Rezension

Dear John Letter

Part & Fragment


Highlights: Kandi // You Remain Unshakeably Calm
Genre: Postrock
Sounds Like: Scraps Of Tape // Logh // Caspian // Khoma // Cult Of Luna // Aereogramme

VÖ: 15.10.2010

Als Ausflugsziel ist Augsburg jederzeit zu empfehlen. Eine wunderschöne Innenstadt, altes Fachwerk, wohin man blickt, irgendwie kleiner, freundlicher und sympathischer als beispielsweise naheliegende Großstädte. Nebeneinanderstehende Giebelhäuser bilden auch die Aufmachung zum neuen Album der Augsburger Dear John Letter. Weihnachtskalenderartig ist hinter oder vor den Fenstern und Türen eine Kleinigkeit versteckt, die es zu entdecken gilt.

„Part & Fragment“ heißt das Zweitwerk des Quintetts und ist ähnlich aufgebaut wie die Verpackung. Es existiert ein vordergründiges Grundmuster, eine Giebelwand, die die Stunde Musik trägt. Meist eine aufgehellte, hohe Gitarrenspur. Darüber hinaus ist jedes Stück anders verbaut, anders verputzt, frei nach dem Motto: Was mein Nachbar an seinem Haus hat, versuche ich im Detail zu toppen. Diesem Wettbewerb entspringen mal sehr gute („You Remain Unshakeably Calm“ oder „Kandi“), mal nicht so gelungene oder zu beliebige („The Looking Glass“) Werke. Mal fragil, kunstvoll verputzt, mal im groben, kantigen Stil wie das teilweise brachiale „Of Grandeur“.

Wer schon mal in einer Stadt mit künstlerisch gestalteten Häusern war, der kennt dieses Gefühl der Verwunderung, wenn inmitten einer homogenen Struktur ein neuzeitlicher Bruch enthalten ist, der nicht so recht einpassen mag. Auf „Part & Fragment“ finden sich so neben den Postrock-üblichen sechs bis zehnminütigen Stücke auch einige kleine, merkwürdige Zwischenspiele, wie das nach Simon & Garfunkel klingende „The Silver Ring Of The Bell“ und das krude Soundexperiment „That’s The Way The Cookie Crumbles“.

Wem Tanz zu Architektur zu viel ist, oder lieber Neubauten einstürzen lässt, dem sei „Part & Fragment“ als Postrock-Album der Marke Logh, Khoma oder Caspian empfohlen und auch Cult Of Lunas Meisterwerk „Salvation“ grüßt von der anderen Straßenseite. Dear John Letter spielen klassischen Rockinstrumente-Postrock, ohne aufgeladene Streicher oder langes Ambientgesäusel. Beachtenswert ist der hohe Anteil an Gesangsparts, der jenen Gefallen könnte, denen das Geschrei bei Isis immer zu sehr Geschrei war.

Dear John Letter bauen sich auf „Part & Fragment“ eine kleine, liebevoll gestaltete Klangwelt zusammen, die zum verweilen und eintreten einlädt und hinter den Türen und Fenstern gastfreundliches bereitstellt. Der Lärm der Großstadt scheint weit entfernt. Aber man muss ja auch mal Urlaub machen.

Klaus Porst

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