Rezension

Defeater

Defeater


Highlights: Stale Smoke // Desperate
Genre: Post-Hardcore
Sounds Like: Modern Life Is War // Have Heart

VÖ: 10.05.2019

Die Bostoner Post-Hardcore-Größen von Defeater knüpfen mit ihrem fünften Longplayer fast nahtlos an das bisherige musikalische Repertoire der Bandhistorie an. Trotz personeller Wechsel sind die elf Songs der selbstbetitelten Platte gewohnt vorwärtstreibend und angereichert mit einer ordentlichen Portion Wut und Verzweiflung. Dass beim Hören mitunter auch Unmut aufkommen kann, lässt sich allerdings nur bedingt mit der Vehemenz des Sounds und der Schwere der Texte erklären.

Defeater führen mit dem neuen Album ein Narrativ fort, welches sie bereits mit Herausbringen ihrer ersten Platte „Travels“ begonnen haben: Es wird die Geschichte einer Familie des Arbeiter/innenmilieus im New Jersey der 40er-Jahre erzählt: Brachial werden gescheiterte Existenzen, Gewalt und diverse Formen psychischer Unerträglichkeiten der Nachkriegszeit vertont. Vor allem die antreibenden Schlagzeugrhythmen und der vergleichsweise abwechslungsreiche Einsatz der Gitarren – mal zurückhaltend, mal überbordend – prägen den rohen Sound der neuen Platte. Das Geschrei von Sänger und Schreiberling Derek Archambault rückt neuerdings indes etwas mehr in den Hintergrund. Als weiteres Novum vertraute ebendieser dem Fuze Magazine an, dass auf „Defeater“ das Familiengefüge erstmalig innerhalb einer Platte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. Aus wessen Augen nun weitererzählt wird, lässt er vorerst offen – offensichtlich ist jedoch: Erfahrungen rund um das Geschehen an der Kriegsfront sind zentrales Thema.

Beim kritischen Musikpublikum hinterlässt die große Bedeutsamkeit, die kriegsbezogene Themen im Bandkosmos einnehmen, mittlerweile einige Bauchschmerzen. Defeater setzen sich nämlich nicht nur seit nunmehr sechs Veröffentlichungen künstlerisch immer und immer wieder mit diesen Themen auseinander. 2011 sorgten sie, gemeinsam mit ihrem damaligen Label Bridge Nine Records, für Irritationen in den links-geprägten Teilen der Post-Hardcore-Szene: Sie nahmen unter anderem ein Soli-Shirt zugunsten der Non-Profit-Organisation Wounded Warrior Project, die sich für die Versorgung verwundeter Kriegsveteran/innen stark macht, in ihr Merch-Repertoire auf. Seitens Labels und Band ein Zeichen dafür, die Held/innen, die ihr Leben für die Freiheit der Nation riskierten, zu unterstützen. Ein schlechter Beigeschmack und einige Fragezeichen bleiben infolgedessen beim Hören der Lyrics zurück, wie beispielsweise bei „Mothers' Sons“, einem der zentralen Songs der aktuellen Platte:

„We drink to those lost at sea and never made it off the beach; to those who won't make it home, buried in the salty deep. Mothers' sons that we knew so well, without a care or a chance in hell. Laid a life on a line in harm's way and out of mine so their brothers could live to tell. So my brother could live to tell.“

Futter für patriotisch anmutendes Gefasel also, zu dem sich Defeater fernab ihrer Songs nicht so recht positionieren mögen. Wirken ihre lyrischen Auseinandersetzung in Teilen umsichtig und problematisieren sie die unerträglichen Auswirkungen von Krieg und die sich daraus speisenden Kontinuitäten von Gewalt, so hinterlassen sie immer wieder auch ein Gefühl der Grauzone.

Es scheint, als könnten sich Defeater manchmal leider nicht dem ewiggestrigen Bild der im Leid verbundenen Brüderlichkeit entziehen und lassen so die Gelegenheit verstreichen, Anstoß für eine progressive Auseinandersetzung mit den Themen Gewalt, Krieg und ihren gesellschaftlichen Folgen sein zu können. Fans des smarten und gefühlvollen melodischen Post-Hardcore wünschen sich sicherlich – lyrisch wie musikalisch – ein bissschen weniger Schlaghammer-Mentalität und etwas mehr ausdifferenzierte Zwischentöne. An der einen oder anderen Stelle würde den Songs mehr Raum zum Nachhallen gut tun, um eine kleine Pause vor der nächsten aufbrechenden Welle der Verzweiflung einlegen zu können. So kämen auch die durchaus verstärkt vorhandenen Melodien besser zum Ausdruck, welche Defeater sehr gut stehen.

Nicole Dannheisig

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Video zu "Mothers' Sons"
Lyric-Video zu "Stale Smoke"

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