Rezension

Benjamin Clementine

At Least For Now


Highlights: London // Condolence // Cornerstone // Gone
Genre: Singer/Songwriter // Chanson
Sounds Like: Leonard Cohen // Nina Simone // Jeff Buckley

VÖ: 17.04.2015

Wir haben euch bei éclat ja schon unzählige außergewöhnliche Künstler ans Herz gelegt. Und ganz selten gibt es dann mal einen, der noch ein wenig außergewöhnlicher als die anderen ist. So jemanden wie Benjamin Clementine. Aufgewachsen unter dem strengen Regiment seiner religiösen Eltern, setzte er schon mit 19 Jahren alles auf eine Karte und reiste mit einem One-Way-Ticket von London nach Paris. Dort war er zunächst obdachlos und schlug sich mit Auftritten in Bars durch. Bis ihn dann zufällig ein Agent entdeckte und mit dem französischen Medienmogul Lionel Bensemoun bekannt machte. Der wiederum war so begeistert von den Texten und der Musik Clementines, dass er kurzerhand ein Label gründete und seinen neuen Schützling unter Vertrag nahm.

Was genau macht Benjamin Clementine aber nun so besonders? Es ist zum einen natürlich seine Ausnahmestimme, die dermaßen variabel ist, dass man zeitweise kaum glauben mag, dass es sich hierbei um ein und dieselbe Person handeln soll. Clementines Timbre erstreckt sich problemlos über mehrere Oktaven und kommt dabei so authentisch daher, dass man die mitschwingenden Emotionen buchstäblich mitfühlen kann. Man hängt förmlich an seinen Lippen. Dazu tragen auch die schonungslosen und selbst offenbarenden Texte maßgeblich bei, die keinen Zweifel daran lassen, dass dieser Mann trotz gerade einmal 25 Jahren schon sehr viel erlebt hat. Allerdings nicht gerade viel Gutes.

Musikalisch ist das Piano Clementines Schatten, der seinen Lebensgeschichten überall hin folgt. Das passt natürlich ganz hervorragend, schließlich strahlt wohl kein anderes Instrument mehr Intimität aus. „At Least For Now“ könnte damit klanglich fast ein Album eines klassischen Chansoniers sein und so die Reise fortführen, welche die Vorab-EPs „Glorious You“ und vor allen Dingen „Cornerstone“ eingeleitet haben. Streicher-Elemente und sorgsam eingestreute Drums sorgen allerdings für etwas ungewohnte Breitwand-Dramatik, die an vielen Stellen passt, an manchen aber leider sehr deplatziert wirkt.

Wer beispielsweise einmal die ursprüngliche Version von „London“ gehört hat, eines der herausragenden Stücke Clementines, der wird sich mit der glatt produzierten Neuaufnahme sehr schwer tun. Noch ärgerlicher ist der vollkommen unpassende Drum-Einsatz im wunderschönen „The People And I“, der den Song leider im letzten Drittel an die Wand fährt.

Es gibt noch einige Kinderkrankheiten auf dem Debüt-Album des Wahl-Parisers, die aber eine ganz offensichtliche Tatsache nicht übertünchen können: Benjamin Clementine bringt alles mit, um einer der ganz großen Songwriter unserer Zeit zu werden. Seine Stimme und seine Texte sind schon jetzt auf dem besten Weg.

Benjamin Köhler

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