Rezension

Cortney Tidwell

Don't Let The Stars Keep Us Tangled Up


Highlights: New Commitment // Our Time // Society
Genre: Folk
Sounds Like: Lambchop

VÖ: 14.07.2006

Post-Country in Anlehnung an Post-Rock könnte man das Album nennen. Nashville-Elfe die Sängerin, wäre man bösartig. Im Schatten des Erfolgs von Lambchop (Kurt Wagner wirkt auf diesem Album mit) hat Cortney Tidwell an der eigenen Musik gefeilt.

Im Nebenbeihören könnte man ihr Debüt „Don’t Let Stars Keep Us Tangled Up“ in eine Reihe mit Jenny Lewis’ „Rabbit Fur Coat“ stellen, oder einmal mehr ein weibliches Indie-Singer/Songwriter-Album dahinter vermuten. Aufmerksam zuhörend, erkennt man jedoch, dass die Arrangements tiefer gehen, dass die Stimme mehr versucht, dass Indie-Folk nur der Ausgangspunkt ist, von dem aus vieles versucht wird – und das meiste gelingt auch.

Zwischen flirrendem Synthesizer und klassischer Gitarre verbergen sich kleine Songwunder und -ungetüme, die im einen Moment vergehen und im nächsten aufbrechen und platzen. Einfache Songs sind eher selten. Wenn Cortney in „New Commitment“ allein mit der Akustikgitarre flirtet, dann ist das unter den vielfach komplexeren Nummern eine echte Erholung und lädt zum Schwelgen ein. Wenn in „La La“ die Melodie gewinnt, und Cortneys Stimme sich zu glockenklaren Höhen erhebt, dann versinkt man tief in sich selbst und träumt. Auch „Our Time“ hört man die Folklore-Ursprünge sofort an. Ryan Norris, Luke Schneider und William Tyler (ebenfalls Lambchop) geben diesem mit Bazouki, Banjo und Steel-Guitar einen solch hauchzarten Americana-Anstrich, … das verzaubert. Wenn hingegen bei „Society“ Kurt Wagner Cortneys Stimme doppelt, dann ist das schon fast Jazz.

Wenn also etwas dieses Album auszeichnet, dann ist es seine enorme Vielseitigkeit. Sie begeistert und verstört. Da klingt bei „Illegal“ alles nach Björk auf Free-Jazz und bei „Pictures On The Sidewalk“ alles nach Bürgersteigpop, „Eyes Are At The Billions“ entwickelt sich vom ätherisch zarten Küken zum wüst dahin stampfenden Ungetüm und „Missing Link“ ist nahezu klassischer Alternative zwischen Gitarre und Synthie.

Am Ende spült „The Tide“ alles weg.

Oberflächlich ist „Don’t Let Stars Keep Us Tangled Up“ einfach nur sperrig. Näher hingehört ergibt sich eine Tiefe, die Singer/Songwriter-Alben (diesseits von Joanna Newsom) dieses Jahr kaum erreicht haben.

Aber: Ich fürchte, mit dem Ende dieses Textes wird die CD ganz tief im Regal verschwinden und nur sehr selten wieder das Tageslicht sehen. Warum. Zu viel Musik. Überall, neu und alt. Und nicht genug Zeit und Speicher, sie zu hören.

Oliver Bothe

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