Rezension

Capitano

Hi!


Highlights: „Good Times (for Bad Habits)“ // „Gypsy On A Leash“ // „My Bad“
Genre: Alternative Rock
Sounds Like: Muse // Royal Blood // De Staat

VÖ: 02.02.2018

Wenn eine Band sich schrille Kostüme und Pseudonyme zulegt, sich selbst als Gesamtkunstwerk betrachtet und am besten noch ihr eigenes Genre erfindet, ist Vorsicht angebracht: Oft genug versteckt der Mummenschanz schließlich nur, dass den Betreffenden sonst nicht allzu viel Kreatives einfällt. Auch bei Capitano darf man daher zunächst mal skeptisch sein: Halten Sänger John Who!?, alias der behaarte Mann mit der Pfauenmaske auf dem Cover von „Hi!“, Gitarrist Fuzz Santander und ihre zwei Mitstreiter ihr Versprechen von der selbst heraufbeschworenen „Indie Pop Extravaganza“ zwischen David Bowie, Turbonegro und Queens of the Stone Age? Oder gibt’s doch eher biedermännische Karnevals-Ekstase?

Im Grunde reicht schon ein Blick in die Credits, um die Kompetenz des Quartetts einzuschätzen: Mastodon-Bassist Troy Sanders veredelt „Get Naked“ mit seiner Rübezahl-Stimme – und der gibt sich wohl genauso wenig für irgendeinen Mist her wie Blackmail-Gitarrist Kurt Ebelhäuser, der „Hi!“ zum Teil produziert hat. Für die restliche Überzeugungsarbeit und einen Vorgeschmack auf die Vielfalt der Platte sorgt dann das starke Eröffnungs-Duo aus „Good Times (For Bad Habits)“ und „Gypsy On A Leash“: Der Opener ist ein brachialer, tanzbarer Stampfer, den Royal Blood mit mehr Lederjacke und etwas weniger Glamrock-Falsett auch locker auf einem ihrer Alben unterbringen könnten, der zweite ein schräger Hybrid aus folkiger Akustikgitarren-Ballade, Bowie-Pomp und der spacigen Atmosphäre eines Muse-Songs.

Wenn Capitano dann in „Dive!“ noch eine Prise Morello'schen Gitarrenwahnsinn mit einem Kinderchor kollidieren lassen, ist endgültig klar: Das bleibt jetzt so wild. Die Gefahr, sich beim Experimentieren zu verzetteln und zwischen zahlreichen „Klingt-wie“-Einflüssen unterzugehen, nimmt die Band in Kauf – mit Erfolg. Irgendwie halten John Who!?s charismatische und wandelbare Stimme, eine Vorliebe für poppige Melodien und ein feines Gespür für fette Riffs und dramatische Höhepunkte den Laden zusammen. Wie genau das funktioniert – keine Ahnung. Ich durchblicke ja nicht mal, warum „None The Less“ mit seinen halsbrecherischen Wendungen nicht völlig zerfasert.

Macht aber nichts: Ähnlich wie bei den niederländischen Freak-Rockern De Staat, mit denen Capitano natürlich bereits die Bühne geteilt haben, steckt auch hier hinter dem Wahnsinn merklich Methode. Deshalb können Capitano Haken schlagen, wie sie mögen: Man nimmt sie ihnen ab und akzeptiert den Eklektizismus zusammen mit Pseudonymen und Pfauenmaske als Teil des – nennen wir's ruhig so – Gesamtkunstwerks.

David Albus

Sehen


Video zu "Gypsy On A Leash"

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.