Rezension

CocoRosie

Grey Oceans


Highlights: Hopscotch // The Moon Asked The Crow // Fairy Paradise
Genre: Fairy-Electro-Folk // "Ocean-Disco"
Sounds Like: Metallic Falcons // Bat For Lashes // Joanna Newsome

VÖ: 30.04.2010

Das lang ersehnte vierte Album der beiden Casady-Schwestern Bianca (Coco) und Sierra (Rosie) ist da. „Grey Oceans“ heißt es und klingt eigentlich genau wie immer: nach dem typischen CocoRosie-Sound, nach Biancas kindlich-quäkender Stimme und Sierras Opern-Gesang, nach fantastischen Hintergrundgeräuschen, nach Liedern, die nervig sein könnten, wenn man sie nicht genau für eben diese Klänge lieben würde.

Um genau zu sein, klingen sie dann doch nicht „genau wie immer“. Es hat sich nämlich etwas getan. Die beiden Schwestern haben einen Bruder in ihre Mitte adoptiert. Nachdem Gaël Rakotondrabe, ein Pariser Pianist, schon bei vielen Auftritten mitgewirkt hat, wurde nun auch ein Großteil der Studio-Arbeit maßgeblich durch ihn beeinflusst. Sein Klavier-Spiel zieht sich durch das ganze Album, mal vordergründig und bezaubernd, mal kaum merklich im Hintergrund. Durch Gaëls Mitwirken wurde die Beat-Box nun also gegen das Klavier ausgetauscht.

Genügend überragende Beats gibt es aber immer noch zu hören (zum Beispiel in "The Moon Asked The Crow") und den HipHop-Touch kann Bianca so leicht nicht ablegen, von Spiritualität und Verquertheit ganz zu schweigen. Schon durch die Album-Cover (es gibt zwei: eins für die CD und ein anderes für die LP) hat man eine ungefähre Ahnung, was einen beim Anhören erwarten wird. In Filzhüten, falschen Bärten und dazu alten wallenden Kleidern zeigen sich Bianca und Sierra. Aber keine Sorge, ganz so schrullig wie die beiden auf den Fotos aussehen, klingt die Musik dann doch nicht.

„Hopscotch“ erinnert an Kimya Dawson im Cowboy-Saloon mit Überraschungseffekt. Bianca beginnt den Song mit ihrem fröhlich-kindlichen Gesang und wird vom Saloon-Piano begleitet, als es plötzlich einen Umschwung gibt. Ein unerwarteter Elektronik-Beat breitet sich aus, bis gegen Ende das Anfangs-Thema von weit her wieder zurückkommt. Der Song entstand bei einer Studio-Session in Buenos Aires, bei der zufällig Bolsa, “a legendary rock drummer and drum doctor from Argentina with awesome hair“, wie CocoRosie ihn beschreiben, anwesend war. Bolsa fügte dem Song einige Jungle- und Drum´n´Bass-Beats hinzu, und so wurde “Hopscotch” einer der verspieltesten Songs des Albums. „Lemonade“ erinnert an eine Autofahrt an einem wundervollen Sommertag, bei der die Straße vorbei an Zitronenplantagen und entlang der Meeresküste führt. Es duftet nach Zitronenblüten und die Sonne veranstaltet ein wunderschönes Lichterspiel auf der Meeresoberfläche. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis irgendein Autohersteller mit Zielgruppe „Junge Familie“ dieses Lied für seine Fernsehwerbung entdeckt.

Der Song „Undertaker“ entstand bei einer der wenigen Aufnahmen, die CocoRosie zu Hause machten. Beim Wühlen in einigen alten Kartons ihrer Mutter stießen sie auf ein Tape, das diese in den 70ern selbst aufgenommen hatte. Sie singt darauf in Cherokee und dazu sind knarrende, folkige Melodien zu hören. Bianca und Sierra benutzten den Song ihrer Mutter und bauten daraus ihren eigenen. Am Anfang und am Ende von „Undertaker“ haben sie die Stimme vom Tape eingespielt.

Vielleicht hat der Cherokee-Gesang ihrer Mutter die beiden Schwestern dazu inspiriert, sich ebenfalls an den Klängen der Naturvölker Nordamerikas zu orientieren. CocoRosie experimentieren gerne auf ihrem neuen Album. Sphärisch, naturverbunden und träumerisch klingt es. An manch einer Stelle erinnert es an Fever Rays Debütalbum mit all seinen Indianer-Klängen. Flöten und Rhythmus-Trommeln wie in „Smokey Taboo“ sind keine Seltenheit.

Auch wenn ausgerechnet der Titelsong, „Grey Oceans“, bis auf die Songzeile „I`m watching myself like an old movie on color-tv“ nicht so viel Spektakuläres zu bieten hat wie die meisten anderen Lieder, so steckt das neue Album doch wieder voller großartiger Songs, die es wert sind sie zu entdecken.

Marlena Julia Dorniak

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