Konzertbericht

Archive & Orchestra L'autunno from Poznan


Wären Archive ein Gemüse, dann wären sie eine Zwiebel. Schicht für Schicht um einen Kern zusammengesetzt und am Schluss stehen immer Tränen. Zusätzlich, als wären die üblichen, sich immer wiederholenden Keyboard-, Schlagzeug-, Gitarren- und Bassspuren nicht genug, reist die Band dieses Mal mit einem ganzen Orchester an. Zusammen präsentieren sie an diesem Abend im eher pragmatisch denn schön gestalteten Konzertsaal der UdK Berlin ausgewählte Stücke aus 15 Jahren Bandgeschichte.

Nur Sitzplätze bei Archive, gediegen und klischeebehaftet mit einem riesigen, alten Orchester? Kann man sich dauerhaft kaum vorstellen, denn Archive haben zwar mit "Again" einen der besten Songs aller Zeiten geschrieben, aber wer die Band kennt, weiß, dass im Laufe der Karriere nicht nur Balladen entstanden.

Archive wählen an diesem Abend die elegante Lösung: Ein junges, spielfreudiges Orchester begleitet die ruhigen Stücke und darf sich ab und an eine Pause gönnen, in dem die Band in Lärmpassagen übergeht. Dem Publikum bietet die Band an diesem Abend ein Best Of: Opener ist das opulente "Lights", das ungefähr bis zu dem Punkt sehr gut ist, als das Drumming einsetzt. Leider der Schwachpunkt des Abends: Der stets gelangweilt schauende, mit weit aufgerissenem Mund Kaugummi kauende Schlagzeuger verdeckt nicht nur die Sicht auf das Orchester, sein Schlagzeug ist auch noch viel zu laut abgemischt. Das hat auch den Effekt, dass es oft wirkt, als wäre das Orchester gar nicht da, beziehungsweise würden zwei verschiedene Konzerte stattfinden. Archive, die ihre Songs spielen und das Orchester als Pausenüberbrückung. Trotz dieser Widrigkeiten ist dieser Abend ziemlich gelungen. Die Band ist in Hochform, Stücke wie "Finding It So Hard" kommen auch im bestuhlten Saal so gut an, dass es mitten im Konzert Standing Ovations gibt und Stücke wie "Bullets", "Dangervisit", "I Will Fade" oder "Collapse/Collide" sind einfach zu gut, um durch Kleinigkeiten gestört zu werden.

Knapp zwei Stunden unterhalten Archive & Orchestra L'autunno from Poznan das Publikum diesen Abend, natürlich durfte auch am Ende das unvermeidliche, aber schnell heruntergespielte "Again" nicht fehlen. Ein komplett neues Gewand fanden die Werke der Band an diesem Abend nicht – was aber auch nicht Intention der Band war: "Wir haben diese Songs mit Orchester aufgenommen, nun wollen wir sie auch live so spielen", hieß es sinngemäß in der Ankündigung. Diesen Anspruch können sie auf jeden Fall erfüllen – manchmal ging es auch darüber hinaus.

Klaus Porst

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