Rezension

Carl Barât And The Jackals

Let It Reign


Highlights: Glory Days // Victory Gin // A Storm Is Coming // We Want More
Genre: Indierock // Garagenrock
Sounds Like: Dirty Pretty Things // The Clash

VÖ: 13.02.2015

Es war das Jahr 2002: Deutschland kämpft gegen das Jahrhunderthochwasser, in Japan verliert die deutsche Fußballnationmannschaft gegen Brasilien, in Europa wird eine neue Gemeinschaftswährung mit dem schönen Namen Euro eingeführt und in Großbritannien regiert ein neuer Musikhype. Überall scheinen sie auf einmal aus dem Boden zu sprießen: Bands mit einem dreckigen Garagensound, der sich für seine poppigen Anleihen nicht schämt. Rotzige junge Männer in Lederjacken bringen die gesamte Musikwelt um den Verstand. Ganz vorne mit dabei sind The Libertines. Manch einer sieht in Carl Barât und Pete Doherty schon die legitimen Nachfolger der Gallagher-Brüder.

Der Vergleich bietet sich aber auch an: Zwei charismatische Musiker mit genialen Einfällen, die sich ergänzen und aneinander reiben, so dass Großes entsteht. Doch auch in puncto Skandalen stehen die Libertines Oasis (leider) in nichts nach: Es gibt regelmäßig Probleme zwischen den beiden Bandleadern und abgebrochene Konzerte, berüchtigt sind auch die Alkohol- und Drogeneskapaden von Pete Doherty mit seiner damaligen Freundin, Supermodel Kate Moss. Kein Wunder also, dass sich die Band bereits 2004, in dem Jahr, in dem ihr umjubeltes zweites Album auf den Markt kommt, auflöst. Seitdem versuchen die ehemaligen Mitglieder der Libertines ihr Glück mit Soloprojekten und Drogenentzügen – beides mal mehr und mal weniger erfolgreich. Carl Barât gründet Dirty Pretty Things, deren Debütalbum bei Kritikern und Publikum Achtungserfolge einfahren konnte. Alles, was er danach veröffentlicht hat, konnte aber nicht mehr überzeugen. Jetzt ist Barât mit einer neuen Band zurück und kann qualitativ endlich wieder an alte Zeiten anknüpfen.

Wer den Opener „Glory Days“ hört, fühlt sich sofort an solche erinnert: Die Gitarre, das Schlagzeug, das klingt eindeutig nach den Libertines – mit einer guten Prise The Clash. Und das mit der klagenden Trompete, die alleine den folgenden Song ankündigt, kennt man aus „Bang Bang You're Dead“, der Single vom ersten Album der Dirty Pretty Things. Über die gesamte Albumlänge gesehen, erinnern Carl Barât & The Jackals auch mehr an diese Band als an die Libertines. Barât hat mit seiner Söldnertruppe eine Indierockplatte geschaffen, die durchweg überzeugt und manchmal sogar mitreißt. „A Storm Is Coming“ etwa geht sofort in Kopf und Glieder. Manchmal wird es etwas wüster („The Gears“) und manchmal etwas ruhiger („Beginning To See“), aber das tut der entspannt rockenden Grundstimmung keinen Abbruch.

Und immer wieder scheint Barâts Vergangenheit durch. Dass dabei die Dirty Pretty Things mehr durchscheinen als die Libertines, mag daran liegen, dass Ende letzten Jahres ein neuer Plattendeal für letztere angekündigt wurde. Angeblich soll das neue Album noch 2015 erscheinen. Höchste Zeit also, dass Barât seine Songideen, die an Soloprojekte erinnern, aus dem Kopf bekommt, bevor es wieder zurück geht an die gemeinsame Arbeit mit Pete Doherty. Und ganz egal, ob das Comeback der große Triumph wird, auf den die alten Fans schon so lange warten oder die Katastrophe, auf die die Presse schon gierig hofft, immerhin ein tolles Album hat Carl Barât für 2015 schon mal sicher.

Lisa Dücker

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"Glory Days"

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