Rezension

Deafheaven

New Bermuda


Highlights: Luna // Baby Blue
Genre: Blackgaze
Sounds Like: Russian Circles // Alcest // Carcass // Mogwai

VÖ: 02.10.2015

Deafheaven kommen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts. Ein Glück, dass das 2013 erschienene "Sunbather" zum Meilenstein des Jahres wurde. Denn zu Beginn der Karriere konnte sich die Band nicht einmal ihre eigenen Instrumente leisten und die beiden Köpfe George Clarke und Kerry McCoy lebten völlig mittellos in einer 16er-WG in San Francisco. Wer weiß, ob die beiden nicht irgendwann den Versuchungen eines geregelten Einkommens erlegen wären, anstatt das selbst miterschaffene Blackgaze-Genre weiter in die Welt zu tragen. Doch dann kam Sunbather und auf einmal ließen sich auch Rolling-Stone-Leser von einem bombastischen Feuerwerk aus Shoegaze, Post-Rock und Black-Metal-Gekreische die Gehörgänge wegpusten.

Auf "New Bermuda" ist der Kontrast zu reinen Metal-Alben nicht auf Anhieb so deutlich auszumachen wie auf dem rosa Albumcover von "Sunbather". Und im donnernden Stakkato der Rhythmusgitarre schwingt auch häufiger Carcass als My Bloody Valentine mit. Es geht also doch wieder metallischer zu. Anstatt jedoch der Musik wieder den Corpsepaint-Anstrich des Black Metal zu verpassen, experimentieren Deafheaven auch mit Elementen aus Death- und Thrash Metal. Funktioniert das? Die ultraschnelle Doublebass im Mittelteil des Openers "Brought To The Water" lässt den Song zumindest kurzzeitig zum stupiden Geballer verkommen. Aber rechtzeitig bevor man das Gefühl bekommt, dass der Song sich um sich selbst zu drehen beginnt, befreit sich die Gitarre wie Harry Houdini wieder aus der Umklammerung und führt den Song in eine Shoegaze-Bridge, um nach einem weiteren Zwischensprint fast dreampoppig zu enden.

Mehr als fünf Songs brauchen Deafheaven auf "New Bermuda" also gar nicht, um alles Nötige zu sagen. Denn jeder hat seine genialen Minuten, die eventuelle kleinere Schwächen an anderer Stelle locker mehr als wett machen. Was "Luna" zu Beginn an Melodiegespür vermissen und den Gitarrenteppich in einem Gewitter aus Blastbeats und Gekreische fast verschwinden lässt, sprießt dann wie ein zartes Pflänzchen mit den ersten Sonnenstrahlen nach einem harten Winter hervor und gipfelt in einem Schlussteil, der ausdrucksstärker und kraftvoller kaum sein könnte. Dennoch verströmt "New Bermuda" insgesamt weniger Wärme als "Sunbather", obwohl es auch wieder einige Dur-Passagen gibt. Vielmehr lässt einen das abrupt einsetzende Inferno nach den ersten 40 Sekunden von "Come Back" auf der Autobahn vor Schreck das Lenkrad herumreißen. Ohne Überhits vom Kaliber eines "Dream House" ist "New Bermuda" zwar kein bahnbrechendes Meisterwerk à la "Sunbather", aber immer noch ein verdammtes Brett, mit dem es einem um die weitere Zukunft der Band nicht bange sein muss.

Johannes Neuhauser

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