Konzertbericht

Seth Lakeman


Wer ist eigentlich Seth Lakeman? Diese Frage konnten bisher wohl nur eingefleischte Folkfans beantworten, aber das könnte sich jetzt bald ändern. Das bunt gemischte Publikum aus Mittdreißigern, Stylern, Folknerds und einer auffälligen Anzahl von Mutter-Tochter-Pärchen im Kölner Luxor lässt darauf schließen, dass der Brite sich langsam auch in Deutschland einen Namen macht.

Bevor Lakeman mit seinem Ensemble die Bühne erobert, ist ein Mann an der Reihe, der, gemessen an der Häufigkeit der Bandshirts, wohl einen guten Teil zur Zuschaueranzahl beigesteuert hat: der Australier Carus Thompson, der am Vorabend noch nach dem letzten Konzert der Tour mit seinem Kumpel Seth um die Häuser gezogen ist, ist der etwas andere Typ Singer-Songwriter, der mit seinem Terence-Hill-Lächeln die Zuschauer direkt auf seine Seite zieht und reichlich positive Stimmung verbreitet. Wenn er bei den Songs zwei Meter neben das Mikro tritt und seine Stimme trotzdem bis in die hinterste Ecke des Clubs reicht, ist das besonders beeindruckend. Auch eine gerissene Gitarrensaite kann diesem großartigen Auftritt nichts anhaben.

Nach der obligatorischen halben Stunde Wartezeit sind dann endlich Seth Lakeman, sein Bruder Sean, Benji Kirkpatrick, Simon Lea und Ben Nicholls an der Reihe. Lakeman wechselt bei den Songs zwischen seiner Violine und einer vierseitigen, halbakustischen Tenor-Gitarre. Lea begleitet ihn mit einer ganzen Reihe von Rhythmusinstrumenten. Neben dem Schlagzeug kommen ein Cajón und sogar Klanghölzer zum Einsatz. Dazu gibt es vom Rest der Band einen Kontrabass, einen E-Bass, eine Mandoline, und noch mehr Gitarren. Wenn man sich diese Liste von Instrumenten vor Augen führt, erwartet man als erstes einen Sound, der ganz tief im Folk verwurzelt ist. Das stimmt auch zum Teil, neben den Songs von Lakemans fünf Alben werden auch drei Traditionals gespielt. Diese klingen aber weitaus poppiger als erwartet, was auch für die Eigenkompositionen gilt. Die Band balanciert dabei zwischen Folk und Pop.

Die Tenorgitarrensongs sind etwas nachdenklicher, während das ganze Publikum tanzt, wenn Lakeman sich die Violine an den Hals setzt. Wie man Violine spielen und gleichzeitig so gut singen kann, bleibt ein Rätsel. Dass es hier textlich etwas anders zugeht als bei der Konkurrenz und auch mal die Finanzkrise thematisiert wird, rundet das Bild ab. Im Kielwasser von Munford & Sons werden momentan viele Folkacts nach Deutschland gespült. Seth Lakemans Band hat das Zeug dazu, mehr als nur eine von vielen zu sein.

Photo: Pressefreigabe

Marcel Eike

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