Rezension

Alarma Man

Love Forever


Highlights: Cabin in the Woods // Swedish Intelligence
Genre: Post-Hardcore // Math Rock
Sounds Like: Fugazi // Shellac // 31 Knots

VÖ: 13.08.2010

Hefte schließen, Brainstorming! Wer denkt bei Schweden an Ikea, ein vorbildliches Schulsystem, strikte Alkoholkontrollen und strohblonde, blauäugige Hünen? Alle? Wer an sonnigen, detailverliebten Indiepop? Wohl die meisten, sieht man von den paar verbliebenen Die-Hard-Refused-Fans ab. Sicher, die Post-Wasauchimmer-Core-Szene ist längst nicht mehr das Aushängeschild von Schweden. Doch es gibt sie noch, die Miesepeter und Nörgler, welche die Nase gestrichen voll haben vom Musterschülerstatus und Vorzeigeklischee. Fünf davon sitzen offensichtlich in Göteborg und haben mit ihrem rein instrumentalen Debüt von 2006 die Herzen der europäischen Mathrock-Szene im Sturm erobert.

2010 wird nun alles anders: Die vertrackten Schachtelkompositionen weichen einem eingängigeren, zielgerichteten Songwriting. Gesang statt Gitarrenkaskaden. Ein Schock? Ob die alten Fans den neuen, stromlinienförmigeren Stil akzeptieren, wird sich zeigen. Sicher ist, dass der Wechsel heftige Diskussionen auslösen wird. Dabei beginnt das Album mit dem instrumentalen Opener “Pitch Grammar” recht harmlos: nervöse Drumbeats, flirrende Gitarren, ein groovender, hypnotisierender Song. Wäre nicht der Gesang, würde dem Hörer nicht mal der Beginn des zweiten Liedes auffallen, dermaßen nahtlos geschieht der Übergang zu “Electric Flag”.

Diese Homogenität entpuppt sich dann auch schnell als großer Schwachpunkt des neuen Alarma-Man-Albums. Warum muss eine Band, die früher komplexen Mathrock gespielt hat, nun fast jeden Song lang dasselbe Tempo stoisch durcharbeiten? Warum ist das Gitarrengrundgerüst so verdammt einfallslos und einförmig? Alarma Man fallen in einen Trott, den sie mit der Neuausrichtung ausdrücklich vermeiden wollten: Sie recyceln. Die Gleichförmigkeit der Lieder geht so weit, dass es häufig schwer fällt, das Ende eines Liedes bei nicht uneingeschränkter Aufmerksamkeit auszumachen. Natürlich könnte man nun von Sogwirkung reden, und das stimmt auch irgendwie. Trotzdem fehlt den Liedern schlussendlich das Besondere, das herausragende Detail.

Tragisch, da sich die Band sichtlich bemüht hat. Der Saxophoneinsatz in “Night Wolf” ist originell, doch dynamischer und mitreißender wird der Song dadurch nicht. Auch der Gesang bleibt verzweifelt, dunkel und nuancenlos. Gerade gegen Ende des Albums wird er dermaßen langweilig, dass der Hörer sich selbst über den vorhersehbaren, genrebedienenden Schreiausbruch bei “Swedish Intelligence” freut. “Uninterrupted Light” drosselt zwar das Tempo, schafft es allerdings trotzdem nicht, die eindimensionale Atmosphäre des Albums zu durchbrechen.

Natürlich muss nicht jede Band den Pausenclown abgeben, doch was Alarma Man hier abliefern, ist (auch in textlicher Hinsicht) übertrieben pathetisch und ernst. Gerade von einer Band, welche ein solch trostloses Album “Love Forever” nennt und früher Lieder mit Titeln wie “Fell In Love With A Woman Twice My Size” schrieb, sollte man doch zumindest ein Fünkchen Selbstironie erwarten können.

Trotz der Stilkorrektur wissen Alarma Man wohl selbst, dass sie mit “Love Forever” nicht die Fußballstadien dieser Welt beschallen werden. Und die Fans, dass die Band auch im kommenden Jahr wieder jedes drittklassige Provinzjugendzentrum bespielt. Das verdient allerdings Anerkennung.

Yves Weber

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