Rezension

Big Thief

Two Hands


Highlights: Forgotten Eyes // The Toy // Shoulders // Not
Genre: Folk // Rock // Songwriter
Sounds Like: Neil Young & Crazy Horse // John Frusciante // Bill Callahan // Bright Eyes

VÖ: 11.10.2019

Wenn Big Thief Musik machen, ist die Ruhe zu spüren, die entsteht, wenn Menschen nah und vertraut miteinander sind. Wenn sie sich sicher fühlen, sich zu öffnen, sich einander zu zeigen. Big Thief ziehen einen großen Teil ihrer Energie daraus, wie nah sie sich sind. Hier haben sich vier Menschen gefunden, die sich nahezu blind verstehen, eine verschworene, bedingungslose Einheit. Sie kommunizieren über die Musik und lassen uns an dieser Kommunikation teilhaben. „Two Hands“, das zweite Album der Band in diesem Jahr, treibt dieses Prinzip auf die Spitze. Und diese Spitze berührt die Zuhörenden mitten im Herz.

Nachdem „U.F.O.F.“, veröffentlicht im Mai, noch ein in sich gekehrtes, ruhiges, mitunter ausbrechendes Album ist, immer wieder leicht in der Schwebe wirkend, aufgenommen in den Wäldern des amerikanischen Nordwestens, ist „Two Hands“ die geerdete Variante der verschworenen Einheit Big Thief. Und sie wurde direkt nach den Aufnahmen zu „U.F.O.F.“ eingefangen, an einem völlig anderen Ort: mitten in der Wüste. Beide Alben sind für sich absolute Meisterwerke, spiegeln die Einheit, zu der die Band gewachsen ist – das zeigen allein schon die Coverfotos. Wer sonst sollte darauf abgebildet sein als die Band – während es auf den ersten beiden Alben noch Sängerin Adrianne Lenker kurz nach ihrer Geburt oder ihre Mutter in jungen Jahren waren. Zeigt „U.F.O.F.“ die Band noch mitten in der Natur, so ist auf dem Cover von „Two Hands“ nur die Band zu sehen – hier gibt es nichts außer diese vier Menschen, roh, nah, direkt.

Das Album ist live im Studio aufgenommen, mitunter hört man die Bandmitglieder sogar miteinander interagieren – spürbar ist die Interaktion die ganze Zeit. Auf diese Art entsteht Musik, deren Intimität die Hörer*innen tief zu berühren und zu bewegen vermag. Schwer ist es möglich, einzelne Songs hervorzuheben – „Two Hands“ erscheint wie ein langer, malerischer Moment. Ein Moment des Schwelgens in der Schönheit, die entsteht, wenn Menschen sich wirklich nah sind und einander zeigen. Diese beständige Zerbrechlichkeit und Unmittelbarkeit erinnert an frühe Platten von Neil Young & Crazy Horse, an John Frusciantes Solomusik, an Neutral Milk Hotel, an irgendwie so viel mehr. So entsteht Musik, die zeitlos gut ist. Denn wenn so stark spürbar ist, dass die Menschen, die die Musik machen, es wirklich ganz genau so meinen, dann hat Kunst kein Verfallsdatum und entledigt sich vollkommen zeitgenössischer Trends.

Letztlich machen Big Thief einfach richtig gute, folkige Rockmusik. Songs von der rohen Schönheit wie „Forgotten Eyes“ oder Schmissigkeit wie „Not“, zugleich innige Balladen wie „Wolf“ – der Vergleich mit den besten Neil-Young-Alben ist wirklich nicht weit hergeholt. Und das heißt einiges, und das großartige "Shoulders" ist bisher noch gar nicht erwähnt. Jetzt doch. Big Thief sind eine seltene Besonderheit, ihre Musik ein wirklicher Hochgenuss. Wenn die Band daran festhält und sich nicht davon beeinflussen lässt, dass sie völlig zurecht immer größer werden wird, werden wir noch lange unsere Freude an ihr haben. Wann kommt endlich das nächste Album?

Daniel Waldhuber

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