Rezension

Deftones

Koi No Yokan


Highlights: Romantic Dreams // Entombed // Rosemary // Goon Squad
Genre: Alternative
Sounds Like: Team Sleep // +++ // A Perfect Circle // Glassjaw

VÖ: 09.11.2012

Es ist normalerweise schlechter Stil, eine Rezension in der ersten Person Singular zu schreiben und ich persönlich lese das auch überhaupt nicht gern. Sehr selten kann man aber einfach nicht anders. Zum Beispiel dann, wenn es eine ganz spezielle Herzensangelegenheit ist und in der neutralen Schreibweise einfach nicht rüberkommt, was jetzt genau an dem Album fehlt oder warum es so besonders ist. „Koi No Yokan“ ist so ein Fall. Lange habe ich versucht, mich drumherum zu winden, letztendlich gab es aber keinen anderen Ausweg.

Bevor ich allerdings zum eigentlichen Geschehen komme, vorab die beiden wichtigsten Neben-Infos zu „Koi No Yokan“: Bassist Chi Cheng erholt sich immer noch von seinem schweren Autounfall 2008 und wird weiterhin durch Quicksand-Mitglied Sergio Vega ersetzt. Wann also das bereits fertig gestellte Album „Eros“ (aufgenommen mit Cheng) erscheint, steht immer noch in den Sternen. Zweitens: Der Albumtitel ist nicht etwa eine Hommage an den Mittelstürmer von Hannover 96, sondern kommt natürlich aus dem Japanischen und bedeutet „die mögliche Verheißung einer Liebe, nachdem sich zwei Menschen getroffen haben“.

Richtig romantisch geht es auf dem nunmehr siebten Album der Deftones deswegen allerdings nicht zu. Ohne große musikalische Neuerungen gibt es den gewohnten Mix aus brachialer Härte und emotionalen Momenten. Nichts anderes hatte ich erwartet und nichts anderes will ich auch haben, denn diese Gratwanderung schafft die Band wie keine andere. Und darin liegt für mich das Problem von „Koi No Yokan“. Die Deftones haben den Spagat auf dem Album in einem so hohen Maße perfektioniert, dass ich Schwierigkeiten habe, diese ganz spezielle Atmosphäre herauszuhören, die die Deftones so einzigartig macht. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob der Abgrund, über dem die Band seit jeher gewandelt ist, einfach nicht mehr so tief ist.

Natürlich trifft dies nicht auf alle Songs zu. „Romantic Dreams“, „Entombed“ oder „Goon Squad“ – sie alle besitzen den Deftones-Vibe. Das sagenhafte “Rosemary” hat sogar das Zeug dazu, ein persönliches Highlight der Band zu werden. Und dennoch gibt es auf der anderen Seite Stücke wie „Swerve City“, „Tempest“ oder „What Happened To You?“, die für mich geradezu einfallslos wirken und mich in einer Weise kalt lassen, wie es bei den Deftones vorher nie der Fall war. Es fehlen die Widerhaken, die mich mitreißen. Fragmente, die ich mir erst zusammensetzen muss. Passagen, die mich emotional verwirrt zurücklassen. Kurzum: einige Songs bieten nicht die Herausforderung, die ich von den Deftones gewohnt war.

Vor diesem Hintergrund überrascht es wahrscheinlich auch nicht, dass „Koi No Yokan“ mit Sicherheit die bisher eingängigste Platte der Band aus Sacramento ist. Müsste ich einem Neuling einen Tipp zum Reinhören geben, würde ich dieses Album wählen. Warum auch nicht, schließlich bleibt „Koi No Yokan“ trotz allem ein gutes Deftones-Werk. Allerdings würde er dadurch Gefahr laufen, niemals dorthin abzutauchen, wo ich ganz besonders mit „White Pony“ oder „Saturday Night Wrist“ schon war. Vielleicht gelingt das aber beim nächsten Mal wieder.

Benjamin Köhler

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