Newcomer

The Caves


Eigentlich will ich in Himeji nur schnell am riesigen Bahnhofsgebäude mit Shoppingmall vorbei, um den nächsten Bus in Richtung meiner Unterkunft zu nehmen. Doch dann werde ich von einem abgefahrenen Gesang gefangen genommen und in die entgegengesetzte Richtung gelockt. Dort entdecke ich einen jungen Mann, der mit geschlossenen Augen singt und Akustikgitarre spielt, ein selbstgemaltes kleines Schild ist neben ihm aufgestellt. "The Caves" ist auf einem bunt bemalten Hintergrund zu lesen. Daneben steht ein offener Gitarrenkoffer mit CDs, Aufklebern und einigen Geldstücken und -scheinen. In Deutschland wäre mir das ganz normal vorgekommen, dass da jemand Straßenmusik macht – in Japan wirkt das eher ungewöhnlich auf mich. Die meisten Menschen gehen an ihm vorbei, ohne zu zeigen, dass sie Notiz von ihm nehmen. Ich bleibe stehen und lausche dem Konzert.

Vom Gesang verstehen kann ich kein Wort. Obwohl ich mir denken kann, dass die Worte Japanisch sind, kommen sie mir noch fremder vor als das gesprochene Japanisch, das ich mittlerweile von den Menschen zu hören gewohnt bin. Der Gesang hört sich für mich an wie Isländisch oder Norwegisch, ich muss an Moddi, Björk, Sin Fang und andere skandinavische Acts denken, deren Musik mich schon oft mit auf Gedankenreisen genommen hat.

Hinter The Caves steckt der Künstler und Musiker Shoma Fujino. 2016 veröffentlichte er sein erstes Album. Darauf folgten viele Auftritte, Kollaborationen und weitere Veröffentlichungen. Neben der Musik beschäftigt sich Fujino auch mit anderen künstlerischen Ausdrucksmitteln wie der Malerei, Videoproduktion, Grafikproduktion und Gedichtschreiben.

Über Ghostparty sind einige schöne Liveaufnahmen von The Caves zu entdecken. Und auch da muss ich bei den Seen und Wäldern wieder an Skandinavien denken, auch wenn dort die japanische Natur gezeigt wird. Neben den Videos von The Caves gibt es über Ghostparty auch noch weitere wunderschöne und großartige Musik aus Japan zu entdecken. Das Ghostparty-Team hat sich zusammengetan, um im Sinne der 4AD Sessions oder Take Away Shows ein japanisches Pendant für Musiker*innen zu bieten.

Ebenfalls zu empfehlen, ist die The-Caves-Kooperation mit SHU. Der fügt zur elfenhaften Musik von The Caves Handpan-Klänge hinzu – was wunderbar zusammenpasst, wie zum Beispiel im Song "Afan" zu hören ist. Der Song ist auch Teil eines gemeinsamen Albums, das 2019 erschienen ist. Sich selbst beschreiben die beiden als "acoustic unit" "with clear singing voice like light snow" und einem nostalgischen Handpan-Sound, "[that] leads you to the mental scenery of someday".

Wer in diesen Klängen mal live schwelgen möchte, kann The Caves anfragen, nach Europa auf Tour zu kommen – und ihm so einen seiner großen Träume erfüllen.

The Caves – "Cornell" (live on the boat)


The Caves – "Nostalgia"


The Caves – "Yuki No Kioku"


The Caves x SHU – "Afan"


Homepage: www.the-caves.net

Bandcamp: the-caves.bandcamp.com/releases

Marlena Julia Dorniak

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