Interview

Schrottgrenze


Der Frühsommer hat in Freiburg bereits begonnen. Draußen gibt es knapp 30°C in der Sonne und die Leute beschweren sich schon wieder ob der hohen Temperaturen. Schrottgrenze Sänger Alex Tsitsigias läuft derweil munter im dicken Parka durch die Welt und auch sonst ist jetzt irgendwie alles ein wenig anders, wie er im Interview zur neuen Platte zu berichten hat.

Euer neues Album klingt für mich noch eine Spur poppiger und mit noch mehr Ohrwurmpotenzial als eure Vorgänger. War das so von euch beabsichtigt, oder hat sich das so ergeben im Laufe der Albumaufnahmen?

Alex Tsitsigias: Also ich denk mal, dass hat sich so ergeben. Wir machen uns eigentlich keine definitiven Vorgaben, wie wir das Album aufnehmen. Diesmal gab es von meiner Seite aus lediglich ein Ziel: nämlich, dass die Musik, die wir machen, in ihrer Umsetzung durchaus simpler passieren könnte. Im Sinne von Songstrukturen, und dass auch nicht mehr tausend Breaks rein müssen. Oder auch keine regelrechte Soundwand, sondern das alles einfach mal abzuspecken und das dazulassen, was da ist: nämlich der Song an sich. Ich denke, dadurch gewinnen die Songs noch mehr an Eingängigkeit.

Wie genau seid ihr vorgegangen bei den Aufnahmen, um diesen "neuen" Sound zu erreichen?

Alex: Wir haben dieses mal sehr viel rumprobiert. Haben manche Stücke drei- oder viermal aufgenommen und vor allen Dingen auf diese Eingängigkeit wertgelegt. Nicht nur für den Hörer, sondern auch für uns. Das ist ein Effekt, den viele Bands der 80er, wie The Smiths, The Cure, REM, etc. benutzt haben. Was uns an dieser Musik fasziniert hat ist, dass sie ohne große Knalleffekte auskommt. Dort wird eben Wert gelegt auf die Essenz von Atmosphäre, Text und Kompaktheit. Wenn man sich auf sowas fixiert, dann gerät man sehr schnell an konkrete Probleme. Mit Punk-Rock kann man solche spielerischen Mängel noch kaschieren, aber mit der Musik, die wir machen, geht das eben nicht. Das war auch der Grund, warum wir uns mehr Zeit gelassen haben dieses mal. Um eben unsere spielerischen Fähigkeiten auf Vordermann zu bringen, und die Sensibilität der einzelnen Spieler zu schärfen.

Zur Interpretation von eurem neuen Albumtitel "Chateau Schrottgrenze". Ich hab das so verstanden, dass euer Album sinnbildlich für ein Schloss steht, in das man sich als Hörer zurückziehen kann.

Alex: Ja, so ähnlich ist das auch gedacht. Ich finde das super, denn wir haben den Albumtitel letztendlich genommen, weil er sofort bei vielen Leuten starke Reaktionen ausgelöst hat. Viele Interpretationsansätze und so weiter. Das finde ich eben, ist ein wichtiges Ding, was ein Albumtitel bewirken sollte. Oder, was ich toll finde ist, wenn das in unseren Texten funktioniert. Wenn die Leute sie nicht sofort verstehen, oder gut finden. Vor allen Dingen, wenn in ihren Köpfen dadurch Bilder entstehen. In welcher Form auch immer.

Wie würdest du dieses Schloss denn beschreiben? Wie sieht es für dich aus?

Alex: Ich hab mir das, ehrlich gesagt, nie als materiellen Raum vorgestellt. Das sollte man auch wenn überhaupt für sich tun und nicht kommunizieren. Deshalb haben wir auch kein Bild von einer Burg als Albumcover gewählt. Es sollte eine Möglichkeit für die Hörer geben, sich dadurch ein eigenes Gesicht von der Platte zu denken. Ein Grund auch, warum man unsere Gesichter nicht vorne drauf sehen kann.

Welche Idee steckt denn genau hinter diesem "gesichtslosen" Artwork?

Alex: Es gab da mehrere Ansätze, die schließlich zu dem geführt haben, was jetzt da ist. Von meiner Seite aus fand ich die Idee interessant unsere Gesichter herauszukaschieren ganz einfach aus dem Grund, um unsere Identität als Band hinter die Identität der Platte und Musik an sich, zurücktreten zu lassen. Das quasi unsere Einzelpersonen in dem Albumkontext eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Ok, für 'nen Fan spielt das vielleicht schon 'ne Rolle, aber für uns war das in dem Moment, als sie fertig war, eine in sich geschlossene Platte, auf die wir als Einzelpersonen wenig Einfluss nehmen, sondern die eher aus einer ganz intensiven, geschlossenen Zeit herausgeboren wurde.

Du hast gesagt, dass du dich beim Schreiben der Texte fürs neue Album auf Themen spezialisiert hast, die dir vorher eher irrelevant erschienen. Was kann man sich da genauer drunter vorstellen?

Alex: Ich habe beim Schreiben von Texten früher jahrelang immer autobiografische Dinge miteinfließen lassen. Sachen, die 1:1 in den Texten verarbeitet wurden, ohne sie irgendwie zu abstrahieren. Aber das sollte auf dieser Platte weniger stattfinden. Das ist auch eine Parallele zu den fehlenden Persönlichkeiten, die ich vorhin erwähnt habe. Von daher war das auch einfach ein notweniger Schritt, um sich aus dem eigenen Kontext auszukoppeln, und mit Dingen zu beschäftigen, von denen man bisher nicht den Eindruck hatte, dass sie irgendwie relevant wären. Man stellt dann aber interessanterweise fest, dass diese Dinge eben doch für einen selbst relevant sind.

Du bist jetzt auch vom Schlagzeug an die Gitarre gewechselt. Warum genau?

Alex: Das hat mehr oder weniger banale Gründe. Unser langjähriger Gitarrist ist letztes Jahr ausgestiegen und wir haben überlegt, wie wir die Band nun weitermachen. Da ich ja sowieso immer die Songs geschrieben habe, dachten wir halt, wir packen die Gelegenheit beim Schopf. Ich bin ja auch schon seit Jahren Gitarrist und da fiel die Umstellung natürlich nicht so schwer. Ist halt auch live besser umzusetzen, gerade weil es als Schlagzeuger und Sänger oftmals problematisch vom Sound und der optischen Umsetzung war.

Ich muss jetzt noch auf euren Bandnamen zu sprechen kommen. Bevor ich eure Musik gehört habe, war für mich der Name Schrottgrenze immer verbunden mit 08/15 Deutsch-Punk. Glaubt ihr, dass solche falschen Vorurteile manchmal ein Problem für euch darstellen?

Alex: Also wir hatten lange Jahre Probleme mit genau diesem Fall, den du da ansprichst. Aber das hat sich in den letzen beiden Jahren geändert. Einfach auch durch die Tatsache, dass wir bekannter geworden sind, und das ist in jüngerer Zeit eigentlich nicht mehr so aufgetreten. Zwischendurch mal haben wir aber tatsächlich überlegt, ob wir nicht den Bandnamen wechseln sollten. Aber wir haben es dann letztendlich nicht übers Herz gebracht, weil wir schon so lange mit diesem Namen unterwegs waren.

Benjamin Köhler

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Rezension zu "Glitzer Auf Beton" (2017)

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