Rezension

Adrianne Lenker

Songs / Instrumentals


Highlights: Anything // Zombie Girl // Come
Genre: Indie-Folk
Sounds Like: Nick Drake // Tomberlin // Bon Iver

VÖ: 23.10.2020

Die Big-Thief-Frontfrau schreibt ein Album, wie wir es in Zeiten wie diesen brauchen.

Adrianne Lenker ist vielleicht eine wichtigsten unbekannten Musikerinnen der 2010er. Innerhalb von nur drei Jahren hat sie mit ihrer Band Big Thief mit vier gefeierten Alben das Erbe von Genre-Größen wie The National angetreten und bildet die Speerspitze einer neuen Generation von Indie-Künstler*innen, die im angestaubten Genre Indie-Rock neue Wege geht.

Als sei ein Output dieser Frequenz und Qualität nicht schon beachtlich genug, legt Lenker seit 2014 auch regelmäßig Solo-Alben vor, die sich nahtlos mit ihrem Band-Œuvre verweben. "Terminal Paradise" und "From" ihres 2018er Albums "Abysskiss" landen im Folgejahr mit voller Instrumentierung auf dem Big-Thief-Album "U.F.O.F." und zeigen die Vielseitigkeit von Lenkers Songwriting und den Facettenreichtum ihrer reduzierten Melodien.

"Songs / Instrumentals", das nominell dritte Soloalbum, ist ein Produkt außergewöhnlicher Umstände. Mitten auf ihrer Europatour mussten Big Thief aufgrund der Corona-Pandemie in die USA zurückreisen, die Deutschland-Konzerte finden als einige der letzten Konzerte überhaupt statt. Statt über die abgebrochene Tour zu lamentieren, zieht sich Lenker allein in die Wälder von Massachusetts zurück, um in einer kleinen Hütte neue Songs aufzunehmen. Lenker nutzt nur ihre Gitarre und ihre Stimme, nimmt alles auf einem alten 8-Spur-Rekorder vollständig analog auf. Zutritt hat nur Phil Weinrobe, ihr Toningenieur.

Das Ergebnis ist eine Erforschung des eigenen Befindens, eine Selbstbefragung der Psyche, zwischen Einsamkeit und Herzschmerz. Ohne äußere Einflüsse und geführt durch die Limitierung der analogen Aufnahmen, sind die Songs physischen Grenzen ausgesetzt. Kein digitales Editing, sondern der Raum der Blockhütte bestimmt den Klang, keine gemeinsame Erforschung eines Themas, sondern Solipsismus das Songwriting. "Songs" ist zart und liebevoll aber auch direkt und rau. "Anything" dringt in die intimsten Sphären von Lenkers Seele vor, der Wunsch sich der Welt zu entziehen und sich ganz einem geliebten Menschen anzuvertrauen, und wird umrissen von Momentaufnahmen, die von der materiellen zur Gefühlswelt transzendieren. Wenn Lenker tief in sich geht, begleiten sie dabei neben ihrer Gitarre nur die Umweltgeräusche. Regentropfen auf dem Hüttendach und das Zwitschern von Vögeln sind im Hintergrund zu hören und verstärken die unmittelbare Intimität zwischen Lenker und ihrer Umgebung. Der Regen in "Come" wird zur rhythmischen Untermalung, bevor Lenkers Stimme die Atmosphäre an sich zieht.

"Songs"' Herzstück ist das durchweg phantastische Songwriting, dass trotz spärlicher Instrumentierung und rudimentärer Technik Songs erschafft, die mehrdimensional, transzendent und tiefgründig sind. Lenker erreicht damit bisweilen die emotionale Vermittlungsfähigkeit eines Nick Drake oder Justin Vernon auf "For Emma, Forever Ago".

"Instrumentals", die komplementierende zweite Platte , dokumentiert das Ergebnis atmosphärischer Jam-Sessions. Die zwei Stücke, die beide die 20 Minuten überschreiten, erforschen nur mit Klang die Gegenseite von "Songs", die Abwesenheit menschlicher Gedanken durch die vermittelnde Sprache. Fernab von New-Age-Kitsch oder Fahrtstuhl-Musik macht "Mostly Chimes" die Atmosphäre der Umgebung, in der die Alben entstanden, greifbar, wenn in der Mitte des Songs ein Windspiel die Geräuschkulisse untermalt.

Lenkers Selbsterforschung, die kompromisslose Konfrontation mit dem eigenen Ich, behandelt eine der zentralen Fragen dieser Zeit: Was tun wir, wenn wir aus einer beschleunigten und vernetzten Welt in die Einsamkeit gezwungen werden? In seiner Direktheit, Rauheit und Intimität ist "Songs / Instrumentals" ein musikalischer Rückzugsort und ein Fixpunkt zur Orientierung. Lenker offenbart sich in ihrem erstklassigen Songwriting und fängt die Intimität ihrer Songs unmittelbar und greifbar ein.

Robin Jaede

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