Interview

Tomte


Zweieinhalb Jahre haben sich Tomte für das neue Album "Heureka" zeitgelassen und manch einer behauptet, die Band hätte einen neuen Ansatz gefunden. Dass das auch so gewollt war und noch viel mehr erzählt Thees Uhlmann - Sänger und Hauptsongschreiber der Band - bei einem kurzen Interview im Rahmen des Reeperbahnfestivals.

Wir müssen natürlich erstmal über die personellen Veränderungen innerhalb der Band Tomte reden. Nikolai am Bass, Max am Schlagzeug, Simon am Keyboard. Wie kam's dazu, dass sich so kurz vor dem Album-Release doch noch einiges geändert hatte?

Thees: Das musst du dir so vorstellen, als ob du mit deiner Freundin zu 'ner Hochzeit eines befreundeten Pärchens fahren willst, und plötzlich sagt sie "Mensch weißte was, wir machen Schluss". Also irgendwas, worauf man sich freut und von dem man dann aber doch feststellt, dass es gelogen wäre, würde man das jetzt tun. Oli Koch ist immer noch bei uns im Herzen drin und ist immer noch mein bester Freund, aber wenn du halt für sowas lebst... (überlegt) Das ist ja nicht so "Hey, mein Handgelenk ist kaputt, ich steig aus", wir wussten das natürlich, es ist kaputt, Arzt sagt "Hör auf", und er hat eigentlich schon viel länger gemacht, als er dürfte. Und dann ist es natürlich so: Album wird schön, auf Tour geht's wieder los, alle freuen sich, und er will sich eigentlich auch freuen, es geht aber einfach nicht. Es wurde ihm ja quasi ärztlich verboten, sich darüber zu freuen, und deswegen ist das dann der Zeitpunkt gewesen.

Wie naheliegend war es denn, Simon am Keyboard hinzuzunehmen?

Thees: Für mich war's sehr naheliegend, weil ich mich da auf meine Menschenkenntnis verlasse. Ich wusste gar nicht, dass er so gut Klavier spielen kann. Ich wusste, dass er es kann, aber nicht, wie gut. Ich wusste, dass er reinpasst, dass er einen an der Waffel hat, dass er Bock hat, dass er es liebt, auf Tour zu gehen und... hab ich schon erwähnt, dass er reinpasst? Aber: Alles richtig gemacht. Bei Max Schröder wusste ich auch nicht, wie gut er Schlagzeug spielen kann, hatte da nur so 'ne Ahnung. Aber alles perfekt, extrem geil, bei Tomte zu spielen zurzeit.

Max hat bei den Albumaufnahmen auch schon mitgespielt, oder?

Thees: Ja, Max ist schon seit ungefähr eineinhalb Jahren dabei.

Wie hat sich das denn musikalisch ausgewirkt? Ich muss zugeben, dass ich das Album bisher noch nicht so oft hören konnte, aber es fällt schon auf, dass ein zuerst relativ normales Tomte-Album gegen Ende schon etwas progressiver wird. Musikalisch ist es auch etwas ausgefeilter, die Strukturen sind ein klein wenig anders, mit "Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören" gibt es ein sechs Minuten langes Lied zu hören...

Thees: Ich hab das ja immer gesagt: Für uns ist das echt ein anderes Album, mal abgesehen davon, ob man das draußen hören kann oder nicht. Zum Beispiel haben wir dieses Mal auch echt zusammen Musik gemacht. Der Einfluss von Dennis und Simon und Max ist bei dieser Platte viel doller gewesen, weil man auch mehr Zeit miteinander geteilt hat - beim Songschreiben und beim Aufnehmen. Es ist schon so, dass von mir 'ne Skizze ankommt, manchmal ist die zu 90 Prozent fertig, manchmal auch nur zu 30 oder nur'n geiler Refrain oder so, aber ein paar neue Sachen hat man sich da schon auch erkämpft für das Album. Diesmal war der Entstehungsprozess auch intensiver, weil wir wirklich Ende April ins Studio gegangen sind, und Mitte Juni war's fertig. "Buchstaben über der Stadt" dagegen ist über einen wesentlich längeren Zeitraum entstanden, vermutlich weil's auch zeitlich nicht anders ging. Aber ich würde es auf jeden Fall immer wieder so machen wollen wie dieses Mal. Schön live spielen, alles zusammen machen, damit man auch so 'ne Konnecke (Kurzform des Wortes Connection ;-) , Anm. d. Autors) bekommt. Nen positiven Lagerkoller, sagen wir es mal so.

Was mich bei "Heureka" auch gewundert hat, ist der starke textliche Bezug zu Hamburg. Früher war gerade für einen Außenstehenden klar, dass GHvC und Tomte und Hamburg fest zusammengehören. Aber jetzt ist das ja gar nicht mehr der Fall, du wohnst zum Beispiel in Berlin. Ist Berlin dann nicht eher der Tomte-Mittelpunkt?

Thees: Mich beeinflusst eben, was mich umgibt, und es gibt wirklich wahnsinnig viele Berlin-Stellen auf der Platte. Und natürlich bin ich (jetzt ironisch) wahnsinnig besonders und ein wahnsinnig toller Typ... nein, ich bin genau wie du oder der Typ, der für mich die Verstärker schleppt. Und da beeinflusst mich natürlich das wahre Leben. Und - das muss ich ehrlich zugeben - ich hab Hamburg vermisst, Hamburg hat viel für mich getan und - auch wenn sich's jetzt komisch anhört - ich liebe St. Pauli, ich mag die Luft hier und wie das alles so ist. Und das ist mir eben erst aufgefallen, seitdem ich in Berlin wohne. Vorher hab ich zwar in Hamburg gewohnt, aber es ist mir nicht aufgefallen.

Kleiner Themenwechsel: Ihr spielt ja heute Abend ein Akustikkonzert und habt auch schon einige hinter euch. Weißt du noch, wessen Idee das war?

Thees: Die Dortmunder hatten schon lange angefragt und die Wiener ebenso. Und das in Wien musst du einfach machen, weil du da in einer Reihe mit den ganz Großen stehst: REM, Nick Cave, pi pa po. Und das ist ein geiler Saal, der ORF Sendesaal, und wir hatten dann ehrlich gesagt schon den Ehrgeiz, - weil wir gerade so gut zusammenspielen können und weil wir Tomte mit Simon und Max auch etwas aufblasen können - daraus ein bisschen mehr zu machen. Und dann hab ich über Escapado noch rausbekommen, dass Gunnar nicht nur Bass, sondern ganz kammermäßig auch Cello spielen kann. Ihn angerufen, er hatte super Bock, hab ihm ein paar Ideen aufgeschrieben, wie ich mir Lieder so vorstelle, paar Mal im Proberaum gewesen, genial. Weißte, als erstes Lied "New York" gespielt, Gunnar spielt so 'ne selbstgedachte Melodie dazu - halt auch geil, musst dir ja erst mal so 'nen neuen Bogen ausdenken - , nach dem Lied alle Instrumente in die Ecke gestellt und dann geklatscht. Und die beiden Konzerte bisher waren einfach wahnsinnig, wahnsinnig schön. Unser Fotograf, der uns seit fünf Jahren oder so begleitet, und der bestimmt schon bei 30 Tomte-Konzerten war, meinte, Wien wäre das schönste Tomte-Konzert gewesen, das er jemals gesehen hat.

Ist doch für euch bestimmt sehr spannend, die Lieder mal in anderem Gewand zu sehen.

Thees: Ja, total. Es war auch so schön, dass wir das auf jeden Fall weiterverfolgen wollen. Und dem geneigten Tomte-Fan mal 'ne andere Version von "Schreit den Namen meiner Mutter" zu präsentieren, das kickt einen selber, und es kam eben auch sehr gut an.

Ist natürlich noch viel zu früh, das jetzt zu fragen, aber ist das nicht auch 'ne Idee für eine neue Platte? Sozusagen um die Palette noch mal ein wenig zu erweitern.

Thees: Früher haben wir ja auch viele Streicher verwendet, diesmal nicht. Keine Streicher, keine Bläser. Wenn ich sowas jetzt nochmal machen würde, dann würde ich sie nicht mehr als Stilmittel einsetzen, um es bombastischer klingen zu lassen - was aber natürlich auch megamäßig Spaß bringt - , sondern wirklich als Instrument. Ich meine, der Anfang von "Schrei Den Namen Meiner Mutter" wird heute nur vom Cello gespielt. Und nur ein Cello klingt eben wie ein Cello. Also echt richtig toll.

Ich freue mich schon sehr auf heute Abend. Vielen Dank für das Interview.

Photo Credit: www.pertramer.at

Matthias Kümpflein

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Rezension zu "Buchstaben über der Stadt" (2006)
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