Interview

The Hold Steady


Tad Kubler, Gitarrist von The Hold Steady, hat's nicht leicht. Erst muss die Band als Opener der Blue Stage die Besucher des Hurricane in aller Herrgottsfrühe aus dem Zelt prügeln, dann muss er sich zum Interview mit helga-rockt in eine winzige Interviewkabine zwängen. Aber wer ein Album wie "Heaven Is Whenever" zu besprechen hat, nimmt auch das gerne auf sich.

Diese Interviewkabinen sehen ja irgendwie schon wie Verhörzimmer in Polizeifilmen aus. Aber keine Angst, ich wäre dann der gute Cop.

Tad Kubler: Ach, und gleich kommt noch jemand rein und verprügelt mich mit einem Telefonbuch?

Wahrscheinlich. Sorry deswegen und dafür, dass ich etwas heiser bin, ich habe bei eurem Auftritt vorhin zu viel mitgeschrien. 12.30-13.00 ist ja auch nicht gerade der wünschenswerteste Slot, oder?

Tad: Irgendwie schon, aber andererseits hat man so auch die Gelegenheit, seinen ganzen Kram schon früh aufzubauen und hat lange genug Zeit für seinen Soundcheck. Normalerweise dauern unsere Shows aber schon sehr viel länger, 90 bis 120 Minuten. Mittlerweile haben wir auch schon fünf Alben herausgebracht und noch einige B-Seiten, das Repertoire reizen wir dann auch gerne aus.

Ich hätte euch letzte Woche auch gerne in Köln gesehen, konnte aber leider nicht.

Tad: Das war eine gute Show. Es macht sowieso sehr viel Spaß, in Deutschland zu touren, da es hier relativ viele größere Städte gibt, in denen man spielen kann. Da kann man schon mal eine ganze Woche hier verbringen, wenn man will. 

Hast du denn das Gefühl, dass die neuen Songs sich gut in das Set integrieren?

Tad: Oh, ja. Die Platte ist aber, wie ich finde, etwas komplexer als die davor, etwas dynamischer. Als wir die Platte aufgenommen haben, haben wir das Studio selbst quasi als Werkzeug zum Songschreiben benutzt und jetzt müssen wir in manchen Fällen noch ausjustieren, wie die Liveversion im Vergleich zur Studioversion klingen soll.

Ich habe ein Interview mit Craig (Finn, Sänger der Band, Anm. des Autors) gelesen, in dem er meinte, dass er sich beim Schreiben der Texte manchmal schon denken würde: „Hier klatschen sicher alle und hier gröhlen sie mit.“ Das klingt schon etwas danach, als zieltet ihr auf eine Stadionrockshow ab.

Tad: Ja, im Idealfall spielen wir aber natürlich gerne in immer größeren Locations. Das hat bisher auch ganz gut geklappt, wenn wir in Städte zurückkehren, in denen wir schon aufgetreten sind, haben wir meistens auch ein größeres Publikum. Solange wir das beibehalten können, ist alles super. Aber diesen „Stadion-Aspekt“ mit dem Mitklatschen und so weiter hatten wir zumindest bei dieser Platte nicht so sehr im Hinterkopf.

Es ist auch für euch ungewöhnlich, dass ihr „Heaven Is Whenever“ nicht mit einer großen Hymne wie „Constructive Summer“, sondern mit dem eher langsamen Bluegrass-Song „The Sweet Part Of The City“ beginnt.

Tad: Das war eine bewusste Entscheidung. „Sweet Part Of The City“ und „A Slight Discomfort“, der letzte Song der Platte, waren auch zwei der ersten Songs, die ich für das Album geschrieben habe. Sie gaben so ungefähr den Ton dafür an, was wir eigentlich schon immer, aber besonders mit „Heaven Is Whenever“ schaffen wollten, nämlich unseren musikalischen Horizont etwas auszuweiten. Ich denke, dass wir das große Rockriff mittlerweile erobert haben – auch wenn „erobern“ vielleicht nicht das perfekte Wort ist: Wir haben vielleicht noch nicht den Song aller Songs geschrieben, aber wir haben innerlich abgehakt, dass wir es beherrschen. Jetzt wollen wir sehen, was wir noch so können.

Daher auch solche Experimente wie das Klarinettensolo auf „Barely Breathing“?

Tad: Oh, das Klarinettensolo. Das wollte ich eigentlich schon auf unserer zweiten Platte „Seperation Sunday“ auf „Cattle And The Creeping Things“ einbauen. Damals dachten wir noch, dass das eventuell etwas zuviel gewesen wäre, aber nun fühlte es sich richtig an.

Ich habe einige Stimmen gehört, die „Heaven Is Whenever“ als Übergangsalbum bezeichnen, auch wenn niemand so genau zu wissen scheint, was er damit meint.

Tad: Ich weiß nicht. Diese Platte ist vom Sound her schon etwas anders, aber für mich hört es sich immer noch sehr nach The Hold Steady an. Klar, dass manche, denen es anders geht, ihm dann irgendeine Bezeichnung geben wollen – aber um etwas Übergangsalbum zu nennen, muss man doch eigentlich erst die darauf folgende Platte gehört haben, da man sonst gar nicht sagen kann, wohin der Übergang erfolgt, oder? Aber über so etwas denke ich eigentlich nicht nach, da man seine Entscheidungen nicht von solchen Stimmen beeinflussen lassen sollte. 

Vielleicht wirkt es für viele auch hauptsächlich wie eine große Veränderung, weil Franz (Nicolay, ehemaliger Keyboarder der Band, Anm. des Autors) die Band verlassen hat.

Tad: Naja, der eigentliche Songschreiber war sowieso immer ich. Franz ist aber auf jeden Fall eine große Persönlichkeit, der vor allem live sehr auffällt, da er eine sehr große Bühnenpräsenz besitzt. Er ist auf jeden Fall auch ein großartiger Performer, aber ohne ihn ist es vorrangig optisch eine Veränderung für unsere Band. 

Vielleicht lässt sich einfach jemand von euch einen Schnurrbart wachsen?

Tad: Ja, dann fällt es vielleicht nicht mehr so auf. 

Denkst du denn, dass auf der Ebene der Songtexte eine Veränderung stattgefunden hat?

Tad: Ja, aber Craig und ich reden nie allzuviel darüber. Ich pfusche bei seinen Texten nicht rein und er lässt mich die Musik schreiben – da vertrauen wir einander mittlerweile schon sehr. Wir setzen uns nicht zusammen hin und überlegen, was wir tun wollen. In den neuen Texten gibt es allerdings keinen offensichtlichen Plot mehr, denke ich. Es ist vage. Das finde ich schön, da der Hörer nun oftmals selber seine Schlüsse ziehen muss.

Es fühlt sich auch nicht mehr so sehr wie ein großes Universum an, das auf Intertextualität und Bezügen zu anderen Songtexten beruht.

Tad: Ja, das ist nachvollziehbar. Ich kann mir vorstellen, dass es Craig vermehrt so vorkam, als würde eine bestimmte Art von Song von ihm erwartet. Das muss nach einer Weile ziemlich nervig sein und es erschweren, als Künstler zu wachsen. 

Diese Songs scheinen auch immer von Menschen zu handeln, deren Leben irgendwie im Arsch ist.

Tad: Craig ist die Art von Mensch, dem es gefällt, solche Charaktere und Geschehnisse durch seine Songs von außen beobachten zu können. Dieser Lebensstil ist nämlich nichts, das ihm liegen würde. Das macht es für ihn interessant, denn er observiert gerne. Craig ist sehr bedacht, daher weiß ich, dass er immer genau darüber nachdenkt, was er im Hinblick auf die Geschichten, die er erzählt, als nächstes zu tun hat.

Er wollte auch einmal einen Roman schreiben, glaube ich.

Tad: Ja, und den würde ich auch sehr gerne lesen, aber so etwas ist bei unserem vollen Terminplan im Moment einfach nicht möglich. Ich wollte letztes Jahr auch schon ein Buch mit Fotografien, die ich zusammengestellt habe, herausbringen, aber der Tag hat eben nur 24 Stunden – und diese Arbeit ist ja noch viel weniger zeitintensiv als das Schreiben eines Romans. 

Soweit ich weiß, wollte Craig einen Kriminalroman schreiben. Angenommen, er wollte dich in die Geschichte mit einbringen: Was wäre denn deine Rolle darin?

Tad: Dann wäre ich wahrscheinlich der Killer.

Wieso das denn?

Tad: (lacht) Ist das deine letzte Frage?

Yap.

Tad: Ich glaube, Craig würde mich sehr gerne zum Bösewicht machen.

Jan Martens

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