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UNSERE ALBEN DES JAHRES 2007
1
ARCADE FIRE
Neon Bible
Prädikat: Album des Jahres. Warum die in Neonfarben leuchtende Bibel unserer Lieblingskanadier über die Regenbogen-Musik unserer Lieblingsbriten gesiegt hat? Ganz einfach: weil auf "Neon Bible" von der ersten bis zur letzten Sekunde alles, aber wirklich alles zusammenpasste – was nach "Funeral" zwar zu erhoffen, keineswegs jedoch selbstverständlich gewesen war. Arcade Fire nahmen das Album in einer Kirche in Québec auf, bescherten mit dem unglaublichen "Intervention" der Orgel ein Comeback, das ihr so wohl niemand mehr zugetraut hätte, und beendeten das Meisterwerk konsequenterweise mit den Zeilen: "Set my spirit free/ Set my body free." Für überzeugte Atheisten konnte der verflucht großartige "(Antichrist Television Blues)" da fast schon eine Erleichterung sein, und mal unter uns: Wer braucht schon noch das meistgelesene Buch der Welt, wenn es die "Neon Bible" gibt?
(Mario Kißler)
2
RADIOHEAD
In Rainbows
Was tun, wenn man keine Lust mehr auf seine Plattenfirma hat? Richtig, die Veröffentlichung der Musik selbst in die Hand nehmen. Über den Clou, jeden Fan selbst über den Preis für den Download entscheiden zu lassen, wurde bereits viel zu viel geschrieben – über die Musik auf Radioheads neuestem Werk "In Rainbows" kann hingegen nie genug gesagt werden. Vielleicht sollte vor allem ein Punkt nochmal verdeutlicht werden: Radiohead stagnierten nicht. Eine "Entwicklung der kleinen Schritte" nannte unser Rezensent das, was fälschlicherweise von vielen als Rückschritt beschrieben wurde. Was war "In Rainbows" wirklich? Ein wundervolles Album, geprägt zum einen von den großen transportierten Gefühlen, zum anderen vom nahezu perfekten Zusammenspiel der fünf Bandmitglieder, das mehr denn je im Mittelpunkt stand.
(Mario Kißler)
3
TOCOTRONIC
Kapitulation
Der Geschichte nächster Teil: Tocotronic zelebrieren die Protesthaltung, sie entwickeln den Gedanken der Unvernunft zur totalen Hin- und Aufgabe weiter und doch machen sie "einfach nur Rockmusik", die auf dem zweiten Album mit Rick McPhail an der Gitarre endgültig auf neuen Gipfeln ankommt. Man müsste es ja fast mit Dirk von Lowtzows Worten sagen: Das schönste Album in deutscher Sprache.
(Matthias Kümpflein)
4
SHOUT OUT LOUDS
Our Ill Wills
Na sowas: Vorbei an kanadischen Spielhallenpyromanen, britischen Musiklabelumgehern und Hamburger Kapitulanten hätte sich doch fast eine unscheinbare schwedische Band auf unser Siegertreppchen geschlichen, die vielleicht niemand so wirklich auf der Rechnung hatte. Die Shout Out Louds zeigen auf "Our Ill Wills", dass Melodieverliebtheit und TheCure'sche Melancholie mindestens ebenso gut harmonieren wie Köttbullar und Preiselbeeren, und dass schöne, reine Songperlen auch in nicht ganz so stylisch aussehenden Muscheln heranwachsen können.
(Jan Martens)
5
MODEST MOUSE
We Were Dead Before The Ship Even Sank
Und wieder ein Album oder vermutlich sogar DAS Album, das bereits im Vorfeld den allerhöchsten Erwartungen ausgesetzt war. Nach "Good news for people who love bad news", das man eigentlich jetzt schon als Klassiker bezeichnen kann, konnten Modest Mouse mit dem neuen Album eigentlich nur verlieren. Aber sie haben so knapp verloren wie es nur möglich war. "Dashboard" ist das neue "Float On", "Missed The Boat" das neue "Black Cadillacs" und dann haben sie auch gleich noch Halbgitarrengott Johnny Marr an Land gezogen, der irgendwie immer noch so frisch wirkt und aussieht wie in den Achtzigern. Was will man denn noch mehr?
(Lisa Krichel)
6
THE NATIONAL
Boxer
The National schaffen mit diesem Album einen, wenn nicht gar den perfekten Soundtrack für einen rotweingeschwängerten Abend. Sanfte Klavierlinien, vor sich hinfließende Streicher und dazu die sonore Stimme von Matt Berninger wiegen den Hörer in wohligen Klangwelten, und die Sorgen des Alltags bleiben zurück:
"Sometimes you get up and bake a cake or something / sometimes you stay in bed / sometimes you go la di da di da di da da."
(Thomas Raich)
7
INTERPOL
Our Love To Admire
Gespannt, wie man war, klickte man sich irgendwann in der Zeit vorm Release von "Our Love To Admire" zur Interpol-Website durch – und was man dort zu hören bekam, war nichts anderes als die grandioseste Gitarrenmelodie des gesamten Jahres. Sinnvollerweise eröffnete das dazugehörige "Pioneer To The Falls" dann auch das ach so entscheidende Drittwerk, dessen Cover so gar nichts mit der schlichten Schwarz-weiß-rot-Symbolik der Vorgänger zu tun hatte. Musikalisch war die Veränderung wesentlich kleiner: Die vielen Hits für die wenigen guten Discos dieser Welt klangen wie immer trotz aller Tanzbarkeit irgendwie dunkel. Die elf Großartigkeiten von der erwähnten Eröffnung bis zum dann doch ziemlich ungewöhnlichen Finale "The Lighthouse" machten dabei ganz nebenbei eine Sache völlig klar: Sollte das Drittwerk tatsächlich entscheiden, ob eine Band etwas kann oder nicht, kann das New Yorker Quartett Interpol unheimlich viel.
(Mario Kißler)
8
KINGS OF LEON
Because Of The Times
Willkommen in der Wüste! So trocken war "Because Of The Times", dass es nur mit einem ordentlichen Schluck Whiskey herunter zu spülen war, was dazu führte, dass man sich am Ende des Abends anhörte wie Caleb Followill himself. Die Kings indessen stellten mit ihrer Musik Dinge an, die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können und am Ende war man unfähig zu entscheiden, welcher der Songs denn nun am beängstigendsten schwarz und cool war. Southern Rock, Soul, Blues, was genau sollte das eigentlich sein? Vollkommen egal, hier ist definitiv eine der spannendsten Platten 2007 geschaffen worden.
(Lisa Krichel)
9
OKKERVIL RIVER
The Stage Names
2006 spielten sie noch vor 50 Leuten, 2007 vor 500. Lag es daran, dass "The Stage Names" so viel besser ist als der Vorgänger "Black Sheep Boy"? Bestimmt nicht. Aber der Neuling war zugänglicher, leichter, beschwingter, und so unverschämt gut, dass nicht einmal mehr die großen Musikzeitschriften über die Qualitäten dieser Band hinwegsehen konnten. Live wurde es dann noch besser, wenn das überhaupt möglich ist. Okkervil River ernten also endlich den verdienten Erfolg, und man selbst kann sich brüsten: "Ich habs euch doch letztes Jahr schon gesagt".
(Lisa Krichel)
10
THE TWILIGHT SAD
Fourteen Autumns And Fifteen Winters
Unsere Newcomer des Jahres hörten auf den Namen The Twilight Sad und kamen aus Glasgow, Schottland. Letzteres hörte man ganz prächtig am schottischen Akzent des Sängers James Graham, der für die Musik ebenso kennzeichnend war wie die beeindruckende Sounddichte. Alles in allem war die Musik auf "Fourteen Autumns & Fifteen Winters" allerdings ziemlich unbeschreiblich, weil: wahrlich einzigartig. "Shoegazende Mogwai"? So ungefähr. Ein Album zwischen Shoegaze und Postrock, voll von wunderschönen Melodien und voll von Songs, die sich stets sehr behutsam zu den lauten Momenten steigerten.
(Mario Kißler)
11
BLOC PARTY
A Weekend In The City
Wer erinnert sich noch an die helga-Jahrescharts von 2005? I still remember: "Silent Alarm", das Debüt der Londoner, stand ganz oben. Mit "A Weekend In The City" geht es für Bloc Party zehn Plätze runter, da die Meinungen zum Zweitwerk in der Redaktion weit auseinandergingen. Die einen vermissten die Hits oder kamen mit U2-Vergleichen daher, während die anderen begeistert waren von der Vielschichtigkeit, den politischen Texten und der Schönheit der Melodien. Übrigens: Platz 2 belegte 2005 Maximo Parks "A Certain Trigger". Das helga-Jahrescharts-Duell mit Bloc Party konnte auch der diesjährige Nachfolger "Our Earthly Pleasures" nicht gewinnen...
(Mario Kißler)
12
THE ROBOCOP KRAUS
Blunders And Mistakes
Wären Tocotronic mal nicht gewesen, dann könnten wir The Robocop Kraus aus Nürnberg heuer als beste deutsche Band feiern. So gönnen wir ihnen den Titel als beste deutsche, nicht deutschsprachige Band. Ist doch auch 'ne tolle Sache. Genau wie "Blunders And Mistakes". Dieses ist weniger tanzbar als "They Think They Are The Robocop Kraus", aber grooviger, hat weniger wahre Hits, ist aber homogener. Kurzum: Ein tolles Album, vielleicht das sehnsüchtigste des Jahres 2007.
(Martin Korbach)
13
MAXIMO PARK
Our Earthly Pleasures
"Mach es nochmal, Paul!" war wohl der Gedanke, den die meisten beim Warten auf das zweite Maximo-Park-Album hatten. Manch einer wettete sogar mit hohem Einsatz darauf, dass "Our Earthly Pleasures" das Niveau des überragenden Erstlings nicht würde halten können. Verloren. Maximo Park machten es nochmal, ein wenig ruhiger zwar, aber qualitativ definitiv genauso gut. So tanzten wir uns mit "Girls Who Play Guitars" durch 2007 und hörten "Books From Boxes", wenn wir traurig waren. Schön, dass die feschen Briten auch weiterhin unser aller Lieblingsband bleiben dürfen.
(Lisa Krichel)
14
THE DECEMBERISTS
The Crane Wife
Es mag an der großen, bösen, komplizierten Postmoderne liegen, dass Bands wie die Decemberists in ihren Liedern gerne das Gestern verarbeiten, in dem die Welt vielleicht auch nicht immer in Ordnung war, aber zumindest Klimaprobleme, Atomkriege und Nickelback noch nicht erfunden waren. Wieder einmal zeigte die ehemalige Theatertruppe aus Portland auf "The Crane Wife", dass niemand Geschichten und Sagen aus vergangenen Zeiten besser in wunderschöne Folk-Pop-Songs umwandeln kann als sie.
(Jan Martens)
15
THE GOOD, THE BAD AND THE QUEEN
The Good, The Bad And The Queen
Wenn's um Klischees geht, sind Sie bei helga-rockt.de richtig: The Good, The Bad And The Queen waren 2007 die superste Supergroup, bestehend aus 25% Blur (Damon Albarn), 25% The Clash (Paul Simonon), 25% The Verve (Simon Tong) und 25% Afrobeat-Superstar (Tony Allen). Das beste an diesen Prozentzahlen: Zusammen ergaben die verschiedenen Einflüsse 100% "The Good, The Bad And The Queen", soll heißen man hörte die Einflüsse durchaus heraus. Albarns entspanntes, melancholisches Songwriting machte die Band zur bestmöglichen Alternative zum langweiligen Jack Johnson, wenn man im Sommer auf einer Insel am Strand chillen wollte.
(Mario Kißler)
16
BATTLES
Mirrored
Was Battles mit dem verstörenden, extravaganten Sound auf "Mirrored" geschaffen haben, lässt sich schwer in Worte fassen. Nur eines ist sicher: Wer sich darauf einlässt, bekommt einen Trip in eine andere Welt gratis dazu. So bleibt am Ende nur zu sagen: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
(Thomas Raich)
17
EXPLOSIONS IN THE SKY
All Of A Sudden I Miss Everyone
Post-Rock, der über funkelnde Seen gleitet und die Tiefen glitzernder Tropfsteinhölen erkundet. Explosions In The Sky sind die Reiseleiter, die kleine Öllampe des Bootsmannes auf dem Cover, das den Blick auf fantastische Bilder inmitten malerischer Kulissen freigibt. Mal dezent, mal gewaltig, stets vereinnahmend.
(Gordon Barnard)
18
!!!
Myth Takes
Statt um den heißen Brei herumzureden, reden wir an dieser Stelle mal über den heißen Scheiß: Äußerst angesagt war auch 2007 Tanzmusik – ob nun New Wave oder "New Rave", ob House oder Funk, oder ob einfach Rock. Es ist jedenfalls so: Chk Chk Chk lieferten mit "Myth Takes" das vielseitigste und mitreißendste Tanzalbum des Jahres ab. Klang wie aus einem Guss, obwohl es mindestens drei Fünftel der angeführten Genres ungeniert vermischte. Zwar "D.A.N.C.E."-ten Justice auch ganz ordentlich und James Murphy lieferte mit dem neuen LCD-Soundsystem-Album gar eine lückenlose Hitsammlung ab, doch "Myth Takes" war einfach nochmal ein gutes Stück elektrisierender, wahnsinniger und tanzbarer!!!
(Mario Kißler)
19
STARS
In Our Bedroom After The War
Die Stars sorgten für eine der Überraschungen. Der Vorgänger "Set Yourself On Fire" war groß gestartet und hatte deutlich kleiner geendet. Einen "Shrinker" nennt man das wohl im Fachjargon. Doch "In Our Bedroom After The War" ist von so vollkommener Schönheit, so herrlich verzweifelnd liebend, dass kein Zweifel daran besteht, dass hier das perfekte Album für all die Dramatiker unter uns geschaffen wurde. Definitiv eines der Highlights unter den ganzen tollen kanadischen Alben, die uns dieses Jahr beschert wurden.
(Lisa Krichel)
20
THE SHINS
Wincing The Night Away
Die Ohrwurmfabrik des Jahres 2007 steht in Albuquerque. Aus diesem Ort in New Mexico stammen die Shins, die vermutlich in ihrem Übungsräumchen einen Zach-Braff-Schrein stehen haben. Denn dank ihm und seinem Film Garden State wurden sie quasi über Nacht berühmt, denn "New Slang" schaffte es nicht nur auf den Soundtrack, sondern wird gar als "Song, der dein Leben verändert" geadelt. Anfang dieses Jahres kam nun das dritte Shins-Album auf den Markt: "Wincing The Night Away". Und das ist ziemlich catchy geraten. Ob nun "Australia" oder "Phantom Limb", irgendwann summt man jedes der elf Lieder bewusst oder unbewusst mit. Das wussten auch die Macher vom Highfield Festival und packten die Shins als Co-Head auf die Hauptbühne. Mit was? Mit Recht! Und so kommen sie auch verdient in unsere Top 20 der Jahrescharts. Summsumm.
(Martin Korbach)
21
BRAND NEW
The Devil And God Are Raging Inside Me
Wenn eine Band sich von Album zu Album stetig verbessern kann, ist das zwar schön, aber an sich noch nichts Erwähnenswertes. Wenn eine Band jedoch nach eher mittelmäßigen Reißbrett-Platten das vielleicht emotional intensivste Album des Jahres erschafft, wie es Brand New mit "The Devil And God Are Raging Inside Me" gelungen ist, dann ist uns das einen Platz unter den Highlights des Jahres 2007 wert.
(Jan Martens)
22
BRIGHT EYES
Cassadaga
Singer und Songwriter waren in diesem Jahr eher zurückhaltend. Oder wenig begeisternd. Bright Eyes alias Conor Oberst ist auf jeden Fall der einzige, der es in unsere Charts geschafft hat. "Cassadaga" erschien im April, Conor packte seine sieben Sachen und reiste nach Europa, spielte hier mal ein Konzert, begeisterte mit ungewohnter Frisur auch das Southside- und Hurricane-Publikum und wird auch 2008 sicher das ein oder andere Album veröffentlichen. "Cassadaga" sorgte zwar nicht für Begeisterungsstürme wie "I'm Wide Awake It's Morning" oder "Digital Ash In A Digital Urn" anno 2006, aber das soll dieses wunderbare Country-Folk-Indie-Werk nicht schmälern. Er ist und bleibt halt der Beste seiner Riege. Und 2007 der Einzige. Zumindest bei uns.
(Martin Korbach)
23
NINE INCH NAILS
Year Zero
Neben Radiohead waren die Mannen um Trent Reznor die Gewinner in Sachen wirksame Promotion. Ganze Heerscharen von Fans beteiligten sich an der virtuellen Schnitzeljagd und stießen am Ende ihrer Suche auf ein Album, welches sich vor den Klassikern der Bandgeschichte nicht zu verstecken brauchte. Ein düsteres, beklemmendes Werk voll schwarzer Zukunftsvisionen. Der Albtraum 2007.
(Benjamin Köhler)
24
TWO GALLANTS
Two Gallants
Der Vorgänger schrammte bei uns letztes Jahr nur ganz knapp am Album des Jahres vorbei, ihr selbstbetiteltes drittes Album findet deutlich weniger Anklang. Und das völlig grundlos: Zwar mögen die spontanen Ausbrüche verschwunden sein, die tieftraurigen Geschichten der zwei von Weib und Leben enttäuschten Kavaliere werden uns jedoch immer an die Kostbarkeit unseres Glücks erinnern.
(Gordon Barnard)
25
KLAXONS
Myths Of The Near Future
Willkommen zum Hype des Jahres. Die Klaxons sind an so vielem Schuld: Schuld an gruseligen Neon-Klamotten bei H&M, Schuld an einem Ecstasy-Revival, Schuld an einer Horde schlecht kopierender Bands, die dem Trend "New Rave" (Unwort des Jahres!) folgen wollten. Als Krönung wurden auch noch Menschen gesichtet, die sich tatsächlich fluoreszierende Indianertarnung ins Gesicht malten. Oh mein Gott. Währenddessen bemerkte kaum noch jemand, dass die Klaxons ein Album veröffentlichten, das zwar nett war, aber leider nicht mit der Brillanz der vorausgegangenen Singles mithalten konnte. Live wurde musikalische Unfähigkeit präsentiert. Alles egal. Was hier zählt ist die Produktion der nach "Myth Takes" besten Tanzmusik 2007.
(Lisa Krichel)
26
BIFFY CLYRO
Puzzle
Hey Dave Grohl! Wenn du nicht gerade wieder auf irgendwelchen MTV-Preisverleihungen rumhängst, dann sperr mal schön die Ohren auf und zieh dir "Puzzle" von Biffy Clyro rein. Überleg dir dann, wann du und die Foo Fighters zuletzt Alternative-Rock-Ohrwürmer wie "Semi-Mental" geschrieben habt und warum ihr euch nicht auch mal traut, ein Album mit solch einem verrückt-faszinierenden Drum-Stakkato zu beginnen, wie es die drei wilden Schotten bei "Living Is A Problem Because Everything Dies" getan haben. Und wenn du damit fertig bist, stell dir die Frage: Wie lange kann es noch dauern, bis diese Band größer ist als ihr?
(Jan Martens)
27
LCD SOUNDSYSTEM
Sound Of Silver
Ich will ganz ehrlich sein: Als "Sound Of Silver" im März veröffentlicht wurde, habe ich es mir genau einmal angehört. Gut, der schon damals offensichtliche Übersong "All My Friends", der in einer Liga mit den schönsten New-Order-Klassikern "Blue Monday" und "Age Of Consent" spielt, lief noch öfter. Aber die Platte: Verstaubte. Nun gibt es zum Ende jedes Jahres immer ziemlich viele Lieblingslisten von ziemlich vielen Leuten, und ziemlich oft war "Sound Of Silver" oben mit dabei. Ich also: Nochmal angehört. Und die Platte: Wurde toll. Weil: Nur Hits drauf. Und mit der Klavierballade im Walzertakt "New York, I Love You But You're Bringing Me Down" gab es vielleicht wirklich einen kleinen Ausblick auf die spannende musikalische Zukunft von James Murphy alias LCD Soundsystem.
(Mario Kißler)
28
AEREOGRAMME
My Heart Has A Wish That You Would Not Go
Das Abschiedsalbum einer der eigenständigsten Rockbands unserer Zeit. Sänger Craig B.'s Stimme war hinüber – die Brutalität hatte unter die Oberfläche zu flüchten. Das Resultat: Überwältigende Schönheit und kathartische Emotionalität, die in ihrer Fusion Kriege beenden könnte. Nur den eigenen, den gegen das Musikbusiness, konnten sie nicht zum Frieden führen. Eine bittere Ironie – umso stärker schmerzt ihr Ende. We will never forget you, Aereogramme!
(Gordon Barnard)
29
JENS LEKMAN
Night Falls Over Kortedala
Wer will den Meister des Popsongs sehen, der muss zu Jens Lekman gehen. "The Opposite Of Hallelujah" erhält den goldenen Elch für die Harpo-Anleihen des Jahres, und dem Albumtitel zum Trotz geht bei "Night Falls Over Kortedala" für jeden, der eine Schwäche für großartige Melodien mit viel Pomp und Schmalz hat, die Sonne auf.
(Jan Martens)
30
DIGITALISM
Idealism
Es nahm 2007 einfach kein Ende mit der Dance-Musik, vor allem nicht mit diesem undefinierbaren Genre mit dem merkwürdigen Beigeschmack: New Rave. Fragte man höflich, was das sein soll, antworteten Hipster: "Naja, sowas wie Digitalism und Klaxons halt." Digitalism versuchten vergeblich, "Pogo" zum Tanzstil der Szene zu machen – und sorgten dennoch mit ihrem Debüt "Idealism" für ein deutlich vernehmbares Rascheln im Blätterwald. Ganz abgesehen davon, dass man auf elektronische, teilweise rockende Tanzmusik stehen muss, um das hier zu mögen, machten das andere Bands dieses Jahr schon ein Stück besser. Scrollen Sie dafür einfach ein wenig nach oben!
(Mario Kißler)
31
EDITORS
An End Has A Start
Schon wieder ein Zweitwerk: Die Editors klangen auf "An End Has A Start" wie schon auf ihrem Debüt "The Back Room" vor allem nach Interpol und Joy Division, hinzu kam jedoch ein gewisser Coldplay- und U2-Einfluss, soll heißen: ein bisschen Keyboard-und-Reverb-Bombast im gar nicht mehr so kalten New Wave. Wärme – ein Eindruck, der durch das viele Gelb im Artwork noch verstärkt wurde. "You fuse my broken bones back together and then/ Lift the weight of the world from my shoulders again." Ganz schön große Gesten, die tatsächlich bewegten.
(Mario Kißler)
32
PORTUGAL.THE MAN
Church Mouth
Dass Alaska neben Eis und Schnee auch weiteres zu bieten hat, bewiesen Portugal.The Man nun schon zum zweiten Mal. Mit einer wilden Mischung aus Blues, Funk und 70er-Jahre-Rock begeisterten sie auf etlichen Touren in Deutschland die immer größer werdende Anhängerschar.
(Thomas Raich)
33
FEIST
The Reminder
Mit "The Reminder" im Gepäck bahnte sich Leslie Feist ihren Weg von den Feuilletons über das ZDF-Morgenmagazin bis auf die Bühne des SWR3-New-Pop-Festivals. Realistisch betrachtet war der Grund für den kommerziellen Erfolg wohl vor allem die entsprechende Promotion durch Polydor/Universal, vielleicht auch noch die radiotaugliche Single "My Moon My Man". Dass irgendjemand im profitorientierten Musikbusiness – schon gar nicht die Masse – tatsächlich erkannt haben könnte, wie durchdacht und gelungen die Balance zwischen Folk und Indie-Pop auf "The Reminder" war, blieb hingegen eher unwahrscheinlich.
(Mario Kißler)
34
THE STRANGE DEATH OF LIBERAL ENGLAND
Forward March
"The Strange Death Of Liberal England" ist nicht nur eine politische Schrift von Rodney Dangerfield, die sich mit dem Untergang der British Liberal Party auseinandersetzt, sondern auch vielleicht DER Geheimtipp des Musikjahres 2007: Nur selten wurden Folk, Indierock und Postrock so meisterhaft und fesselnd verschmolzen, wie dies auf "Forward March!" einer Band gelang, die wie die unehelichen Fünflinge von Arcade Fire, Modest Mouse und Explosions In The Sky klingt – und im Dezember 2008 mit Sicherheit kein Geheimtipp mehr ist.
(Jan Martens)
35
LES SAVY FAV
Let's Stay Friends
Nach langer Wartezeit lieferte die Band mit dem abgedrehten Frontmann die wohl zugänglichste Platte ihrer Karriere ab. Neben wunderbaren Popperlen blieben die ursprünglichen Punkwurzeln trotzdem erhalten und so wurde "Let's Stay Friends" nicht nur zu einem der abwechslungsreichsten Alben des Jahres, sondern auch ein Paradebeispiel für eine konsequente, aber auch richtig vollzogene Entwicklung.
(Benjamin Köhler)
36
THE FIELD
From Here We Go Sublime
Wer dieses Jahr irgendwann mal alleine eine beeindruckende Landschaft vor sich hatte, während diese Platte im iPod rotierte, der war von den ersten Klängen an süchtig nach "From Here We Go Sublime". Axel Willner aka The Field bescherte uns Klänge, die uns in tiefste Traumwelten entführten und so schnell nicht mehr losließen. Ein Trip weit weg von unserer Realität und das ganz ohne schädliche Nebenwirkungen.
(Benjamin Köhler)
37
THE HOLD STEADY
Boys And Girls In America
"There are nights when I think that Sal Paradise was right/ Boys and girls in America have such a sad time together." So lauteten die beiden ersten Zeilen des neuesten Hold-Steady-Albums, das nicht nur von Springsteen-Fans zu Recht gnadenlos abgefeiert wurde. Die zweite Zeile ist ein Zitat von Sal Paradise, dem Protagonisten eines Jack-Kerouac-Romans. Sänger Craig Finn fand: Recht hat dieser Sal Paradise. Das Album "Boys And Girls In America" wusste textlich wie musikalisch zu überzeugen und demonstrierte in elf druckvollen Rocksongs eindrucksvoll, wie viel an jener These dran war.
(Mario Kißler)
38
BABYSHAMBLES
Shotter's Nation
Alle warten auf neue Kate-, Gefängnis-, Blut-, Drogeneskapaden von Pete, aber er hat keine Zeit mehr dafür, denn es gibt ein neues Babyshambles-Album. "Shotter's Nation" ist so präzise nüchtern, dass man glauben könnte, der Mann wäre seit drei Jahren drugfree. Andererseits ist da immer noch diese herrlich betrunkene Romantik, die sowieso keiner besser kann als er. Fest steht: "Shotter's Nation" ist alles, nur nicht das Werk eines torkelnden Irren, und noch besser, weil klarer, als "Down In Albion". Warten wir ab, was als nächstes kommt. Eine Platte mit meditativer Selbstfindungsinstrumentalmusik?
(Lisa Krichel)
39
FUTURE OF THE LEFT
Curses
Wir haben sie so sehr vermisst und unser Wehklagen wurde dieses Jahr endlich erhört. McLusky sind wieder unter anderem Namen und in anderer Besetzung zurück. Endlich wieder auf die Omme, endlich wieder abspacken, endlich wieder kranke Texte, endlich wieder Andy Falkous' Psychopathenstimme. Die lang ersehnte Heimkehr unseres Lieblingsbruders. Danke!
(Benjamin Köhler)
40
CLINT MANSELL, KRONOS QUARTET, MOGWAI
The Fountain Music From The Motion Picture
Welch eine Ehre: Ein Soundtrack in den ganz normalen Albumcharts. Ein Soundtrack zu einem mittelmäßigen Film, wohlgemerkt. An jenem optisch bombastischen, storytechnisch mickrigen Streifen wird es also vermutlich nicht gelegen haben, dass die Stücke des Komponisten Clint Mansell, gespielt vom Kronos Quartet (Streicher) und Mogwai (Rockband), an dieser Stelle Erwähnung finden. Dann wohl eher an der wunderschönen Musik, die an Mogwai und Sigur Ros erinnerte. Ja. Genau daran lag's.
(Mario Kißler)
41
MACHINE HEAD
The Blackening
Ein Manifest der Wut gegen die Bush-Regierung: Gnadenlose Aggression und komplexes Songwriting ergänzt durch die bissigsten Riffs des Jahres . Eigentlich im Metal verankert, segeln Machine Head hier auf den Prog zu – und das reißt verflucht nochmal mit. Wer auf dem siebten Album noch zu derartigen Veränderungen fähig ist, gehört zu den ganz Großen. Danke, Mr. Bush!
(Gordon Barnard)
42
MALAJUBE
Trompe l-Œil
Einerseits: So dreist wie Malajube für "Montréal -40°C" beim Modest-Mouse-Hit "Float On" muss man erstmal klauen. Andererseits machten die vier Herren das locker wett, indem sie das beste frankophone Indie-Rock-Album seit langer Zeit ablieferten – und wenn man ehrlich ist, war "Montréal -40°C" trotz des Plagiatvorwurfs einer der großartigsten Songs, zu denen man 2007 tanzen konnte. Für die Regentage gab es mit "Étienne d'Août" einen ergreifenden Abgesang auf eine nicht enden wollende Beziehung. Merkwürdig? Oder gar paradox? War sowieso fast alles auf dem schwer durchgedrehten "Trompe l-Œil".
(Mario Kißler)
43
LOCAS IN LOVE
Saurus
Ach du Scheiße! Kontroverse Behauptung unseres Rezensenten Oliver Bothe: "Saurus" sei das überzeugendste deutschsprachige Album des Jahres; dagegen klinge "Kapitulation" wie Kasperletheater. Dass das einige in der helga-Redaktion anders sehen (und wohl auch: dass einige "Saurus" nicht gehört haben), sieht man an den jeweiligen Platzierungen in den Charts. Kein Grund für Locas In Love, zu kapitulieren: Die werden vermutlich weiter ihren deutschsprachigen Indie-Rock irgendwo zwischen The National und Kante machen.
(Mario Kißler)
44
THE FRATELLIS
Costello Music
Die Fratellis verdienen definitiv den Preis für die rotzigste Band des Jahres. Große Fresse und nichts dahinter? Doch, schon. Zumindest der Preis für die catchiesten Melodien ist ihnen sicher, wenn man über den Einfluss von Fußballchören hinwegsehen kann. Klar, musikalisch hatte 2007 deutlich mehr zu bieten als die durchgeknallten Briten, aber zwischen all dem Anspruch war es eine Erfrischung, Geschichten über MILFs (hier nochmal die Erklärung: Mother I'd like to fuck) und Hippies zu hören. Wer sich in Großbritannien bewegte, bekam dazu noch blankgezogene Brüste serviert. Ist das nichts?
(Lisa Krichel)
45
GRAVENHURST
The Western Lands
Was spiegelt besser die Ungerechtigkeit der Musikwelt wider als das Schicksal des Nick Talbot? Der Mann schreibt moderne Klassiker wie den "Song Among The Pine". Mitkriegen tut das niemand. Deswegen lebt er auch in einem Trailer-Park und friert sich den Arsch ab. Doch wäre seine Band zwischen Post-Rock, Folk und Noise auch so eigenständig und großartig, wenn er ein Appartment hätte? Wir wollen ihm ja nichts Böses wünschen, dennoch: Solange alles so bleibt, wie es ist, sind Gravenhurst der gespenstischste Soundtrack des Winters.
(Gordon Barnard)
46
OF MONTREAL
Hissing Fauna, Are You The Destroyer?
Kevin Barnes alias Of Montreal schrieb für "Hissing Fauna" Musik, die zunächst viel lustiger klang, als sie es eigentlich war. Zwar war da viel Pop im Stil der Unicorns oder auch der Flaming Lips, im Kontrast dazu stand allerdings mit "The Past Is A Grotesque Animal" ein 12-minütiges Fast-schon-Krautrock-Monster als Herzstück des Albums, dessen Text wiederum exemplarisch für alle Songs stehen konnte. Worum es ging? Um das ewige Dilemma: Entweder lieben und nicht geliebt werden, oder geliebt werden und nicht lieben. Die Musik schien Barnes zu helfen, seine Probleme zu verarbeiten. Somit war "Hissing Fauna" 2007 das depressivste Album, mit dem man gleichzeitig richtig Spaß haben konnte.
(Mario Kißler)
47
APPARAT
Walls
Ganz Electronica war 2007 von Franzosen besetzt. Ganz Electronica? Nein. Ein einsamer Deutscher machte auf sich aufmerksam und versetzte uns in hellste Verzückung. Der besseren Hälfte von Ellen Allien gelang der große, auch internationale Durchbruch dank einer einzigartigen Mischung aus sphärischem Gesang und elektropoppigen Klangwelten irgendwo so ganz abseits von dem großen Hype Electroclash.
(Benjamin Köhler)
48
NINA NASTASIA & JIM WHITE
You Follow Me
Das "Duett" einer der besten Singer/Songwriterinnen und eines ganz außergewöhnlichen Drummers ließ "You Follow Me" zu einem der außergewöhnlichsten Hörelebnisse des Jahres werden. Wie zwei Tanzpartner bewegen sich Nina Nastasia und Jim White mal aufeinander zu, voneinander weg und auch aneinander vorbei. Dabei aber immer die Hände des anderen fest in den eigenen haltend. Loslassen ging bei diesem Album sowieso in jeglicher Hinsicht nicht.
(Benjamin Köhler)
49
THE HIVES
The Black And White Album
Was geschieht, wenn schwedische Garagenrocker auf amerikanische Hip-Hop-Produzenten treffen, hört man hier. Neben klassischen The-Hives-Songs findet man nun auch Stücke, bei denen Funk und elektronischen Spielereien die Tür geöffnet wurde.
(Thomas Raich)
50
WINDMILL
Puddle City Racing Lights
"The results are pending." So lauten die ersten Worte auf dem Windmill-Debüt. Doch nun steht fest, Matthew Thomas Dillon schafft es trotz oder gerade wegen seines ungewöhnlichen Gesangs und mit seinen wunderschönen Songs, sich den ehrenwerten 50. Platz in Helgas Jahrescharts zu sichern.
(Thomas Raich)
Finden
Bye-Bye
Am 5. Januar 2021 haben wir éclat eingestellt. Mehr Infos hierzu gibt es
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