Rezension

Crack Cloud

Pain Olympics


Highlights: The Next Fix (A Safe Space) // Ouster Stew // Tunnel Vision
Genre: Post-Punk // Art-Rock
Sounds Like: Gang Of Four // Television // Squid

VÖ: 17.07.2020

Seit einigen Jahren kursieren Musikvideos und EPs des multimedialen, kanadischen Kollektivs Crack Cloud – genug, um eine gewaltige Erwartungshaltung zu nähren. „Pain Olympics“, das nun endlich erschienene Debütalbum, überrascht mehrfach.

Der Name Crack Cloud und Songtitel wie „The Next Fix (A Safe Space)“ sollten nicht anmaßend oder als Provokation verstanden werden. Tatsächlich handelt es sich bei den Musiker_innen um Menschen aus dem Umfeld von Vancouvers Drogenszene, die entweder selber Suchterfahrungen gemacht haben oder sich in sozialen Programmen dem Thema widmen. In Interviews beschreibt etwa Sänger, Texter und Schlagzeuger Zach Choy, auf dem bei Live-Auftritten der Fokus in dieser sich als hierarchielos verstehenden Gruppe liegt, dass Musik schnell als Bewältigungsmechanismus bei der Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte und gleichzeitig auch als Ersatzdroge fungierte.

„The Next Fix (A Safe Space)“ eben. In innerer Zerrissenheit duellieren sich in dem Song bittere Eingeständnisse („All the time I can’t find a way out … I’m my own enemy, I’m not free, never was“) neben hoffnungsvollen Momenten der Selbstbestätigung („A good man, yes I am, I’ve got plans, I’ve got wants, I’ve got needs, I’ve got thoughts … Its the one thing that keeps me alive“). Doch am Ende steht das düstere Fazit: „But I’m better off dead … I have too much regret“. Musikalisch nimmt die Geschichte einen anderen Ausgang. Zunächst erzeugen ein verhangener Drum-Beat und schräg-zirpende Gitarren eine kalte, unbehagliche Atmosphäre, doch schließlich geht alles in einem großen, nahezu euphorischen Finale auf. Spätestens mit Einsatz des Chores wird klar: Hier fängt das Kollektiv das Individuum auf.

Von kratzigem Post-Punk bleibt an dieser Stelle klanglich nicht mehr viel übrig, und das ist die erste große Überraschung des Albums, das diesen Umstand gleich zu Beginn mit „Post Truth (Birth Of A Nation)“ klarstellt und sich somit ein gewaltiges Stück von dem bisherigen Output Crack Clouds distanziert. „DIY“-Ästhetik war gestern. Die Kanadier wollen mehr, viel mehr. „Pain Olympics“ ist sich auf seiner knapp bemessenen Spielzeit daher keines musikalischen Abstechers zu schade und paart Post-Punk mit Hip-Hop, Funk mit orchestralem Rock. Hier ein (gar nicht mal so) dezenter Nicker in Richtung Radiohead („Bastard Basket“), dort eine Reminiszenz an Arcade Fire („Angel Dust (Eternal Peace)“).

Trotz allem, und dies ist die zweite Überraschung, klingt „Pain Olympics“ nie zerfahren, sondern absolut konzentriert auf den Punkt gespielt. Hier kommt die Cloud, also das Kollektiv ins Spiel. Während die Live-Formation etwa sieben Personen umfasst, besteht die inklusive Crack Cloud mit ihren stets geöffneten Türen, zu der ebenso Video- oder performative Künstler_innen zählen, aus über 20 Menschen. Dies drückt sich etwa in den zugehörigen Musikvideos oder dem hochwertigen Artwork des Albums aus, die eine Kunst für sich darstellen. Doch darüber hinaus gleicht das in vielen Köpfen erdachte „Pain Olympics“ statt purem Chaos eher einem fein geschliffenen Juwel und ist so ganz anders, als man es von einem Energie-geladenen Debütalbum einer Punk-Band erwarten würde. Das macht es so besonders und ergänzt das bisherige Werk Crack Clouds perfekt.

Jonatan Biskamp

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Video zu "The Next Fix"
Video zu "Ouster Stew"
Video zu "Tunnel Vision"

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