Konzertbericht

Into It. Over It. / Modern Baseball / Tiny Moving Parts


Jeder Musikrichtung wird hin und wieder einmal der Tod nachgesagt. Nas behauptete es über Hip Hop, Gene Simmons jüngst über Rock und dass The Exploited über Punk das Gegenteil behaupteten, ist auch schon über 30 Jahre her. "Emo is dead" gab es dagegen verhältnismäßig selten zu lesen. Mag zum einen daran liegen, dass man sich Emo vielleicht am ehesten als depressiven Teenager vorstellt, der zwar manchmal vom Tod redet, sich aber allerhöchstens die Pulsadern in die falsche Richtung aufschneidet. Zum anderen ist Emo aber vielleicht auch deshalb nicht totzukriegen, weil er so anpassungsfähig ist, dass Teile von ihm in den verschiedensten Bands weiterleben können.

Zumindest ist dies ein Gedanke, der evoziiert wird, wenn das Molotow ein Konzert von Into It. Over It., Modern Baseball (s. Foto) und Tiny Moving Parts mit Verweis auf die Wandelbarkeit des Emo ankündigt. Wo so im Großen und Ganzen doch recht verschiedene Bands zusammen auftreten, die alle ihre eigenen Fans mitbringen, mag die Verteilung des Headlinerpostens schwer fallen – deshalb werde laut Aussage von Modern Baseball jeden Abend darum gewürfelt, ob sie oder Into it. Over It. den Gig abschließen dürfen. Die Rolle des Openers fällt so oder so den Tiny Moving Parts zu, die vor allem live fast schon in Richtung Math-Rock gehen – passt nicht astrein zum Rest des Abends, stößt aber dennoch auf lautstarke Zugabenwünsche und das eine oder andere "nachgesungene" Gitarrenriff während der Umbaupause.

Dass danach Modern Baseball auftreten, verrät, zu wessen Gunsten an jenem Abend die Entscheidung ausgefallen ist (aber nicht, wieso die Herrschaften statt eines Würfels nicht einfach eine Münze bemühen) und so kommt die Band mit den offensichtlichsten Hits des Abends an zweiter Stelle: Was Modern Baseball spielen, ist nämlich in letzter Instanz Poppunk, verdammt guter noch dazu und das über zwei Alben verbreitet – "Sports" und unseren letztjährigen Jahrescharts-Bewohner "You're Gonna Miss It All". Dass "Broken Cash Machine" und "Your Graduation" an den Beginn und das Ende des Sets gesetzt werden, ist dann smart, aber wenig überraschend – ganz im Gegensatz zu einem vollkommen ironiefrei und komplett gespielten The-Killers-Cover "When You Were Young" kurz vor Abschluss.

Bei einer Konzertlänge von je einer knappen Stunde ist dann auch egal, wer Headliner ist – auch wenn Into It. Over It. eine solche Position dann doch etwas weniger zu Gesicht steht. So merkt man ihnen an, dass sie im Herzen eigentlich nur das Bandprojekt des Songwriters Evan Thomas Weiss sind, die in ihrer Rockversion an Intimität verlieren und auch oft zu sehr auf klassische Strophe-Refrain-Schemata verzichten, um im Gedächtnis hängen zu bleiben. Ein schönes Ding bleibt vor allem Weiss' 2011er Album "Proper" trotzdem. Und so sind Into It. Over It. dann auch ein gelungener Abschluss eines Abends mit drei grundverschiedenen Bands, die alle irgendwie Emo sind. Oder auch alle irgendwie nicht, eigentlich ja egal – um Leben oder Tod eines Genres geht es hier ja nun auch nicht.

Jan Martens

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