Rezension

Delbo

Havarien


Highlights: Saldo // Reprise // Peroma
Genre: Indie
Sounds Like: Kante // Go Plus // Blumfeld

VÖ: 05.05.2006

Viele werden den Namen Delbo jetzt zum ersten mal lesen und vielleicht ist gerade das gut so. Auf ihrem nunmehr dritten Album offenbart die Band ihr wahres Gesicht. Vorbei die Zeiten, in denen man von Indiepop über Deutschrock bis zu Punk alle Ecken auszuloten versuchte, um den eigenen Stil zu finden. Man lernt sie quasi da kennen, wo ihre ungefilterten Stärken liegen. Doch Vorsicht! Delbo sind keine offenherzige Person. „Einmal- Hände- schütteln- und- ich- weiß- schon- alles- über- dich“ geht hier nicht. Delbo sind schüchtern und bisweilen auch sehr fordernd. Klingt nach einer längeren Beziehung? Recht habt ihr!

Bezeichnet für „Havarien“ ist schon das Artwork der Platte. Jemand hat schon einmal mit Bleistift die wichtigsten Wörter herausschraffiert. Der Rest bleibt vorerst weiß und bedarf eigener Arbeit um an mehr Informationen zu gelangen. Und auch diese sind dann nur relativ spärlich, zumal auch kein Booklet vorhanden ist. Genauso verhält es sich mit der Musik. Instrumental nur in einem simplen Grundgerüst verpackt muss der Hörer sich trotzdem wie ein Arzt an die einzelnen Songs heranwagen und sie fein säuberlich skelettieren, um klar sehen und vor allem hören zu können. Kein leichter Tobak für gewöhnliche Ohren also. Das hier ist so komplex und detailreich, dass unaufmerksames Nebenbeihören strikt verboten ist.

Bisweilen wirken Delbo sogar regelrecht bedrückend, was angesichts des aufkommenden Frühsommers an einem gelungenen Veröffentlichungstermin zweifeln lässt. Aber Moment! Da war doch was... Achja! Gab es da nicht vor zwei Jahren ebenfalls im Sommer ein Album namens „Zombi“, welches uns zuerst verstört und dann in warme Decken gehüllt hat? Nun will man Delbo nicht mit Kante an sich vergleichen, aber mit „Havarien“ könnte zweifellos ein ähnlicher Geniestreich gelingen.

Hat man sich erst mal an die Länge und Vertracktheit der Songs gewöhnt, kann man schnell nicht mehr genug davon bekommen. Immer wieder herrlich, wie Schlagzeug, Gitarre und Bass unentwegt aufs Neue in verschiedene Richtungen auseinanderlaufen und dann doch wieder zusammenfinden. Vertrautheit durch Entfremdung wird hier auf beeindruckende Weise zelebriert, ohne dabei zu sehr ins Kalkül abzurutschen. Umwoben wird das Alles von Sänger Daniel Spindlers traumwandlerischen Lyrik, die zu einer gerne angenommenen Textanalyse einlädt. Wer jetzt gegen Musik mit Anspruch wettert und „Intellektuellenmusik“ unterstellt, der hat wohl immer noch nichts verstanden und wirft derweil weiter fleisig Böhse Onkelz Lieder gröhlend mit Bierdosen am örtlichen Baggersee.

Benjamin Köhler

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