Rezension

Dum Dum Girls

Too True


Highlights: Rimbaud Eyes // Too True To Be Good
Genre: New Wave // Pop // Grufti-Pop
Sounds Like: Savages // Wax Idols // Vivian Girls

VÖ: 31.01.2014

Stolz verkündet Dee Dee Penny im Waschzettel ihrer neuen Platte: „Too True“ ist eine Neuausrichtung. Weg vom Lo-Fi/C86/Rumpelcore. Hört, hört! Achtung! Skandal! Doch Taten sagen bekanntlich mehr als 1000 Worte. Also erst mal tief einatmen und das Album eingeworfen. Erster Song: Wehleidiges Schmachten, sakrales Hallen, Existenzängste. Nach dem Durchlauf: Nur ein weiteres 80er Gothic-Revival. Gähn.

Nicht das Neuerfinden ist schlimm. Vielmehr nervt, wie unoriginell diese Selbstfindung abläuft. Selbstgedrehte Kippen, schwarze Rollkragenpullis, Siouxsie und Robert Smith, die ewigen Franzosen Rimbaud und Verlaine. Die Liste an Einflüssen ist so lang wie klischeehaft. Sicher, über Geschmack streitet man nicht. Aber ist in den 30 letzten Jahren Kulturgeschichte wirklich nichts Spannendes passiert, um die ewige Rückwärtsgewandtheit zu rechtfertigen? Wohl kaum. Diese Art von Selbstfindung ist keine, sondern nur ein Aneinanderreihen von Klischees und längst etablierten Standards. Und war übrigens auch mit 18 bereits peinlich.

Natürlich, die Erwartungslatte lag mächtig tief. Schließlich ließ Dee Dee Penny keine Möglichkeit aus, um dem interessierten Hörer bereits vor dem Auflegen des Albums gehörig ans Bein zu pinkeln. Was dann als Einziges auch irgendwie wieder Punkrock an diesem Album ist. Das Cover? Ein typischer Fall von „einem Filter zu viel“ bei Photoshop. Ein von H&M produziertes Musikvideo, um gleich den passenden Soundtrack zur neuen Lederjacke zu liefern? Check. Scheint so, als müsste jemand seinen überschüssigen Stock an fünfzig Grundstufen Schwarz abbauen.

Dabei erinnert die Vorgehensweise an die ihres Ehemanns Brandon Welchez, der mit jeder Platte nach Lust, Laune und grassierenden Trends sein musikalisches Fähnchen dreht. Bloß, dass dieser mit seinen Crocodiles halbwegs ordentliche Songs zusammenschraubt, während „Too True“ einfach ein mittelprächtiges New-Wave-Album ist, welches den Schuss nicht gehört hat und den Spagat zwischen Popsternchen-Ambitionen und musikalischer Glaubwürdigkeit nicht schafft. Der kajalgetränkte, perfekte Augenaufschlag macht noch lange keinen Grufti und das, was einem aus den Boxen entgegen tönt, ist nicht sonderlich weit von radiotauglichem Hochglanzpop entfernt.

„Too True“ ist ein endloser Wiederkehrer und von so vielen Inspirationsquellen abgepaust, dass das Resultat nur ein verzerrtes, glanzloses Zerrbild einer eigentlich spannenden Musikrichtung ist. Dabei wusste bereits der alte Bram Stoker Abhilfe. Da hilft nur ein gezielter Pflock. Mitten ins Herz.

Yves Weber

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Musikvideo zu "Lost Boys And Girls Club"

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