Interview

The Wedding Present


Heutzutage gibt es nur noch wenige Bands, die auf eine 25jährige Bandgeschichte zurückblicken können und immer noch genügend Benzin im Tank haben. Die Indie-Legende The Wedding Present sind eine dieser Bands und so wackelten uns schon etwas die Knie, als Frontmann David Lewis Gedge braungebrannt und mit dunkelster Sonnenbrille zum Interview erscheint. Kumpeltyp Gedge bricht aber schnell das Eis und wartet mit einigen Überraschungen auf.

David, erzähl uns doch mal ein bisschen, was bei dir und The Wedding Present in letzter Zeit so passiert ist. Seit „El Rey“ (Anm. der Redaktion: letztes Album, 2008) hat man von euch quasi nicht mehr viel gehört...

David Lewis Gedge: Wir haben seither eigentlich jede Menge neuer Songs geschrieben, nur ist es so, dass wir dachten, 2010 sollte das Jahr von „Bizarro“ (zweites Album der Band, 1989) sein. Wir haben ja zu unserem Debüt „George Best“ schon eine Jubiläumstour gemacht und jetzt war eben „Bizarro“ dran. Sind zwar ein Jährchen zu spät für den zwanzigsten Geburtstag, aber besser spät als nie! Das heißt, wir werden also das komplette Jahr noch das Album bei unserer Tour durch Europa und die USA spielen und dann gehen wir endlich zurück ins Studio.

Macht ihr diese Jubiläumstouren nur für eure Fans oder ein Stück weit auch für euch selbst?

David: Eigentlich hab ich mir immer gesagt: so was mache ich nicht. Ich will nach vorne schauen und nicht ständig zurückblicken müssen. Als unser Label dann aber mit der konkreten Idee auf uns zu kam, verfiel ich irgendwie in Nostalgie und war plötzlich begeistert davon, all die alten Songs wieder zu spielen. Manche Stücke hatten wir ja schon Jahrzehnte nicht mehr gespielt! Nach den ersten Erfahrungen jetzt, kann ich sagen, es war eine gute und richtige Entscheidung. Zum einen für die Fans, klar, die freuen sich natürlich wie blöde, wenn einer „ihrer“ Klassiker komplett gespielt wird. Würde mir auch so gehen. Aber zum anderen auch für uns, denn wir hatten so Gelegenheit, unsere Vergangenheit mal ausgiebig zu reflektieren. Ich kam so auch zur Erkenntnis, dass „George Best“ auf jeden Fall das Album ist, mit dem ich am wenigsten zufrieden bin.

Warum das denn? Ich denke, viele Fans würden dir da energisch widersprechen.

David: Wir waren damals einfach unglaublich naiv. Haben uns einfach gesagt: „Los! Machen wir ein Album!“ Und dann haben wir es einfach aufgenommen. Es hätte aber im Grunde genommen so viel besser sein können, wenn die Ideen, die wir damals hatten, auch zu Ende gedacht worden wären. Viele finden genau diese „Unausgegorenheit“ auf dem Album so super und in gewisser Weise kann ich das auch nachvollziehen. Aus meiner Sicht haben wir aber damals unser Potenzial verschenkt.

Ok, dann könnt ihr ja euer ganzes Potenzial auf der nächsten Platte wieder unter Beweis stellen... Wie weit seid ihr diesbezüglich denn?

David: (lacht) Dir ist schon klar, dass du jetzt den Druck für uns enorm erhöht hast... Aber ist ok, schließlich konnte ich ja meine Klappe nicht halten. Doch zu deiner Frage: Wir haben fünf Songs schon mehr oder weniger im Kasten und nach der „Bizarro“-Tour gehen wir zurück ins Studio, um noch ein paar weitere Stücke aufzunehmen. Zehn bis zwölf Songs sollte das Album dann umfassen. Ich finde, das ist die optimale Länge.

Ist Steve Albini wieder als Produzent mit an Bord?

David: Das ist ernsthaft eine ziemlich gute Frage, die ich mir selbst momentan ständig stelle. Ein Teil von mir sagt: „Ja, er sollte auf alle Fälle wieder dabei sein!“. Ganz einfach deshalb, weil er ein unglaublicher Profi ist. Aufnahmen mit ihm sind absolut unproblematisch und schnell abgeschlossen. Unter dem Strich zimmert er dir dann auch noch den perfekten Sound auf den Leib – also ein Produzent, wie ihn sich jede Band nur wünschen kann. Ein anderer Teil von mir ist aber davon überzeugt, dass wir einen neuen Produzenten ausprobieren sollten. Nicht, weil wir etwa Streit mit Steve hätten, sondern ganz einfach deshalb, weil wir vielleicht ein paar neue Ideen außerhalb des routinierten Gefüges brauchen. Jemanden, der noch nichts mit der Band zu tun hatte. Das ist eine verdammt schwierige Entscheidung, wie du dir vielleicht denken kannst.

Schweben dir denn dabei konkrete Alternativen vor?

David: Dave Fridmann fällt mir da spontan ein. Er hat ja unter anderem schon fantastische Produktionen für The Flaming Lips und Low abgeliefert. Das wäre mit Sicherheit eine Option, die uns auf jeden Fall weiterbringen könnte. Aber wie gesagt, auch Steve Albini ist weiterhin ein Kandidat. Er hat ja schließlich sowohl das etwas poppige „El Rey“ als auch das roughe „Seamonsters“ produziert und somit seine Vielseitigkeit schon zur Genüge unter Beweis gestellt. Die neuen Songs werden allgemein wohl etwas düsterer klingen als zuletzt, was ihm natürlich in die Karten spielen würde, denn derartige Songs kann er ja am besten produzieren.

Dann sind wir mal gespannt, was bei der Entscheidung rauskommt.

David: (lacht) Ja, ich ebenfalls!

Nach 25 Jahren mit The Wedding Present scheinst du offensichtlich immer noch nicht genug zu haben. Wann ist für dich denn der Punkt erreicht, an dem du endgültig genug hast?

David: Ich glaube, den Punkt, falls es ihn je gegeben hat, habe ich schon längst überschritten und jetzt gibt es keinen Weg zurück mehr. Musik machen ist für mich eine totale Obsession geworden, von der ich mich nicht mehr lösen kann. Der Witz ist aber, dass ich es nicht mal wirklich genieße. Viele Leute, mit denen ich spreche, sagen immer: „David, du hast das absolute Traumlos gezogen. Musik machen und Touren, besser geht’s nicht!“. Aber das stimmt nicht! Es ist nämlich verdammt harte Arbeit, die zwar manchmal, aber eben oft keinen Spaß macht. Außerdem gehen viele Freundschaften durch das dauernde Unterwegssein dabei in die Brüche. Das sind Dinge, die Außenstehende oftmals gar nicht auf der Rechnung haben und dann ganz erstaunt sind, wenn man davon erzählt, wie stressig eigentlich so ein Musikerleben ist. Nichtsdestotrotz bin ich süchtig danach. Ich brauch das und kann mir nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu machen.

War es dann nicht etwas voreilig, so früh schon eine Jubiläumstour zu machen? Wie willst du denn in zwanzig Jahren die nächste „Bizarro“-Tour rechtfertigen?

David: (lacht lange) Darüber habe ich überhaupt nicht nachgedacht! Aber da man mich dann wohl wahrscheinlich sowieso mit dem Rollstuhl auf die Bühne fahren muss, können wir die Tour ja dann „Bizarro-Tour...on wheels!“ nennen. (allgemeines Gelächter)

Abgesehen von dieser Idee, auf die ich dich in zwanzig Jahren festnageln werde: gibt es irgendwelche anderen Ziele, die du mit The Wedding Present noch erreichen willst?

David: Nein. Ich bin niemand, der sonderlich ambitioniert war oder ist. Ich wollte immer in einer Band spielen und Alben aufnehmen und das war's. Dieses Ziel habe ich bereits 1985 erreicht und das genügt mir.

Welchen Rat würdest du Musikern mitgeben, die heute eine Karriere im Musikbusiness starten und genauso lange wie ihr dabei sein wollen?

David: Verabschiedet euch von dem Gedanken, mit Musik euren Lebensunterhalt verdienen zu können. Das gelingt heutzutage vielleicht einer von tausend Bands. Vielen geht deswegen auch recht schnell die Luft aus und ich kann das sogar nachvollziehen. Wir hatten Glück, in einer Zeit angefangen zu haben, in der einfach jeder deine Platte kaufte, der mit deiner Musik was anfangen konnte. Und diese treuen Käufer gibt es heute noch. Nur so schaffen wir es überhaupt über die Runden. Bands, die heute anfangen, müssen die Kohle übers Touren reinholen. Das heißt dann aber auch, 365 Tage im Jahr nonstop on the road zu sein. Das machst du vielleicht zwei, vielleicht drei Jahre mit, aber dann bist du ausgebrannt und die Luft ist raus aus der Band.

Das heißt, wir werden in Zukunft deiner Ansicht nach keine Bands mehr mit einer so langen Bandhistorie wie der euren erleben?

David: Doch, natürlich. Denn schließlich sind wir ja dann immer noch da! (lacht)

Photo: Pressefreigabe

Benjamin Köhler

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