Konzertbericht

65daysofstatic


In der Musikwelt scheint sich Gott sei Dank folgende Regel durchgesetzt zu haben: Live-Alben haben nur jene Künstler zu veröffentlichen, die entweder so bekannt und im Mainstream beliebt sind, dass ihre Fans sowieso jeden Rotz von ihnen kaufen, oder die sich in der Tat auch wirklich durch gewisse Livequalitäten auszeichnen. Da 65daysofstatic noch keine Stadien füllen und keine Millionen von Fans haben, die jeden ihrer Songs mitgröhlen - was bei einer Instrumentalband auch eher schwierig wäre -, konnte nach dem aktuellen Release ihrer Livescheibe „Escape From New York“ also zumindest gemutmaßt werden, dass man sich das Quartett aus Sheffield zumindest einmal angeschaut haben sollte. Und dass mit Nihiling und den Picturebooks zudem zwei vielversprechende deutsche Bands die Band unterstützen sollten, sprach dafür, dieses Vorhaben im Hamburger Headcrash in die Tat umzusetzen.

Und wo wir gerade bei Live-Alben sind: Wie sich zu Beginn des Abends bereits zeigte, sollten diese möglichst nicht in jener kleinen Spelunke am Hamburger Berg aufgenommen werden, da ansonsten die Gefahr enorm wäre, dass bei Beginn der Aufnahmen entweder der Mischer, die Hälfte des für die Stimmung verantwortlichen Publikums oder wer auch immer nicht anwesend wäre. Oder, anders gesagt: Wieso wird als Beginn 20.30 Uhr angegeben, wenn der erste Act zu diesem Zeitpunkt bereits beim letzten Drittel seines Sets angelangt ist? So war es uns leider verwehrt, den Auftritt der einheimischen Nihiling komplett zu genießen. Da diese jedoch regelmäßig bei Konzerten in der Hansestadt als Instrumentalband-Support-Huren fungieren, kann trotzdem als kompetentes Urteil abgegeben werden: Nihiling bewiesen wieder einmal, dass sie eine der vielversprechendsten deutschen Postrockbands sind, die sich zudem durch die Tatsache, dass sie nicht auf Vocals verzichten, von vielen anderen abheben und außerdem eine der heißesten Bassistinnen des Genres in ihren Reihen haben. Okay, wahrscheinlich auch die einzige Bassistin des Genres, aber egal.

Auch erfreulich, dass der zum Beispiel jüngst auf dem Mono-Gig zu beobachtende Effekt „Der von Nihiling komplett auf die Gästeliste gesetzte Freundeskreis der Band interessiert sich nicht für den Mainact und nervt dann alle anderen mit seinem Geschwafel“ sich diesmal nicht auf die nachfolgenden Bands auswirkte. Dies wäre zumindest bei den Picturebooks verdammt schwierig gewesen: Lautstärke wie eine explodierende Panzer-Bataillon und da Pausen zwischen den Songs sowieso Memmenkram sind, wird stattdessen ein „hysterischer Hit aus der Abteilung für Schwergeschädigte“ (wie Kollege Barnard sie so schön betitelte) nach dem anderen dem Publikum um die sowieso schon surrenden Ohren gekloppt. Jede Minute des Auftritts atmet (ach was, hyperventiliert!) den Rock 'n Roll, und auch wenn Teile des Publikums etwas verstört wirkten - scheißegal, System Of A Down mochte in ihren Anfangstage als Slayer-Support auch keiner. Von den Picturebooks wird sicherlich noch zu hören sein.

Eine Art Gegensatz zu diesem straighten In-die-Fresse-Punk gab es dann mit dem Hauptact des Abends. Es ist bezeichnend, wenn Songs wie „Drove Through Ghosts“ oder das quirlige „Radio Protector“ in ihren ersten Tönen wie Sing-along-Hit-Singles gefeiert werden, die eigentlich auch soweit von „Popsongs“ entfernt sind wie Britney Spears von einem „World's Greatest Mum“-Award: Denn trotz wunderschöner Melodien im Vordergrund verstecken sich auch hinter diesen Stücken verquere Elektro-Instrumental-Postrock-Strukturen, die die Engländer von so gut wie allen anderen Instrumentalbands abheben. Live wirkt dies manchmal anstrengend, oft aber ziemlich beeindruckend - auch wenn die Ansage, man möge sich doch gerne soviel bewegen wie möglich, kaum zu Herzen genommen wird. Denn wie sollte ein Tanz zu diesen Songs bitte schön aussehen?

Auch egal: Nach knapp 60 Minuten ohne Zugabe gehen 65daysofstatic von der Bühne und lassen ihr Publikum irgendwo zwischen begeistert und irritiert zurück. Sicherlich keine Kost für Jedermann, für den einen oder anderen aber mit Sicherheit eine der interessantesten Bands, die das UK aktuell zu bieten hat - und für die gibt es zur Rekonstruktion des Erlebten ja nun auch das Live-Album.

Jan Martens

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