Interview

Patrick Watson


Konzerte von Patrick Watson sind keine einfache Abendunterhaltung, es sind Erlebnisse, die einen absorbieren und kurz weit weg tragen. Kein Wunder, dass der Gig im Berliner Gretchen seit Wochen ausverkauft ist. Zwischen Catering, vielen Zigaretten und Soundcheck findet Watson die Zeit, sich mit uns über Fortschritt, Kreativität und Freddy Mercury zu unterhalten.

Watson lacht viel und blödelt herum. Das passt weniger zu der häufig melancholischen Grundstimmung seiner Musik. "Melancholie ist ein so ambivalenter Begriff. Für mich ist er häufig mit Freude besetzt!" Außerdem sei er heute sowieso gut drauf, er freue sich auf den anstehenden Auftritt.

Ich bin ja immer noch total begeistert von eurem neuen Album! Ich hab mit einigen Leuten darüber gesprochen und immer wieder kam die Antwort, dass es echt gut ist, aber viele mehr Zeit brauchen, um hineinzufinden als bei "Adventures In Your Own Backyard".

Patrick Watson: Ja, das verstehe ich nicht. Das hab ich auch immer wieder gehört und gelesen. Für mich ist der Sound von "Lovesongs For Robots" so viel einfacher und ganzheitlicher!

Der Sound ist ja die eine Sache, wie war es denn, dieses Album aufzunehmen im Vergleich zur Vorgängerplatte?

Watson: Die ersten Ideen kamen ganz direkt. Danach haben wir viel Zeit im Studio verbracht. Aber nicht, um es komplexer und komplizierter zu machen, sondern im Gegenteil: Es sollte abgerundeter klingen. Für uns sind die Arrangements gleichbedeutend mit den Lyrics: Sie gehören maßgeblich zum Storytelling, das ist nicht voneinander getrennt.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist, dass eure Songs so viele Texturen vereinen. In einem einzigen Stück ist so viel, dass es bei manchen anderen Bands für drei Songs reichen würde.

Watson: Für mich ist ein Song kein fester Abschnitt. Es ist viel mehr ein Ort, an dem alles möglich ist. Wir haben die Songs wie Geschichten gebaut, die an dem Ort passieren. Es gibt einen Anfang und ein Ende, dazwischen geschehen dem Charakter verschiedene Dinge, die Stimmung ändert sich usw. Die Texturwechsel machen also innerhalb der Geschichte komplett Sinn und deshalb ist es auch nicht wirklich verwirrend oder kompliziert. Wobei: Vielleicht sehe nur ich das so, weil ich ja die Geschichte kenne. (lacht)

War der Name des Albums dann Teil der Entwicklung dieser Geschichten oder war das eine völlig neue Idee?

Watson: Die Idee, das Album "Love Songs For Robots" zu nennen, kam vordergründig, weil ich ein riesen SciFi-Fan bin. Ich beschäftige mich viel mit Science Fiction, Technik und Wissenschaft. Das geht Hand in Hand damit, dass auf dem Album auch mehr Elektronisches zu hören ist, anders als auf den noch viel folklastigeren Vorgängern. Allerdings hatten wir dennoch immer einen warmen, sinnlichen Sound im Fokus, es sollte dennoch natürlich und organisch bleiben. Für mich ist Technik auch keine kalte Angelegenheit, es ist vielmehr eine Erweiterung der Natur. Wir haben uns immer nur für Musik entschieden, die uns selbst Gänsehaut bereitet. Die Ratio kann man hier nicht entscheiden lassen, es ist das Gefühl, das einen leitet.

Du bist also eher ein sehr gefühlsbetonter Mensch?

Watson: Absolut. Ich vertraue meinem Körper viel stärker als meinem Verstand. Kreativität hat nichts mit der Ratio zu tun. Schau dir die ganzen technischen, wissenschaftlichen Ideen an – die sind alle voller emotionaler Körperlichkeit und deshalb kreativ. Wenn wir beim Musikmachen eine bestimmte Richtung einschlagen, dann müssen wir unseren Kopf einschalten, um genau zu überblicken, wie es funktioniert, die Entscheidung für oder gegen eben diese Richtung ist aber rein emotional!

Kann man so auch den Albumnamen verstehen? Wieder stärker auf die Emotion zu achten und weniger wie ein getakteter Roboter zu agieren? Ist der Titel vielleicht auch ein Appell?

Watson: Bemerkenswerterweise bewirkt dieser Titel etwas in den Menschen. Viele interpretieren es tatsächlich so, wie du eben beschrieben hast. Obwohl dieser Name eigentlich eher lustig ist und meiner Meinung nach etwas Comichaftes hat. Ein Appell soll das aber wirklich nicht sein. Mein Job ist es nicht, Menschen zu sagen, was sie tun sollen, sondern eher Impulse zu geben, aus denen sie dann machen, was immer sie wollen.

Vielleicht ist das Faszinierende zwischen dem Albumtitel und dem Inhalt des Albums, dass es dort diesen Kontrast gibt: Man erwartet kalte Technik, aber es klingt dennoch warm und natürlich.

Watson: Ja, das kann auf jeden Fall sein. Das ist auch wahnsinnig faszinierend. Vor allem, wenn man den Aspekt des Fortschritts beachtet: Etwas, das wir heute vielleicht noch für eine unvorstellbare, unmenschliche technische Errungenschaft halten, könnten unsere Kinder als völlig normal ansehen. Das ist doch krass: Die werden irgendwann Fragen formulieren, über die wir niemals nachdenken könnten und wachsen dabei in einer komplett anderen Welt auf!

Und dabei gibt es immer Helden, die überdauern und überlebensgroß sind und auch für unterschiedliche Generationen funktionieren.

Watson: Ja, wie zum Beispiel Freddie Mercury. Ich würde so gerne einmal dieses Gefühl nachempfinden wollen, das er gehabt haben muss, als er auf den Auftritten eine solche Masse von Menschen begeistern und für sich gewinnen konnte. Er ist ungefragt eine der größten Persönlichkeiten der Musikgeschichte. Das überdauert auch definitiv die Generationen!

Silvia Silko

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Rezension zu "Love Songs For Robots" (2015)
Rezension zu "Adventures In Your Own Backyard" (2012)
Rezension zu "Just Another Ordinary Day" (2010)
Rezension zu "Close To Paradise" (2007)

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