bilden Gospel, Rock, Folk, Blues und Punk das musikalische Fundament, welches von den 12 Musikern in 14 Songs gegossen wurde. Wer hier die zufällige Titelwiedergabe wählt, reißt die Songs aus ihrem Kontext. Die Stücke gehen teilweise ineinander über und schlagen auch textlich Brücken zu vorangegangenen Songs.

Als passendes Beispiel für diese Spannung kann man die aufeinanderfolgenden Songs „Kingdom Of Fear“, „The Joke“ und „969“ nennen. „Kingdom of Fear“ beginnt als Folksong mit Lagerfeuerromantik, um diese Stimmung dann kurze Zeit später mit wuchtigen Drums, einer entfesselten E-Gitarre und choralen Gesängen niederzuwalzen. Die eingängigen Gesangsharmonien in „The Joke“ kippen im Songverlauf in wütendes Punk-Geächze, um dann natlos in den Song „969“ überzugehen, wo der Upbeat den sehnsüchtigen Bläsersatz vor sich hertreibt, um dann in einem Soundgewitter aus schepperten Becken zu enden.

„East Cameron Folkcore“ ist mit dieser Konzeptplatte ein kleines Meisterwerk gelungen, welches in jeder Sekunde dazu auffordert, die Fäuste zu recken, die Augen zu öffnen und etwas zu bewegen. Ein kleiner Schritt wäre aber schon, sich diese Platten anzuhören und sich das Kollektiv auf der kommenden Tour anzusehen. Denn was diese zwölfköpfige Band da veranstaltet, ist weniger ein Konzert als vielmehr ein Spektakel, welches einen so schnell nicht mehr loslässt.

Sönke Holsten

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