Rezension

Bill Fay

Life Is People


Highlights: Healing Day // There Is A Valley // Cosmic Concerto
Genre: Singer/Songwriter // Folk-Rock // Jazz // Pop
Sounds Like: Nick Drake // Ray Davis // Leonard Cohen // Wilco

VÖ: 24.08.2012

Gerade einmal zwei (legendäre) Alben, allesamt veröffentlicht Anfang der 1970er Jahre. Da sitzt ein junger bärtiger Mann zerzausten Haares an seinem Klavier und besingt die Verzweiflung über die Unzulänglichkeiten und den Schmerz dieser Welt. Als ein klassischer Singer/Songwriter bedient er sich mit großem Talent Elementen des Jazz, Rock oder auch dem Folk. Und, wenn man an diesem Mann etwas Bemerkenswertes finden will, so ist es wahrscheinlich schlicht und einfach, wie unmittelbar und direkt Fays ernüchternde Diagnose einer kränkelnden Gesellschaft ausfällt und auf uns wirkt.

Man beschreibt ihn häufig als das fehlende Glied zwischen Nick Drake, Ray Davis und Bob Dylan. Sänger Jeff Tweedy von Wilco sagt über ihn: „ich kann mich an keinen Musiker erinnern, dessen Alben mir jemals mehr bedeutet hätten.“ Ziemlich große Hausnummern sind das und doch ist Bill Fay allenthalben ein verborgener Schatz der Musikgeschichte. Und es ist Schade, dass erst ein Namedrop von Größen wie Nick Cave, Jim O’Rourke oder eben Jeff Tweedy Bill Fay zurück ins kollektive Gedächtnis brachten und zu verspäteter Wertschätzung seines Werkes führten.

All dieses Geschwalle über ein verkanntes Genie vergangener Tage mag vielleicht reichlich unproduktiv klingen, aber es ist notwendig, um zu begreifen, womit wir uns im Falle von „Life Is People“ zu tun haben: Dem dritten Studio-Album Fays nach über 40 Jahren. Und natürlich tönen die Alarmglocken schrill, wenn ein alter Herr in seinen End-Sechzigern versucht, ein neues Album aufzunehmen, das womöglich aufgrund von Altersmilde und geistigem Zerfall jeglichen Scharfsinn entbehrt. In diesem Fall hier ist das alles aber unzutreffend und außerdem musste man den schüchternen Bill wohl beinahe prügeln, um ihn zu einem neuen Album zu bewegen. Es ist verschiedenen Initiatoren zu verdanken, dass „Life Is People“ ein in erster Linie würdiges Album geworden ist. Und es ist auch nicht wirklich ein Comeback-Album, denn Fay war ja ohnehin noch nie richtig da.

Eine Coverversion des Wilco-Songs „Jesus Etc.“ zeigt, dass Fay immer noch Großes auszudrücken vermag. Und Wilco bleiben auf dem Album auch weiterhin gegenwärtig, wenn unter anderem von Jeff Tweedy ein gelungener und kraftvoller Song des Albums gefeatured wird („This world“). Die Songs wirken aufgrund ihrer minimalistischen Instrumentierung und einem sehr eindringlichen Gesang. Zwar begleiten einige Songs auch E-Gitarren, Cellos, Streicher oder ein Chor, im Mittelpunkt stehen allerdings Fay, seine brüchige Stimme und das Klavier.

„Life Is People“ bietet einen erstaunlichen Blick auf die Dinge dieser Welt, auf Gott, die Natur und den Menschen. All die Gleichnisse und Symbole, die in den Songs enthalten und verarbeitet sind, zeigen, dass es sich immer noch um einen großartigen Künstler handelt. Hier spricht nicht nur ein Musiker, hier spricht ein Philosoph, ein Poet. Fay berührt mit seinen Texten und diese verleihen den Songs wiederum Wärme. Wärme auch deswegen, weil (leider) selten die Verzweiflung und das Leid für sich selbst verarbeitet werden. Die meisten Songs versuchen, Hoffnung zu geben und versprechen Erlösung in der Zukunft. Das klingt stark nach mittelalterlicher Gottesfurcht, aber solange dabei wie bei „Healing Day“ Zeilen wie „Every battleground is a place for sheep to lay“ entstehen, verzichten wir gerne auf das Eruieren biblischer Texte.

Schade ist, dass mit den Jahren das Gespür für gutes Songwriting dieses ehrwürdigen Mannes etwas gelitten hat und deswegen auch ein wenig Wirkung auf den Hörer abhanden kommt. Es mag gerecht sein, dass Fay inzwischen sogar in einschlägigen Hipster-Magazinen für dieses zeitlose Spätwerk gelobt wird. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht alle Songs dieses Albums einen vollkommen in ihren Bann ziehen. Verdient hat Bill Fay diesen späten Ruhm aber allemal.

Achim Schlachter

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Video zu "Be At Peace With Yourself"
Video zu "This World" (mit Jeff Tweedy von Wilco)

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