Interview

Slut


"Immer noch niemand" oder "immer noch die Nummer 1", das ist hier die Frage. Slut sind nach ihrem Dreigroschenoper-Theater-Ausflug wieder zurück in unseren CD-Regalen und auf unseren Konzertbühnen. Wir sprachen mit René Arbeithuber über das neue Album, den Fluch der Plattenindustrie und - wenn man es genau nimmt - über alles. Hier ist die "hochdeutsche" Version vom Gespräch zweier Bayern.

Ihr habt jetzt längere Zeit keine "Rock"konzerte mehr gespielt. Wie fühlt es sich an, wieder auf deutschen Konzertbühnen unterwegs zu sein?

René: Einzelne Konzerte und eine Hand voll Festivals haben wir ja gespielt, aber natürlich ist das kein Vergleich zu einer richtigen Tour. Irgendwie fehlt einem da die Zeit, sich einzugrooven.

Das heißt, ihr freut euch auf die kommende Tour?

René: Ja, auf jeden Fall. Auch auf das ganze Drumherum. Jetzt ist es schon ein bisschen anstrengend, weil man viele Interviews geben muss...

...oder nachmittags beim Saturn Akustik-Gigs spielen. Schon ungewohnt, oder?

René: Wir waren da schon mal vor drei Jahren oder so. Es ist natürlich seltsam, wenn man sich da hochsetzt und in den Saturn reinschaut.

Ich stand auch direkt neben dem Volksmusikregal. Was mir aufgefallen ist, ist der doch recht hohe Altersdurchschnitt. Vielleicht lag das auch an der Location, aber hat sich das Publikum durch eure "Dreigroschenoper"-Sache merkbar geändert?

René: Naja, heute Nachmittag waren vielleicht 30 oder 40 Leute wirklich wegen uns da, aber das kann man auch gar nicht vergleichen. Bei den bisherigen Konzerten war das Publikum eigentlich wie immer. Natürlich sind einige Jüngere dazugekommen, was auch wichtig ist. Aber insgesamt war das schon eine gesunde Entwicklung und dadurch ist das Publikum auch sehr gemischt.

Die Gerüchte über eine Auflösung von Slut habe ich eigentlich immer für einen Witz gehalten, aber gestern war in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Chris (Neuburger - Sänger bei Slut, Anm. d. Autors) und da wurde das wieder thematisiert. Gab's diese Überlegungen denn wirklich?

René: (entschlossen) Nein. Es ist auf einem Festival 2002 oder 2003 entstanden - auf dem Sonnenrot Festival bei München - da hatte Chris irgendwie einen schlechten Tag, und da hat er auf der Bühne gesagt "so, das nächste Stück ist von unserer letzten Platte".

Also auf "All We Need Is Silence"?

René: Ja, genau. Wir haben uns auf der Bühne angeschaut, so "Boah, was is'n jetzt los. Geil, dass wir das auch erfahren." Wir waren selber so vor den Kopf gestoßen, aber direkt nach dem Konzert hat er auch gemeint "Nee, das war einfach nur so dahingesagt". Dass es sich dann in Windeseile verbreitet, hätten wir auch nicht gedacht. Im Endeffekt war's aber ganz gut, weil die Leute dann wieder was zum Schreiben und zum Diskutieren hatten. Man muss nur einmal so 'ne Ente setzen, dann wird jahrelang darüber geredet.

In dem Interview kamen dann auch gleich wieder zwei, drei Fragen dazu, und Chris hat schon gesagt, dass ihr nicht mehr weiter machen wolltet. Aber vermutlich war gemeint, "nicht mehr in dieser Richtung".

René: Ja. Das war auch die Überlegung, dass es in der Form keine Slut-Platte mehr geben wird. Es war einfach aus dem Affekt heraus, und wir haben dann schon erstmal abgewartet, weil wir die Diskussionen ganz interessant fanden (lacht). Aber intern war schon klar, dass es nicht zu einer Auflösung kommen wird.

Kommen wir zum neuen Album "StillNo1". Wie seid ihr da rangegangen?

René: Es war alles offen. Früher war's immer so, dass die Richtung schon vorher da war. Wir haben uns halt darüber unterhalten, wo wir hinwollen und so weiter. Und diesmal nach der Dreigroschenoper - da haben wir auch mehr Instrumente verwendet und mussten auf andere Musik eingehen, die auch anders arrangiert war - haben wir gesagt, wir fangen einfach mal an ohne irgendwelche Konzepte, ohne irgendwelche Konventionen. Und dann hat das einfach so seinen Lauf genommen. Wir waren so ein halbes bis dreiviertel Jahr im Proberaum und sind danach ins Studio gegangen. So gut vorbereitet waren wir vorher auch noch nie. Es gab Zeiten, da sind wir mit zwei oder drei Songs ins Studio und haben dann dort noch weiter geschrieben. Diesmal haben wir den Proberaum mit Instrumenten vollgeknallt. Vibraphon, Akkordeon. Alles, was irgendjemand noch irgendwo in einer Ecke hatte, und dann haben wir einfach drauf losgespielt. Wir haben auch ziemlich schnell gemerkt, dass da was geht. Wir haben zum Beispiel auch die Instrumente desöfteren durchgewechselt, damit nicht immer der Gleiche Gitarre oder Keyboard spielt, sondern vielleicht mal ein Anderer eine bessere Idee hat.

Ich habe das Album jetzt erst zwei Mal oder so gehört, aber was natürlich sofort auffällt, ist die größere Reichweite der Songs. Von "Wednesday", das nur mit dem Klavier begleitet wird, hin zu richtig groß instrumentierten Liedern.

René: "Wednesday" hat auch Chris am Klavier geschrieben. Wir haben erstmal versucht, daraus eine richtige Bandversion zu machen mit Schlagzeug und Gitarre und allem - da gibt's sogar Aufnahmen aus dem Proberaum - , aber wir haben irgendwie gemerkt, dass wir sowieso noch ein ruhigeres Lied brauchen, um eben auch die Bandbreite zu haben, die du schon angesprochen hast. Und bei "Wednesday" war es auch so, dass wir schon fast verzweifelt sind. Wir wussten irgendwann nicht mehr, was wir damit machen sollten, bis wir irgendwann im Studio gesagt haben: "Jetzt reduzieren wir's halt komplett runter". Also nur Klavier und etwas Streicher. Und da haben wir auch gemerkt, dass es so einfach am Besten klingt. Warum noch ewig rumprobieren, wenn's sowieso schon passt.

Weißt du, wie das für Chris beim Gesang ist? Der ist jetzt schon wesentlich intensiver als auf den letzten Alben.

René: Früher hat er ziemlich alles auf einem Level gesungen. Und es war uns schon allen ein Anliegen - auch Chris persönlich natürlich - , dass er schaut, was aus seiner Stimme noch herauszuholen ist. Also mal lauter, mal leiser, vielleicht mal mit einer anderen Haltung zu singen. Oder mal in der Nacht... Wir haben den Gesang in Ingolstadt aufgenommen und einmal nach dem Weggehen - wir hatten gut was "getankt" - kam der Produzent: "So, jetzt gehen wir singen". Und dann hat er gesungen, und es hat wunderbar funktioniert. Am nächsten Tag dann nochmal angehört, weil man weiß ja dann immer nicht...

...was man gesungen hat?

René: (lacht) Das hat auch super funktioniert. Dadurch ist ein bisschen mehr Kratzen in der Stimme. Es war gut, sowas einfach mal auszuprobieren.

Und das ist auch so auf der Platte zu hören?

René: Ja, ich glaube im Lied "Odds And Ends". Er war natürlich nicht total besoffen, aber leicht angetrunken war er schon. Es ist auch wichtig, dass man mal so kleine Fehlerchen zulässt. Früher haben wir mit "Autotune" gearbeitet - bei "Lookbook" war das, glaube ich - , da haben wir jeden Ton zwei Mal umgedreht. Aber mein Gott, wenn mal ein kleiner Hakler drinnen ist, der kann ja auch charmant sein. Nicht immer gleich alles wegstreichen, was nicht perfekt ist, sondern auch mal was drinnen lassen. Dann lebt es auch ein bisschen mehr.

Früher hieß es immer, dass ihr nichts auf Deutsch machen möchtet, aber die Dreigroschenoper war ja auch auf Deutsch, und von dem her wäre es doch naheliegend gewesen, daran anzuknüpfen. Hattet ihr diese Überlegung für "StillNo1"?

René: Nein. Es stand für uns vor wie auch nach der Dreigroschenoper nie zur Debatte, unsere eigenen Sachen auf Deutsch zu machen. Wir sahen uns auch nie in dieser Deutschbandtradition. Als wir angefangen haben, Musik zu machen, haben wir viel Pixies und sowas gehört und in dem Sektor gab's eigentlich auch keine Bands, die Deutsch gesungen haben. Das kam erst später mit Tocotronic und Blumfeld und so, aber in der Tradition sehen wir uns einfach nicht. Außerdem müsste sich Chris verstellen, wenn er Deutsch singen würde, sonst hört man ja sein Bayrisch raus.

Ich weiß auch nicht, wie deutsche Bands von Engländern aufgenommen werden. Könnte ja sein, dass die sagen, dass sich das Englisch von deutschen Bands seltsam anhört.

René: Da haben wir zum Glück genügend Freunde, die das dann absegnen. Zum Beispiel Rainers Nachbar aus München. Der kommt aus Manchester und meint, dass man überhaupt nicht hört, dass wir ne deutsche Band sind.

Also wenn's jemand aus Manchester sagt, sollte das eigentlich passen. Habt ihr eigentlich irgendwelche Ambitionen, was das Ausland angeht? Auf eurer Webseite ist ja zum Beispiel auch alles auf Englisch.

René: Das haben wir gemacht, weil wir wahnsinnig viele Zuschriften von Leuten bekommen haben, die meinten: "Macht das doch bitte auch auf Englisch". Und es war natürlich ein riesiger Aufwand, immer alles doppelt zu machen beziehungsweise alles zu übersetzen. Und um uns das zu ersparen, machen wir's jetzt gleich auf Englisch. Das läuft auch ganz gut. Natürlich gibt's immer ein, zwei Leute, die das affig finden, aber sonst beschwert sich eigentlich keiner. Und, ähm, ins Ausland gehen, wollen wir auf jeden Fall. Österreich, Schweiz gehört natürlich sowieso immer dazu und dann nach Holland auf jeden Fall auch wieder. In Italien haben wir erst zwei Konzerte gespielt, da wollen wir noch mehr machen. Eventuell machen wir so eine Art Austauschprogramm mit Bands, die bisher wenig nach Deutschland gekommen sind. Also dass wir ne italienische Band in Deutschland mit auf Tour nehmen und die uns in Italien.

Unterstützt euch EMI dabei, zum Beispiel indem sie eure Platte auch im Ausland veröffentlichen?

René: Also, das ist das Problem bei EMI und Virgin. Jedes Land hat da sein eigenes Büro, und die entscheiden autark, was sie rausbringen. Es gibt so International Meetings, auf denen Platten vorgestellt werden, aber die können dann schon sagen, dass es ihnen nicht gefällt und sie's nicht rausbringen wollen. Und als Band stehst du dann natürlich erstmal dumm da. Aber die Majors sind nunmal so strukturiert, bei den Indies ist das vielleicht einfacher. Und ohne Release hat man auch keine Promotion, und dann bringt das Touren auch nicht viel.

Wir haben uns das bei Madrugada heute erst gefragt. Die haben ein neues Album, das man auch auf MySpace schon komplett hören kann, aber auf der deutschen EMI-Seite ist von einem Release bisher nichts zu finden. Aber ihr könnt ja auch nicht sagen, dass ihr im Ausland auf einem anderen Label veröffentlich werden wollt, oder doch?

René: Das ist Verhandlungssache, bisher ging es nicht. Aber bei der Platte ist es auch so, dass sie auf iTunes weltweit erhältlich ist. Ich bin schon gespannt, was das vielleicht noch bringen wird, auch wenn die Veröffentlichung natürlich erstmal nur digital ist.

Das ist schon eine gute Errungenschaft. Interessiert euch eigentlich, was bei EMI so passiert (z.B. Androhung, dass ein nicht zu kleiner Teil der Belegschaft gehen muss...; Anm. d. Autors) ist in letzter Zeit?

René: Eigentlich nur am Rande, weil es uns persönlich gar nicht betrifft. Es trifft die Mitarbeiter und die ganz großen Bands, deswegen wandern die auch alle ab. Da läuft anscheinend einiges schief. Aber ich kann auch nicht sagen, dass EMI "voll scheiße" ist oder so, dafür tangiert uns das momentan zu wenig. Unser aktueller Vertrag ist sowieso erstmal ausgelaufen, deswegen müssen wir einfach abwarten, was passiert. Wir sind sozusagen ablösefrei. (lacht)

Ihr habt da auch eine recht komfortable Position. Irgendwie seid ihr ja schon erfolgreich, aber eben doch nicht in dem Ausmaß, dass ihr jetzt sehr teuer wärt.

René: Kommerziell erfolgreich sind wir eigentlich gar nicht so richtig. Wir sind gerade an so einer Stelle, an der es eigentlich nur noch einen großen Schritt nach ganz oben gehen kann. Bisher haben wir das zwar nicht geschafft, aber wir hätten auch nichts dagegen.

Zumindest die aktuelle Tour scheint schon überall ausverkauft zu sein.

René: Ja, wir haben natürlich absichtlich erstmal kleinere Clubs gewählt, das Knust heute ist da noch eine Ausnahme. Vorgestern haben wir zum Beispiel in München im Atomic Café gespielt. Da ist es schön und wir waren auch schon oft dort, aber normalerweise würden wir so einen kleinen Club nicht mehr spielen. Auf der Tour im März spielen wir dann eben im Backstage.

Matthias Kümpflein

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Rezension zu "Alienation" (2013)
Rezension zu "StillNo1" (2008)

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