Interview

The Morning Benders


Gute Frage, die sich Chris Chu, Mastermind hinter den Morning Benders, während unseres Interviews stellt: "Wieso spielen die vor unserem Konzert hier eigentlich Nickelback? Ich finde das nicht sehr schmeichelhaft." Der DJ des Molotow schafft es aber glücklicherweise nicht, Chris' gute Laune und seine Bereitschaft, mit uns über das neue Werk "Big Echo" zu sprechen, zu verderben.

Hallo Chris! Das ist eure erste Europatour, oder?

Chris Chu: Mehr oder weniger, letztes Mal haben wir nur in London und Skandinavien gespielt – da fanden gerade ein paar Festivals statt, das hat dann gut gepasst.

Wurdet ihr denn bisher gut empfangen?

Chris: Ja, es wird besser und besser. Unsere Tour hier begann in der Woche vor dem Release der neuen Platte, da waren die Leute noch etwas verhalten. Das ändert sich aber mittlerweile

Viele kennen euch sicherlich auch durch das Video zu „Excuses“, um das es ja schon einen kleinen Hype im Internet gab. 

Chris: Nicht wirklich. Es war gar nicht abzusehen, dass das Video so vielen Leuten gefallen würde und die es dann immer weiter verbreiten. So etwas kann man gar nicht absichtlich herbeiführen – man kann es vielleicht versuchen, aber das geht dann sowieso schief.

Ich habe einen recht interessanten Kommentar zum Video gelesen: Es würde nur zeigen, wie sehr Indie-Musiker heutzutage probieren, sich als großen Komponisten und nicht nur Musiker darzustellen. Was sagst du dazu?

Chris: (denkt lange nach) Dieser Trend ist meiner Meinung nach fast schon wieder um. Ich persönlich hatte schon immer Spaß am Arrangieren und daran, verschiedene Teile zusammenzufügen. Ich spiele dann aber auch alles selber, deswegen würde ich mich nicht als Komponisten sehen. Viele Songs entstehen auch einfach dadurch, dass ich auf der Gitarre herumprobiere. Auch „Excuses“ ist dadurch entstanden, dass ich auf Gitarre und Klavier herumgespielt habe. 

Und wieso bist du der Meinung, dass dieser Trend schon wieder vorbei sei?

Chris: Ich versuche gerade, an aktuelle Musiker zu denken, die in diese Schublade passen könnten, und das fällt mir schwer. 

Der Kritiker, der sich diese Frage gestellt hat, hat zum Beispiel Final Fantasy und Joanna Newsom erwähnt.

Chris: Ja, bei Joanna kann ich das nachvollziehen. Aber so etwas gab es doch vor ungefähr zehn Jahren noch stärker. Viele haben sich da wohl an Brian Wilson von den Beach Boys orientiert, der ja auf „Pet Sounds“ auch sehr viel selber arrangiert hat, Neutral Milk Hotel zum Beispiel. Hast du noch mehr Beispiele?

Sufjan Stevens.

Chris: Ja, der hat ja auch damals ungefähr angefangen. Und ob man nun als Trend sehen kann: Ich würde auch nicht sagen, dass Sufjan Stevens nun an der Spitze der Popmusik steht. Dass Joanna Newsom so erfolgreich ist, ist schon eher etwas Besonderes. Für mich heißt das eher, dass Bands, die aus fähigen Musikern bestehen, wieder moderner sind.

Ist es denn befriedigender, komplexer arrangierte Songs wie die auf „Big Echo“ geschrieben zu haben als die relativ simplen Songs eures ersten Albums?

Chris: Es war diesmal schon befriedigender, weil ich schon länger die Absicht hatte, unseren Sound auszuweiten und andere Elemente mit reinzubringen. Das Songschreiben hat dann auch sehr viel Spaß gemacht – ich wusste nie im Voraus, was ich an einem Song ausprobieren wollte, bis ich es dann getan habe und wusste auch immer genau zum richtigen Zeitpunkt, wann ich fertig war.

Ist das nicht schwierig, da den richtigen Zeitpunkt zu finden und einen Song nicht zu überladen?

Chris: Das ist ein Problem, das mir schon Sorgen macht und über das ich viel nachdenke. Aber wie gesagt, ich habe schon ein gutes Gefühl, wenn sich ein Song der Komplettierung nähert. Ansonsten habe ich ja auch immer die Band, die ihre Meinung äußert, auch wenn das das Ganze dann manchmal noch etwas in die Länge zieht. Aber zum Glück kommen wir meistens an einem gemeinsamen Nenner an, sonst könnten wir den Song gleich wegschmeißen (lacht).

Hattest du zuerst die Idee, etwas komplexer arrangierte Songs zu schreiben oder waren die Songs zuerst da, die das in deinen Augen erforderten?

Chris: Die Songs kommen immer zuerst. Sie klangen für mich schon früh anders als unsere älteren Songs und behandeln auch andere Themen. So lange ich Songs schreibe, habe ich immer schon die Frage im Kopf: „Was nützt dem Song am meisten?“ Manche geben diese Arbeit auch ab, es gibt ja auch tolle Produzenten und andere Experten darin, Songs zu arrangieren aber ich finde, das Komplizierte ist es, diese beiden Tätigkeiten – Songschreiben und Arrangieren – vereinen zu können. Es gibt auch viele überproduzierte Songs oder an sich schlechte Songs, die aber gut produziert sind. 

Hängt der Albumtitel „Big Echo“ irgendwie mit all diesen Überlegungen zusammen?

Chris: Ich mochte den Titel alleine schon, weil er für mich große Klänge symbolisiert. Er weist aber auch auf die ganzen verschiedenen Arten der Popmusik hin, aus denen wir uns bedient haben, die verschiedenen Epochen des Pop. Sie treffen alle in einem großen Echo aufeinander, prallen voneinander ab. Beim Schreiben der Texte waren Erinnerungen und Nostalgie auch ein großes Thema für mich. Da passt der Titel in meinen Augen ebenfalls, er beschreibt die Zusammenwirkung der Erinnerungen, die in deinem Kopf herumschwirren, auch ganz gut.

Euer erstes Album hieß ja „Talking Through Tincans“ - auch das ergibt ein Geräusch, aber eins, das nun überhaupt kein großes Echo verursacht. Ist dieser Zusammenhang beabsichtigt?

Chris: Nicht wirklich, ansonsten hätte ich den Zusammenhang schon beim ersten Album im Kopf haben müssen. Ich mag es aber, Titel zu wählen, die auch den Sound des Albums beschreiben, vielleicht rührt die Ähnlichkeit der Titel daher.

Du hast ja schon den Begriff „Nostalgie“ benutzt. Das Cover-Artwork wirkt für mich auch recht nostalgisch. Gehört das auch zum Konzept?

Chris: Ja, auf jeden Fall. Die Atmosphäre, der Stil....Auch das beschreibt den Sound für mich – wenn ein Bild denn Musik beschreiben kann. Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist, aber auf eine gewisse Art und Weise funktioniert das in meinen Augen schon. 

Ja – ein bisschen wie der Spruch von Zappa: Zu Musik schreiben, ist....

Chris: ...wie zu Architektur zu tanzen.

Ganz genau. Danke für das Interview!

Jan Martens

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Rezension zu "Big Echo" (2010)

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