Interview

Stornoway


Wer gedacht hätte, dass man satanische Bauernhoftiere, merkwürdige Lebensmittelphobien und alberne Ballsportarten nicht in ein und demselben Interview unterbringen kann, wird eines besseren belehrt – und das ausgerechnet durch die unscheinbaren Stornoway aus Oxford, die 2010 insbesondere mit ihrer Single "Zorbing" überzeugten. Wir trafen Gitarrist Jon Ouin und Sänger Brian Briggs im Hamburger Knust zum Interview.

Hey! Wie geht's euch beiden?

Brian Briggs: Ganz super, wir hatten unsere jeweiligen ersten Gigs in Italien, der Schweiz, Luxemburg... In Deutschland waren wir zwar schon öfter, aber auch hier konnten wir schöne neue Orte kennenlernen und viele Leute kannten uns bereits. Zudem fand unser bisher größter Gig in Berlin statt.

In Basel hast du angeblich eine Geschichte über vom Teufel besessene Hühner erzählt?

Brian: Ja, in der Schweiz scheinen die Leute scharf auf farbige Eier zu sein. Irgendwann im 15. Jahrhundert oder so hat ein Huhn in Basel wohl einmal ein farbiges Ei gelegt, was dann dem Teufel zugeschrieben wurde. Daher wurde das Huhn dann natürlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In ganz Europa gibt es aber ähnliche Geschichten, besonders in Frankreich. Dort wurde ein Schwein einmal erhängt, weil es angeblich ein Kind getötet hatte, und in Paris wurde eine Kuh der Hexerei angeklagt.

Ja, dort wurde auch schon Holzwürmern der Prozess gemacht, weil sie in einer Kirche einen Balken durchnagten, der dann herunter fiel und einen Bischoff erschlug.

Jon Ouin: Mit Recht!

Ihr habt erwähnt, dass euch immer mehr Leute kennen. Glaubt ihr, dass ihr auch davon profitiert, dass jetzt verstärkt eher folkige Indiebands – Mumford & Sons, Fleet Foxes – im "Mainstream" angelangt sind?

Brian: Ja, es hat definitiv geholfen, genau zu dieser Zeit das zu tun, was wir tun. Ich glaube zwar nicht, dass wir die gleiche Schiene fahren wie diese beiden Bands, aber zumindest im Kontext von Radio 1, einem wichtigen britischen Radiosender, schwimmen wir zumindest auf der gleichen Welle. Davon haben wir sicherlich auch profitiert.

Was ihr mit genannten Bands gemeinsam habt, ist ja beispielsweise der oft mehrstimmige Hintergrundgesang, dessen sich nicht allzu viele Bands bedienen. Wann habt ihr begonnen, diesen in eure Musik zu integrieren?

Brian: Ich liebe den Klang von Harmonien, Stimmen in Harmonien. Viele meiner Lieblingsbands nutzen diese auch, daher war es nur natürlich, diese auch in unseren Songs haben zu wollen. Das mussten wir aber wirklich lernen! Zunächst habe nur ich gesungen, bis nach und nach alle mitmachten und wir auch immer besser wurden. Zu Beginn klangen wir wahrscheinlich ziemlich mies. Glücklicherweise kann man Aufnahmen wiederholen, so oft man will. Jetzt ist es hoffentlich ganz okay.

Mach euch doch nicht so runter! Hat jemand von euch denn früher Gesangsstunden gehabt?

Brian: Du, oder?

Jon: Nein! Hört man das nicht?

Brian: Dann war ich wohl der einzige. Als Kind habe ich viel gesungen, ich war im Kirchenchor. Jetzt hat niemand von uns Gesangsstunden, sollten wir aber vielleicht mal überlegen.

Du sollst euch doch nicht so runtermachen, ihr wart immerhin in den Top 25! (alle lachen) Ich habe übrigens von euren Schwüren damals gehört – wenn wir jemals in die Top 25 kommen, dann...

Brian: Ja, ich wollte einen Hut essen, Olli wollte seinen Schnurrbart essen... Das mit dem Hut hab ich noch nicht getan, ich habe aber essbare Hüte recherchiert. Es gibt Hüte, die nur aus Fleisch bestehen, was mir als Vegetarier aber auch nicht wirklich weiter hilft.

Jon: Wir haben alle so einen Schwur geleistet.

Brian: Genau. An Rob kann ich mich nicht mehr erinnern, aber Jon wollte eine ganze Mahlzeit essen, die nur aus roten Dingen besteht. Klingt nicht besonders fies, aber er hat da eine gewisse Phobie.

Wie kommt das denn?

Jon: Keine Ahnung.

Du rennst aber nicht weg, wenn du eine Erdbeere siehst?

Jon: Manchmal ist es schon schwierig. Ich muss den Raum verlassen. Okay, das war jetzt Quatsch.

Themawechsel: Ich habe mich gefragt, woher der Titel eures Albums "Beachcomber's Windowsill" kommt.

Brian: Der Titel kommt von einem alten Song, den wir heute vielleicht auch spielen werden. Zum Album passt der Titel eigentlich viel besser. Er bezeichnet quasi eine Ansammlung verschiedener kleiner Schätze, genau wie das Album eine Ansammlung der besten Songs sind, die wir aufgenommen haben. Auch unser Bandname zeigt ja schon, dass mir alles, was mit dem Meer zu tun hat, sehr gut gefällt und daher gibt es auch diverse Referenzen zur Küste.

Das Thema Meer beschäftigt dich, zudem bist du studierter Ornithologe... Fühlt ihr euch alle so sehr zur Natur hingezogen?

Jon: Ich war noch nie draußen. (Brian lacht) Ich habe keine Ahnung, was Natur ist. Na ja, ernsthaft – wir sind alle Naturfreunde, aber in Brians Liga spielt diesbezüglich keiner von uns.

Dann habt ihr wahrscheinlich auch noch nie Zorbing betrieben?

Brian: Doch, dazu hab ich die Jungs tatsächlich einmal zwingen können. Der Typ, der Zorbing erfand, hatte uns kontaktiert, weil er den Song für ein Video verwenden wollte, und uns zum Zorbing eingeladen. Falls du nicht weißt, was das ist: Man rollt mehr oder weniger in einem Hamsterball einen Hügel hinunter und kann sich entweder eine Art Geschirr umlegen, so dass man mit dem Ball rollt, oder das Ganze in einer feuchten, glitschigen Umgebung tun, wo man dann nur hin und her kullert und auf seinen Bandkollegen landet.

Wird das dann zum Wettkampf?

Brian: Nein, nicht wirklich, man kann die Dinger ja nicht einmal richtig steuern. Man ist quasi in der Hand des Balls. Ich war auch nie ein Freund von Sportarten, die auf Wettbewerb beruhen, wahrscheinlich, weil ich so ein wettbewerbsorientierter Mensch bin.

Jon: Das ergibt absolut keinen Sinn, Brian.

Wo wart ihr denn zorben?

Brian: Im Südwesten, an der Küste, in Dorset. Man kann es aber zum Beispiel auch in Schottland tun.

Gibt es dafür spezielle Orte oder kann man den Ball irgendwohin mitnehmen und herumkullern?

Brian: Keine Ahnung, ich dachte auch immer, es ginge überall. In Dorset gab es aber einen richtigen Platz dafür, mit vielen Kanten und einem gro?en Sicherheitsnetz. Eigentlich müsste das aber überall funktionieren, man ist im Ball recht gut geschützt.

Jon: Vielleicht auf der Autobahn.

In der Nähe von Oxford geht das aber nicht?

Jon: Och, bestimmt, es gibt nur keine Hügel, man muss nur jemanden finden, der einen schubst.

A propos Oxford: Es ist witzig, wie alle euch für Studierte halten, weil ihr aus Oxford seid, obwohl nur zwei von euch je studiert haben. Ist das ein typisches Klischee?

Jon: Ich glaube schon. Zu Beginn unserer Bandkarriere wussten wir nicht, was wir über uns sagen sollten, deswegen erzählten wir eben, was wir so studiert haben. Seitdem haben wir etwas das Image als Uni-Idioten. Brian und ich haben uns tatsächlich an der Uni kennen gelernt, die anderen gingen noch zur Schule. Die Uni ist aber definitiv das Herz Oxfords und auch ziemlich groß.

Wie ist denn ansonsten die Musikszene in Oxford?

Jon: Großartig, finde ich, und das sage ich auch als jemand, der nicht in Oxford, sondern in London geboren ist. Es ist interessant, wie viel in dieser kleinen Stadt passiert, auch, was verschiedene Stile angeht – man nehme nur Radiohead, Supergrass, Foals, Young Knives... Viele junge Musiker, die einfach das tun, was sie wollen. Es ist eine kleine Stadt, aber mit sehr viel Leben, vor allem verglichen mit anderen Städten gleicher Größe. Natürlich profitiert Oxford auch von der Nähe zu London, wo wir dann hin und wieder Gigs spielen konnten. Wirklich entwickelt haben wir uns aber in Oxford, ohne dass das irgendjemand mitbekommen hätte (lacht). Es gibt auch definitiv ein Gemeinschaftsgefühl, was die Musik angeht, auch wenn wir niemals Teil einer "Clique" waren. Es gibt viele Fanzines, die verdeutlichen, wie viel die Musik den Leuten in Oxford bedeutet. Es ist gut, in Oxford Musiker zu sein.

Arbeitet ihr denn schon an neuem Material?

Brian: Ja, wir hatten zwischen den letzten Touren etwas Zeit – das hatten wir davor seit Release des Albums nicht mehr. Viele neue Songs entstehen gerade, aber wir lassen uns viel Zeit, was Arrangements und Aufnahmen angeht. Es wird also noch lange dauern, bis das Album fertig ist.

Was fällt euch denn beim Songschreiben am schwierigsten?

Brian: Das ist ganz verschieden. Manchmal ist es die erste Idee, oft ist es eine der späteren Phasen: Melodie, Texte, Arrangements.

Jon: Die besten Lieder sind die, die direkt von Gott kommen (lacht sich schlapp).

Brian: ...von dir?

Jon: (immer noch lachend) Genau.

Jan Martens

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Rezension zu "Bonxie" (2015)
Rezension zu "Tales From Terra Firma" (2013)
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