Rezension

Ben Frost

Aurora


Highlights: Venter // Secant // Sola Fide
Genre: Techno // Noise // Maximalism
Sounds Like: Health // Clark // Tim Hecker

VÖ: 23.05.2014

Die Produktion eines zerstörerischen wie innovativen „A U R O R A“ bedeutet für Ben Frost, Klangforschung zu betreiben und dabei mit der Wucht einer Abrissbirne den elektronischen Klangkosmos bis in seine atomaren Bestandteile zu zerlegen.

Während Clubmusik sich im Laufe der letzten Jahre in einer immer rasanteren Abfolge wechselnder Trends zur Massenware entwickelt hat, vorangetrieben durch die Gleichstellung von Hörer und Produzent durch ubiquitär verfügbare Software, verschlug es Frost für die Aufnahmen seiner neuen Platte ins Exil in den Kongo. Hier wirkte er zuvor mit dem Künstler Richard Mosse an einem Film-Projekt zur Demonstration der dortigen politischen Situation mit. In faszinierend ästhetisch wie surreal bedrohlichen Bildern zeigt „The Enclave“ bewaffnete Krieger durch die Kameras futuristischer Militäroptik, die die Landschaften in rotes Licht tauchen und dadurch die Camouflage der Soldaten enttarnen. Ähnlich befremdlich geht es klanglich auf „A U R O R A“ zu. Man könnte meinen, es gehe Frost hier in einer eigenen Enttarnungsaktion darum, bis dato unerhörte Strukturen elektronischer Musik aufzudecken, indem er mit seinem Fokus den Frequenzbereich akustischer Klänge von oben bis unten abwandert.

Das Ergebnis gleicht der maximalen Ohrenbetäubung, die man empfinden kann, wenn man frühmorgens übermüdet den wummernden Club verlässt. Wie eine ätzende chemische Substanz gießt Frost seine Reagenzien in ein Rauschen, dem er so Form verleiht und es nach Belieben grell oder düster erscheinen lässt. Bei seiner Reise auf Molekularebene dominieren artifiziell erzeugte Geräuschfragmente, die hier und da von Glockenspielen oder Streichern eine Ahnung von Wirklichkeit eingehaucht bekommen.

Während Frost hart daran arbeitet, den Hörer in einen Zustand der akustischen Katharsis zu versetzen, holt einen „Venter“ mit kraftvoller Rhythmik ab. Nicht umsonst arbeitete der in Island ansässige Australier zusammen mit den Metal-Drummern Thor Harris der Band Swans und Greg Fox von Guardian Alien und ehemals Liturgy zusammen. Diese veredeln nicht nur diesen Track, auch „Secant“ wird durch wildes Getrommel zu elektronischem Schamanismus. Stücke wie „The Teeth Behind Kisses“ oder „No Sorrowing“ ermöglichen, Luft zu schnappen, die Fülle an Eindrücken zu verarbeiten und Kraft zu tanken, bevor sich beispielsweise ein „Sola Fide“ majestätisch zu gewaltig einschüchternder Größe aufschwingt und einen mit Wellen aus verzerrten Synthies überschüttet. So besteht die Dynamik des Werkes nicht zuletzt aus dem Wechsel aktiver Zerstörung und scheinbarer Ruhe.

„A U R O R A“ ist abstrakt, verkopft und eine fast wissenschaftliche Abhandlung geworden. Andererseits wohnt dem hier gebotenen Trümmerfeld eine Kraft inne, die in der Lage ist, ein beinahe intimes Verhältnis mit dem Künstler aufzubauen, der versucht, seinem Hörer die Ohren zu öffnen. Die Gratwanderung zwischen Schönheit und Zerstörung ist perfekt und kann so außergewöhnlich interessant wie bereichernd aufgenommen werden.

Jonatan Biskamp

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