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UNSERE ALBEN DES JAHRES 2010
1
ARCADE FIRE
The Suburbs
Sie haben es getan. Arcade Fire erreichen auch 2010 mit "The Suburbs" den Titel als meistgeliebtes Album des Jahres der Redaktion. Nicht nur mit dieser erfolgreichen Rückeroberung zeigt das kanadische Kollektiv, sein Ansinnen die größte Band des kommenden Jahrzehnts zu werden: Ein Bestreben, dem – so kann durchaus geunkt werden – wohl nicht viel im Weg steht, außer vielleicht unser Platz drei, aber dazu später. Mit Indie-Pop, der komplexe Arrangements in größtmöglicher Zugänglichkeit präsentiert, schaffen Arcade Fire es auf "The Suburbs", vom Popper bis zum größten Indie-Nerd alle hinter sich zu versammeln. Dazu trägt unter anderem das Potential der Stücke bei, deren Qualität von Hördurchgang zu Hördurchgang zu wachsen scheint. Herzlichen Glückwunsch also an Win Butler, Régine Chassagne und ihre Mitstreiter zum erneuten verdienten Erklimmen der Spitzenposition unserer Jahrescharts.
(Oliver Bothe)
2
CARIBOU
Swim
Bis zum Schluss war es ein harter Kampf zwischen Arcade Fire und Dan Snaith aka Caribou um den Titel. Im Endkampf musste sich Kieran Hebdens guter Freund dann doch noch geschlagen geben. Aber auch dieser zweite Platz belegt, welch begeisternde, tiefgründige und vor allem einfach nur erstaunliche Vision von elektronischer Musik er dies Jahr vorlegte. Musik zu machen, die nur zufällig Tanzmusik sei, war sein Bestreben und tatsächlich erstaunt, wie eingängig seine Klangkaskaden sind, wie unkompliziert und doch zwingend seine experimentellen Popvisionen zum Tanzen verleiten. Niemand hätte nach dem Vorgängeralbum "Andorra" erwartet, das zu hören, was er auf "Swim" hört. Umso mitreißender gelingt das Endergebnis.
(Oliver Bothe)
3
THE NATIONAL
High Violet
Eigentlich müsste es mittlerweile ja verdammt uncool sein, The National noch zu mögen: Ausverkaufte Riesenhallen, Beiträge im ZDF. Doch Erfolg, wem Erfolg gebührt, und auch "High Violet" ist eben wieder ein Meisterwerk des emotionsgeladenen Indie, mit dem sich die Band völlig zu Recht zum ersten Mal auf unserem Treppchen wiederfindet. Daran würde selbst ein Auftritt bei "Wetten, Dass!?" nichts ändern – aber wir wollen ja nicht den Teufel an die Wand malen.
(Jan Martens)
4
FOUR TET
There Is Love In You
Wir rätseln ja immer noch, wie Kieran Hebden alias Four Tet eigentlich diese Millionen an Details in seinen Songs unterbringt, ohne dabei komplett wahnsinnig zu werden. Wie immer er das anstellt, er sorgt jedenfalls dafür, dass uns "There Is Love In You" auch nach der hundertsten Rotation immer noch so frisch und innovativ wie bei der ersten Begegnung Ende Januar vorkommt. Angesichts der diesjährig hochkarätigen Konkurrenz aus dem elektronischen Lager ist diese Leistung nur umso höher zu bewerten und der Angriff auf die Spitze wird mit dem nächsten Album sicherlich noch vehementer ausfallen.
(Benjamin Köhler)
5
FRIGHTENED RABBIT
The Winter Of Mixed Drinks
Wenn sich eine Handvoll Schotten an der rauen Ostküste eingräbt, um Musik zu machen, dann kann das Ergebnis nur großartig sein. "The Winter of Mixed Drinks" besticht durch seine gleichbleibend hohe Qualität an kleinen Hymnen auf das Meer und auf das Leben – unmöglich erscheint der Versuch, die Highlights des Album zu benennen. Damit schiebt sich die Platte verdientermaßen auf Platz fünf der Helga-Rockt-Jahrescharts und sichert ihrer Band zudem den inoffiziellen Titel als "Beste schottische Band des Jahres".
(Mischa Karth)
6
DEERHUNTER
Halcyon Digest
Das ist es einfach. Deerhunter aus Atlanta machen 2010 mit "Halcyon Digest" Musik, wie sie zeitlos schöner nicht sein könnte, mit Songs, die homogen miteinander verstrickt sind und doch für sich stehen, Shoegaze und Indie mit dem Sound lang vorübergegangener Jahrzehnte, 60's und 70's, paaren. Ein einziger Rausch an Musik, die sich in keinerlei Schublade stecken lassen will und kann, sondern hauptsächlich eines ist: Verdammt gut.
(Daniel Waldhuber)
7
PANTHA DU PRINCE
Black Noise
Unser kleiner elektronischer Redaktionshype – Teil 2 von 2. Nach Burial-Buddy Four Tets Platte, die es auf Platz 4 unserer Jahrescharts geschafft hat, liefert Hendrik Weber das unserer Meinung nach beste Elektro-Album ab. Seine kristallklaren Soundlandschaften, die um atmosphärische, kaum hörbare Field Recordings erweitert wurden, haben in 2010 ihresgleichen gesucht.
(Andreas Peters)
8
ARIEL PINK'S HAUNTED GRAFFITI
Before Today
Der Aufstieg des Jahres. Seit Jahren eine feste Größe in der Underground-Szene, macht sich Vollnerd Ariel Pink mit seinem ersten "richtigen" Album gleich mal in sämtlichen Jahrescharts der Fachpresse breit. Hat sich der olle Kerl aber auch verdient, schließlich ist "Before Today" nicht nur ein abgefahrener Trip, sondern glänzt nebenbei auch mit richtig guten Ideen und einer geradezu unverschämt hohen Ohrwurmdichte. Wird schwierig, nach dem Ding wieder abzutauchen, Mr. Pink...
(Benjamin Köhler)
9
BEACH HOUSE
Teen Dream
Ob nun das dritte Album von Victoria Legrand und Alex Scally alias Beach House tatsächlich zum Schwelgen in Erinnerungen an die Zeit als Teenager verleitet oder einfach nur die Krönung ihrer dramatisch-melodiösen Songwriterkunst ist, sei dahingestellt. Sicher ist: die zwischen der Entdeckung der Langsamkeit und schwelgerischem Wohlklang changierenden Stücke machen in all ihrer melancholischen Schönheit glücklich. Diesem Glück mögen Weinkrämpfe vorausgehen, aber hinterher fühlt man sich ohne Zweifel erhoben und emotional gereinigt. Das macht dieses Album zu einem der stillen Favoriten dieses Jahres, dessen Eleganz, Inspiration und Sinnlichkeit von wenigen anderen Veröffentlichungen erreicht wurde.
(Oliver Bothe)
10
THE GASLIGHT ANTHEM
American Slang
Spätestens dann, wenn man die Bühne auf einmal mit dem eigenen Idol teilt, hat man's geschafft. Aber auch ohne den gemeinsamen Auftritt mit Bruce Springsteen war 2010 ein Jahr des Ruhms für The Gaslight Anthem. Die Konzerthallen wuchsen und wuchsen, die Festival-Slots wurden immer prominenter. Gedankt sei's "American Slang": Den Vier aus New Jersey gelingt's mit ihrem Drittwerk, dem eigenen Indie-Punk das letzte Quäntchen Pop einzuhauchen, das zum Durchbruch noch fehlte. Die Belohnung: Sie klettern in unsere Top 10, die sie vor zwei Jahren noch verpassten. Alle Weichen auf Aufstieg. Nächstes Ziel: Weltherrschaft.
(Gordon Barnard)
11
VAMPIRE WEEKEND
Contra
Nach einem Debüt voller glänzender Drei-Minuten-Popsongs nun ein Nachfolger, angereichert mit gemächlicheren Stücken mit doppelter Länge? Kann theoretisch ja nur kommerziellen Selbstmord bedeuten – liefert im Falle von Vampire Weekend aber den Beweis, dass die Band auch jenseits ihrer alten Grenzen einfach keine schlechten Songs schreiben kann und zeigt, dass auch 2011 lupenreiner Pop noch mitreißen kann.
(Jan Martens)
12
JUNIP
Fields
Es kann ja schon mal Bollerrock herauskommen, wenn ein Singer-Songwriter plötzlich Bock aufs Bandprojekt bekommt. Stichwort: Grinderman. Aber José González ist nun mal nicht Nick Cave. Dennoch war das Junip-Debüt "Fields" ein Wagnis – daran zu erkennen, dass so manchem González-Jünger der sachte Groove, mit dem dieser Düster-Pop einlullt, zu plätschernd war. Alle anderen freuten sich über eine natürliche Großtat von Album. Und einen wunderbaren Nachweis: Das Ringen um die erste Geige zwischen Band und Songwriter kann auch mal unentschieden ausgehen.
(Gordon Barnard)
13
TITUS ANDRONICUS
The Monitor
Punk und Konzeptalbum – kann ja eigentlich nur schiefgehen, klappt bei "The Monitor" aber fast noch besser als zuletzt bei "American Idiot": Denn wo Green Day gerne noch mit Pop und Schmalz anbiederten, naht sich bei Titus Andronicus ein energiereicher wie durchdachter Hit an den nächsten – immer wieder Umwege über Genres von Classic Rock bis Songwriter schlagend, aber am Ende stets als einfach guter Song wieder rauskommend.
(Jan Martens)
14
SUFJAN STEVENS
The Age Of Adz
Wer behauptet, dass es zwischen Genie und Wahnsinn eine schmale Grenze gäbe, hat Sufjan Stevens noch nicht kennengelernt: Der reißt diese einfach komplett ein, liefert ein großartiges Meisterstück zwischen Folk und Elektro ab, das in keiner seiner 80 Minuten langweilt und schafft zudem etwas, das zuvor noch niemandem gelang: Gleich mit zwei Werken in unseren Jahrescharts vertreten zu sein. Fortsetzung folgt – auf Platz 30.
(Jan Martens)
15
BROKEN SOCIAL SCENE
Forgiveness Rock Record
Nach fünf Jahren, die den anderen Projekten der Nationalmannschaft der kanadischen Indieszene galten, waren sie im April endlich zurück: Broken Social Scene, nach wie vor Garant für im Kollektiv mit viel Herzblut vorgetragenen Indie-Pop-Rock in bester Manier. Und ein Haufen potentieller Songs des Jahres wie "World Sick" oder "Texico Bitches" ergibt dann in der Gesamtheit eben auch eine unserer Platten des Jahres, logisch.
(Daniel Waldhuber)
16
THE BUILDERS AND THE BUTCHERS
Dead Reckoning
Hallo Dunkelheit, hallo Lebensfreude: Wer die enge Nische zwischen euphorischem Folk à la Mumford & Sons und dunkler, amerikanischer Melancholie à la Murder By Death so durchgängig mitreißend ausfüllt wie The Builders And The Butchers, hat es verdient, mit einem Auge Richtung Top 10 zu schielen. Der vielleicht größte Geheimtipp unserer diesjährigen Charts – jetzt lieben lernen, danken könnt ihr uns später.
(Jan Martens)
17
NO AGE
Everything In Between
Aus Los Angeles schicken Randy Randall und Dean Spunt uns verwinkelten Noise-Rock rüber, bei dem hinter einigen Ecken auch glänzende Popmelodien versteckt sind. Auf "Everything In Between" entfernen sich No Age weiter von ihren Skate-Punk-Wurzeln und testen statt dessen mehr und mehr aus, was alles in ihren Instrumenten steckt. Das mündet in verzwickten Jams mit verzerrten Gitarren oder gar poppigen Hand-Clap-Momenten, zu denen sich dann aber gleich wieder ein eigentümlich verkorkster Gesang gesellt, um das Ganze wieder eine Spur unkonventioneller aussehen zu lassen.
(Marlena Julia Dorniak)
18
LCD SOUNDSYSTEM
This Is Happening
Die vorerst letzte Veröffentlichung von James Murphy in seinem Projekt LCD Soundsystem schafft es in unsere Top 20 aus 2010. Kein Wunder: selten hat eine Platte so gekonnt den Balanceakt zwischen Elektro, Punk und Pop gemeistert, dass am Ende ein tanzbares Chill-Out-Monster mit ganz großen Melodien dabei rauskommt. "This Is Happening" ist eine Platte für die großen letzten Momente von LCD Soundsystem und groß genug, um den kurzfristigen Ausfall James Murphys beim diesjährigen Melt!-Festival sanft abfedern zu können.
(Andreas Peters)
19
GHINZU
Mirror Mirror
Spieglein, Spieglein an der Wand, macht Ghinzus drittes Album die Band endlich bekannt? Gerecht wär's, die Belgier marschieren beim musikalischen Vorwärtsdenken schließlich an der ersten Front. Heraus kam auch dieses Mal eine dramaturgisch perfekt konzipierte Platte, inspiriert von einem ganzen Wandschrank voller Genres. "Mirror Mirror" konnte wie kein zweites Album in diesem Jahr alles: Indie, Noise, Art, Electro. Redet man vom Musikstandort Belgien, denken alle stets an dEUS. Nicht mehr lang und Ghinzus Name fällt im selben Atemzug.
(Gordon Barnard)
20
MENOMENA
Mines
Mit "Mines" liefern Menomena eines der Kreativitätsspektakel des Jahres ab. Selbsternannter Art-Rock, verstückelter, nie gleich klingender Mix aus Prog-Elementen, seichtem Indie und verquerem Pop, dreckig wie Sonic Youth, träumerisch-rein wie Death Cab For Cutie und kreativ wie die Flaming Lips. Ein Übermaß der Ideen, aufgenommen in Loops und zerstückelt ins Unendliche, um dann zu einem homogen-interessanten Gesamtbild zusammengefügt zu werden. Wer diese Platte noch nicht gehört hat, sollte das schleunigst tun.
(Daniel Waldhuber)
21
YEASAYER
Odd Blood
Den Preis für das hirnfickendste Intro dürfen sich dieses Jahr Yeasayer in die Vitrine stellen. Es blubbert, wabert und will so gar nicht hineinlassen in "Odd Blood". Wie irreführend. Denn mit ihrem Zweitling bündelt die Band ihr Können auf catchy Gesangsmelodien, die sich kackdreist in den Hirnstamm einfräsen – und keine Anstalten machen, dort je wieder weg zu wollen. Den offenherzigen Sound des Debüts fährt die Band um ein paar Nuancen nach unten, jagt ihr Songwriting dafür einmal quer durchs Mischpult. Neues Spiel, neues Glück?
(Gordon Barnard)
22
THE DILLINGER ESCAPE PLAN
Option Paralysis
Vor dem Release nannten Dillinger Escape Plan "Option Paralysis" ihr Metal-Album – "Pop-Album" oder "Jazz-Album" hätte vielleicht genauso gepasst. Doch dass die bandtypischen Zerstörungsorgien immer mehr von Lounge-Klavieren und sich schüchtern versteckenden Melodien durchsetzt werden, bedeutet oft lediglich Ruhesekunden zwischen den Stürmen – und zeigt, dass Dillinger Escape Plan die wohl spannendste Band bleiben, die jemals einen 7/8-Takt zerfrickelt haben.
(Jan Martens)
23
VILLAGERS
Becoming A Jackal
Die Vergleiche mit Bright Eyes' Mastermind Conor Oberst kommen nicht von ungefähr, denn nicht nur den Vornamen teilen er und Conor O'Brien, Frontmann und Songwriter bei den Villagers, sich: O'Briens Ideenreichtum scheint schier unendlich zu sein. Auf "Becoming A Jackal" vereint er düsteren, traurig-schönen Pop mit orchestralen Einschlägen, zerbrechlichen Folk-Momenten oder gar wucherndes Bass- und Schlagzeugspiel mit mehrstimmigem Gesang. Definitiv eines der besten Alben dieses Jahres.
(Marlena Julia Dorniak)
24
HANS UNSTERN
Kratz Dich Raus
Gerade einmal eine deutschsprachige Platte hat es in unsere Jahrescharts geschafft und dann auch noch ein verschrobener Newcomer, dessen Debüt ständig zwischen Genie und Wahnsinn pendelt. Kein Zweifel, Hans Unstern revolutioniert mit seinem experimentierfreudigen "Kratz Dich Raus" das muffige Singer/Songwriter-Genre. So viel Mut muss belohnt werden, finden wir, und deswegen bekommt Hans von uns auch den inoffiziellen Preis für das beste deutschsprachige Album des Jahres.
(Benjamin Köhler)
25
WOLF PARADE
Expo '86
Würde Gott die Menschheit erneut mit einer monatelangen Flut strafen und sie zwingen, nur zwei Indierockköpfe mit auf die Arche zu nehmen, täte man wohl gut daran, Dan Boeckner und Spencer Krug auszuwählen: Diese zeichnen sich nämlich nicht nur für Handsome Furs beziehungsweise Sunset Rubdown verantwortlich, sondern als Dream Team auch für Wolf Parade – die mit "Expo '86" wieder einmal ihre Vormachtstellung in diesem Genre verteidigen und anno 2010 krachender und druckvoller zu Werke gehen als je zuvor. Mittlerweile hat die Band eine unbestimmte Auszeit angekündigt – und wir würden uns nicht wundern, könnten wir 2011 wieder eines der Nebenprojekte in unserer Liste begrüßen.
(Jan Martens)
26
MUSÉE MÉCANIQUE
Hold This Ghost
Musée Mécanique stellen hohe Ansprüche an ihre Musik: Jeder Song solle eine Seele haben – so wie auch die Maschinen des Musée Mécanique in San Francisco, nach dem sich die Band benannt hat, eine eigene Aura umgibt. Wird das Quintett aus Portland diesem Anspruch gerecht? Wer dieses Jahr bereit war, ganz genau hinzuhören und sich auf den ruhigen Rhythmus einzustellen, in dem "Hold This Ghost" atmet, kann diese Frage nur bejahen. Auf leisen Sohlen schlichen sich Musée Mécanique mit ihrem Debütalbum an und machten es sich mit ihren feinsinnigen Songs in unseren Herzen bequem.
(Kilian Braungart)
27
JÓNSI
Go
In 2010 versuchte sich Jónsi alias Jón Þór Birgisson mit "Go" solo, mit dem Ergebnis einer Art Kindergeburtstagsversion seiner Hauptband Sigur Rós, poppiger und doch nicht an Tiefe und Melancholie mangelnd. Nicht nur in der fabelhaften Liveumsetzung ein Feuerwerk der Gefühle, das berührt – so auch unsere Redaktion, als Belohnung gibt es Platz 27 der Jahrescharts.
(Daniel Waldhuber)
28
JOANNA NEWSOM
Have One On Me
Joanna Newsom. Nach gut drei Jahren erschien also der Nachfolger zu "Ys" – unserem Platz 5 des Jahres 2006 – und zog in seinen Bann. Zwischen Schönheit und Kitsch wechselt "Have One On Me", ohne wirklich angreifbar für Kritik zu sein. Zwischen Verzweiflung und Begeisterung pendelt die Reaktion des Hörers ob der präsentierten technischen wie künstlerischen Perfektion. Am Ende bleibt kaum anderes übrig, als sich der Harmonie, dem Wohlklang hinzugeben und sich erneut in Newsoms Folkmusik zu verlieren, den Irrgarten zu betreten und gar nicht zu versuchen, einen Ausgang zu finden.
(Oliver Bothe)
29
ANGUS & JULIA STONE
Down The Way
Mit "Down The Way" meldeten sich unsere Lieblingsaustralier im Januar endlich zurück. Diesmal schlugen die beiden Geschwister neue Wege ein und und hatten keine Angst vor Experimenten. Das Ergebnis ist ein deutlich abwechslungsreicheres Album, das beinahe mit dem großartigen "A Book Like This" mithalten kann. Inzwischen hat das auch der Rest von Deutschland gemerkt und Angus & Julia kann man endlich im Radio hören. Ob man sich darüber freut oder ärgert, ist Geschmackssache. Für uns ist "Down The Way" auf jeden Fall eins der Highlights des Jahres.
(Marcel Eike)
30
SUFJAN STEVENS
All Delighted People
Vier Jahre mussten wir auf neue Songs von Sufjan Stevens warten, bis Mitte diesen Jahres aus dem Nichts diese knapp einstündige EP auftauchte und die Brücke von seinem bisherigen Schaffen zu seinem großartigen neuen Album "The Age Of Adz" spannte. "All Delighted People" war jedoch weit mehr als ein Vorbote für sein neues Album. Die hier zu hörenden Songs zählen zum Besten, was Sufjan Stevens bisher veröffentlicht hat – und das heißt bei diesem Mann so Einiges. "All Delighted People" macht auch uns zu entzückten Menschen.
(Kilian Braungart)
31
ANIKA
Anika
Monoton stumpfer Bass, latent schräger Gesang und ein trotz allem ein impliziter Popappeal. Das sind die Eigenschaften der Kooperation von Portisheads Geoff Barrow und seiner Band Beak> mit der Politik-Journalistin Anika. Minimalistisch, experimentell und voller Dringlichkeit steht deren selbstbetiteltes Album in einer Linie mit dem musikalischen Schaffen Yoko Onos oder Nicos. Diesen punkigen Dub muss man nicht mögen, aber zumindest in seiner Konsequenz bewundern.
(Oliver Bothe)
32
ENVY
Recitation
Mono 2009, Envy 2010: Japan entpuppt sich langsam aber sicher als Brutstätte des atmosphärischen Rock. Konzentrierten sich Mono jedoch noch ausschließlich auf instrumentale Schönheit, schaffen Envy auch dank der Vocals von Tetsuya Fukagawa beeindruckende Klangräume zwischen aggressiv vertontem Schmerz und emotionaler Seligkeit. Die Inhalte mögen uns aufgrund der Sprachbarriere hin und wieder fremd bleiben, Folgendes bleibt trotzdem zu sagen: Konnichiwa, Envy.
(Jan Martens)
33
EMINEM
Recovery
Unerwartet und dennoch zu Recht hielt der gute, alte Slim Shady Einzug in unsere Jahrescharts. Überraschend, weil er einer der wenigen ist, die kurz vor Torschluss als Vertreter des Rap-Genres für eine Platzierung in den Jahrescharts in Frage kamen, aber noch viel überraschender, weil mit einem solchen Comeback niemand mehr gerechnet hatte. Zwei schlechte Alben und einige lebenswichtige Veränderungen sind ins Land gezogen und nicht spurlos an Eminem vorbeigegangen. Auf "Recovery" gibt er den altbewährten, giftspuckenden Rap-Vagabunden, dessen Flow wieder unaufhaltsam ist und dessen Rhymes wieder verbal Fäuste auf Augen verteilen.
(Andreas Peters)
34
SIVERT HØYEM
Moon Landing
Sivert Høyem, manch einem besser bekannt als Sänger von Madrugada, kehrte in diesem Jahr mit Solomaterial zurück. Auf seinem neuen Album wagt er den Schritt weg von der Vergangenheit, weg von der zur Zeit auf Eis gelegten Band Madrugada, und auch weg von seinem alten Solomaterial, in Richtung persönliche Freiheit. Die klingt so, wie das Video zur ersten Single-Veröffentlichung aussieht: Nach einer Holzhütte in der Wildnis, in der Folk-, Blues- und Country-Songs mit viel Leidenschaft und Wehmut aufgenommen wurden.
(Marlena Julia Dorniak)
35
DELTA SPIRIT
History From Below
Delta Spirit haben in diesem Jahr ein schniekes Album vorgelegt, das sich mit sicherem Schritt durch die Rock/Blues/Folk/Country-Wälder bewegt, und beweist, dass die Lobeshymnen nach ihrem ersten Album ihre absolute Berechtigung hatten. Für die einen sind sie die "Hoffnungsträger des Folkrock" (FAZ) für die anderen "große Geschichtenerzähler" (Rolling Stone). Für uns sind sie mit ihrem Album "History From Below" der Platz 35 der Jahrescharts 2010.
(Silvia Silko)
36
DISCO ENSEMBLE
The Island Of Disco Ensemble
Disco Ensemble zeigen es mal wieder: Eigentlich braucht man auch anno 2010 nicht viel mehr als eine große Portion toller Melodien und einen beachtlichen Klacks Eigenständigkeit obendrauf, um zu überzeugen. Disco Ensemble haben beides im Gepäck und docken ihr "Island Of Disco Ensemble" verdient in unseren Jahrescharts an.
(Jan Martens)
37
FOALS
Total Life Forever
Als man zum ersten Mal die Single "Spanish Sahara" hörte, war man doch etwas überrascht. Immerhin erlaubten sich die Foals hier einen deutlich ruhigeren Sound, als noch auf dem quirligen Debüt "Antidotes" zwei Jahre zuvor. Und auch "Total Life Forever" fuhr dann einen Gang runter, ohne jedoch zu enttäuschen. Ganz im Gegenteil: Musste die Band mit "Antidotes" erst noch ihre Qualitäten unter Beweis stellen, konnten sie sich mit dem zweiten Album voll und ganz auf diese verlassen. Diese Entspannung und Selbstsicherheit hört man "Total Life Forever" an. Ein wahnsinnig gutes Album. Immer noch.
(Florian Tomaszewski)
38
MATTHEW DEAR
Black City
Gut, LCD Soundsystem hat letztendlich doch noch ein paar Plätze Vorsprung vor Matthew Dear ins Ziel gerettet. Der hat aber mit "Black City" schon mal ein dickes Ausrufezeichen gesetzt und lässt erahnen, dass da noch gehörig mehr Potenzial vorhanden ist, um die Tanzflächen dann vollkommen zu erobern. Kaum eine Sause hat dieses Jahr auf dem Parkett mehr Spaß gemacht. Nächstes mal bist du fällig, James Murphy!
(Benjamin Köhler)
39
HADOUKEN!
For The Masses
Ob "For The Masses" wirklich für die Massen bestimmt ist, darf bezweifelt werden. Nicht jeder mag Musik, die wie ein großer schubsender Bruder klingt. Dabei muss man Hadouken! zu Gute halten, dass sie ihre selbstbewusste Linie mit ganzer Konsequenz durchziehen (man beachte allein das "!" im Bandnamen!). Natürlich lassen sich klangliche Parallelen zu den Altmeistern von The Prodigy nicht verleugnen. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist der Big Beat à la Hadouken! herrlich erfrischend: If you can't hear this, pop your eardrum.
(Mischa Karth)
40
BATHS
Cerulean
Wir sparen uns die Witze über den Geburtsnamen von Baths und stellen fest, dass keiner dieses Jahr so gelungen HipHop-Beats mit Synthesizerflächen verbunden hat wie Herr Wiesenfeld aus Los Angeles. Seine sanft treibenden Klangteppiche packen den Hörer und machen sich zudem ausgesprochen gut in Nachbarschaft zu Anticon-Labelgenossen 13&God. "Cerulean" ließe sich durchaus auch als songorientierte und poppige Schwester zu Flying Lotus' "Cosmogramma" bezeichnen.
(Oliver Bothe)
41
STATE RADIO
Let It Go
In den Staaten spielen sie vor Tausenden, auf hiesigen Festivals noch im Mittagsprogramm. Und doch scheint es hierzulande mit State Radio langsam anzulaufen. Ihr organischer Hybrid aus Ska, Punk und Reggae geht mit "Let It Go" bereits in den dritten Durchgang, zum ersten Mal schafft es das Trio jetzt endlich in unsere Jahrescharts. Nebenbei gründen State Radio übrigens Aktivistengruppen. Auch ihre bis dato homogenste Platte pustet da die Nachricht in die Welt: Sozialkritik und Sonnenanbetung müssen einander nicht ausschließen.
(Gordon Barnard)
42
65DAYSOFSTATIC
We Were Exploding Anyway
Fragen des Sorgerechts sind immer heikel - und dann will sich dieser bockige Bastard aus IDM und Post-Rock nicht mal für ein Elternteil entscheiden. Brenzlig, auch für die Fangemeinde. 65daysofstatic wagen den letzten Schritt zur Elektronik. Und man fragt sich: Wollten die da schon immer hin? Ein waghalsiger Trip, der Widerstand von allen Seiten ignoriert und sich lieber trotzig zwischen die Stühle stellt, als sich bequemlich auf einen zu setzen. Mutig, abgedreht, und seit neuestem: verflucht tanzbar. Eine aufputschende Frischzellenkur.
(Gordon Barnard)
43
GRINDERMAN
Grinderman 2
Ja kennt der Mann denn überhaupt keine Ruhe? Nick Cave hat von den Künstlern aus unserer Jahresliste die meisten Jahre auf dem Buckel, und er zeigt wie fast jedes Jahr, dass ein fortgeschrittenes Alter nicht automatisch die Fähigkeit ausschließt, weiterhin gute Musik schreiben zu können. "Grinderman 2" ist ein typisches Cave-Album, also düster, zynisch und einfach großartig. Einen großartigen Unterschied zu den letzten Bad-Seeds-Alben gibt es nicht, aber bei solcher Qualität ist ein Bandname auch zweitrangig. Daher verneigen wir uns weiterhin vor Nick Cave und wünschen uns auch für die kommenden Jahre mehr davon.
(Marcel Eike)
44
THE DRUMS
The Drums
Was hatte man sich nicht vorgenommen, diese Band zu hassen. The Drums haben es einem im Vorfeld ja auch einfach gemacht: Vier It-Boys aus New York, die aussehen, als hätte sich die Marketing-Abteilung von Diesel eine Band zur neuen Kollektion erdacht, und um die schon vor Veröffentlichung des Debütalbums ein wahnsinniger Hype veranstaltet wird. Schon klar, dachte man da. Sollen die Schnösel doch mal zeigen, was sie drauf haben. Und dann kamen sie mit dieser Platte um die Ecke und man hörte im Sommer nichts anderes mehr. Popsongs, die so nur von jungen Burschen geschrieben werden können, die gerade selbst noch Teenager waren. Euphorisch, melancholisch, naiv und cool. Irgendwo zwischen 6oer-Surfpop und 80er-Wave. Ob daraus mehr als eine schöne Sommerromanze wird, bleibt noch abzuwarten. Gitarrist Adam Kessler verließ die Band zumindest schon im September.
(Florian Tomaszewski)
45
KARNIVOOL
Sound Awake
Die einen sagen: Weil Tool mal wieder nicht mit neuem Material in die Pötte kommen und Dredg mittlerweile entschlossen auf The Dome zusteuern, ist "Sound Awake" 2010 die beste Alternative in Sachen progressiver Rock. Wir nicken und fügen hinzu: Die Australier von Karnivool sind auf dem besten Weg, den großen Vorbildern den Rang abzulaufen – und vielleicht wird aus der Alternative dann bald die neue Messlatte.
(Jan Martens)
46
TAME IMPALA
Innerspeaker
Was für fließende Beats, was für benebelnde Melodien – und das alles vollkommen organisch. Da furzen vier Australier mal eben ein psychedelisches Groove-Mammut raus, das im Vorbeischlendern die lässigsten Hits des Jahres abwirft. Einfach so. Prägnant und auf den Punkt produziert. Down Under reichte man sie dafür vollkommen zurecht die Charts nach oben hin durch. "Innerspeaker" ist geschaffen zum Hingeben, zum Abhartzen, zum Vergessen von Lästigem. Und die wohl offenste Einladung zum THC-Konsum der vergangenen zwölf Monate.
(Gordon Barnard)
47
WHITE NOISE SOUND
White Noise Sound
Zerstörerisch und brachial schmettern White Noise Sound ihre Songs in die Ohren der Hörer. Mit weißem Rauschen hat das wenig zu tun, es könnte höchstens im Kopf zurück bleiben, wenn die Musik schon längst wieder ausgeschaltet ist. Wenn es ruhiger zugeht, gibt es verhallte Stimmen und vernebelte Gitarrenklänge zu hören, bei denen einem vor dem geistigen Auge der Qualm von Räucherstäbchen (oder anderen Rauchwaren) in Erscheinung tritt. White Noise Sound können also die Lautstärke auch herunterfahren. Abwechslung ist in jedem Fall garantiert.
(Marlena Julia Dorniak)
48
HAPPY BIRTHDAY
Happy Birthday
Zu Unrecht wurden Happy Birthday mit ihrem Debut-Album beinahe von uns übersehen. Das könnte an ihrem Namen liegen, der nicht gerade einfach zu googeln ist. Wer weiß, vielleicht haben sie sich ja unter anderem deshalb für diesen feinen Bandnamen entschieden? "Einfach" wollen die Jungs aus Vermont ganz bestimmt nicht klingen – verschroben, überraschend, ungestimmt und doch harmonisch dann schon eher. Man nehme ein wenig Glam, 60er Flower-Pop, ordentlich Garage-Rock, einen Schuss Geheimzutat, schmeiße alles in den Mixer und fertig ist der Geburtstagscocktail! Und der schmeckt gut!
(Marlena Julia Dorniak)
49
FORMER GHOSTS
New Love.
Statt Former Ghosts' "New Love." hätte an dieser Stelle fast ebenso gut Zola Jesus "Stridulum II" oder Xiu Xius "Dear God, I Hate Myself" stehen können. Die Vehemenz des Leidens, die rohe Gewalt aus Beats, Synthesizer und Vocals erhält jedoch bei Freddy Ruppert eine noch größere Intensität als bei den erwähnten Kollegen. Der alle drei einende düster lärmende, experimentelle, elektronische Synth-Post-Punk wird auf die Spitze getrieben und greift so umso stärker.
(Oliver Bothe)
50
UNKLE
Where Did The Night Fall
Auch auf "Where Did The Night Fall" haben UNKLE wieder eine große Schar an Gästen versammelt. Diese unterstützen Mastermind James Lavelle auf den Elektrotracks, die die Wärme gekachelter alter Fabriken haben. Diese sind heute oft Clubs und genau die richtigen Orte für Songs wie "Follow Me Down", "Natural Selection" oder "Caged Bird".
(Klaus Porst)
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Bye-Bye
Am 5. Januar 2021 haben wir éclat eingestellt. Mehr Infos hierzu gibt es
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