Interview

Evening Hymns


Wie schön die Stadt Freiburg ist, hat sich mittlerweile wohl sogar bis nach Kanada herum gesprochen. So ist es nicht verwunderlich, dass die kanadische Folkband Evening Hymns dort in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal zu Gast war. Nach ihrem Konzert sprachen wir mit Jonas Bonnetta darüber, warum es ihm in Freiburg so gut gefällt, aber auch über das neue Album und seine Beziehung zu Bandkollegin Sylvie Smith.

Hi Jonas, schön dich wieder hier in Freiburg begrüßen zu können.

Jonas Bonnetta: Danke, ich freue mich auch sehr, wieder hier sein zu können. Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich heute leider noch nicht so viel davon sehen konnte.

Aber das letzte Mal, als ihr hier wart, habt ihr dafür ja einiges gesehen! Ich erinnere mich, dass Du damals auch einige Bilder aus Freiburg und Umgebung auf deinem Blog gepostet hast.

Jonas: Ja, das letzte Mal sind wir vor dem Konzert in den Schwarzwald gefahren, einfach nur, um einmal da gewesen zu sein, und es war so unbeschreiblich schön. Doch dann mussten wir auch schon wieder zurück wegen des Konzertes. Aber danach sind wir dann in so eine abgefahrene Bar mit einem See gegangen, dort gab es Livemusik und man konnte draußen und drinnen sitzen. Ja, diese Stadt hat es mir wirklich sehr angetan. Ich habe das Gefühl, dass ich hier auch leben könnte. Und das Gefühl habe ich nicht oft. Und jeder, mit dem ich über diese Stadt gesprochen habe, will hier nie wieder weg. Ich freue mich schon, wenn wir wiederkommen. Vielleicht bringen wir dann auch noch ein paar mehr Leute mit. Ich mag es, mit mehreren Leuten auf Tour zu gehen, auch wenn es zu zweit auch super ist.

Das letzte Mal wart ihr zu dritt, Sylvie Smith, Tim Bruton und Du. Sind die beiden nun feste Mitglieder von Evening Hymns? Schließlich war es ja zunächst einmal dein alleiniges Projekt.

Jonas: Ja, also ich schreib die Songs nach wie vor immer noch allein. Silvie ist mittlerweile aber auf jeden Fall ein festes Mitglied der Band. Ich liebe es, mit ihr zu singen und finde, dass sie mittlerweile ein sehr wichtiger Bestandteil der Band ist. Und der Rest der Band ändert sich eigentlich immer wieder, abhängig davon, wer mit auf Tour kommen kann oder wer überhaupt will. Aber es funktioniert auf diese Weise sehr gut. Ich würde sehr gerne eine Band haben, also Silvie, ich und vielleicht dann noch zwei bis drei andere Musiker, die vielleicht Keyboard, eine weitere Gitarre oder Schlagzeug spielen können. Aber eigentlich sind wir meist zu zweit und dann ist es eben abhängig davon, wer überhaupt Lust hat, mit uns zu spielen. Und das macht es auch spannend, da es immer wieder wechselt. Gerade spielen wir jeden Abend die immer gleichen Songs auf die immer gleiche Art. Wir sind jetzt seit zwei Monaten auf Tour und manchmal nervt mich dann meine eigene Stimme selber, wenn ich die Songs immer auf die gleiche Weise spiele. "Dead Deer" spielen wir ja schon seit Jahren, aber jetzt spielen wir ihn etwas schneller und das macht dann wieder richtig Spaß. Denn ich liebe diesen Song, aber wenn du ihn zu oft spielst, denkst du manchmal nur "Fuck".

Jetzt könnt ihr auch einige neue Songs auf Tour spielen, ihr habt ja euer neues Album "Spectral Dusk" aufgenommen. Der Titel wurde, glaube ich, durch einen Roman von John Steinbeck inspiriert. Wie kamst du auf diesen Titel?

Jonas: Ich habe zu dieser Zeit "East Of Eden" von Steinbeck gelesen, und dort stieß ich auf die Zeile "Spectral Dusk" und fand diese sehr schön. Das neue Album handelt von meinem Vater, der 2009 verstorben ist. Ich habe alle Songs über ihn, über mich und über unsere Beziehung geschrieben. Und ich fand den Ausdruck "Spectral Dusk" sehr passend dafür – dieses Bild des Sonnenuntergangs, der Dämmerung, diese friedliche Tageszeit. Und dieses Bild passte perfekt zum neuen Album. Ich habe den Titel gewählt, noch bevor das Album überhaupt geschrieben wurde. So ist es ja schon beim ersten Album "Spirit Guides" gewesen, also, zuerst der Titel und dann die Songs. Und es gibt auf dem neuen Album auch den Song "Spectral Dusk", der versucht, dieses Bild ein bisschen zu beschreiben.

Das Album soll im nächsten Frühjahr veröffentlicht werden.

Jonas: Ja, vielleicht aber auch ein bisschen später. Es ist fertig, wurde auch schon gemastert, aber wir sind immer noch nicht sicher, wer es in Europa releasen wird. Wir haben verschiedene Optionen und schauen jetzt, welche davon die beste ist. Du hast Recht, ursprünglich wollten wir es im Frühling veröffentlichen und vielleicht klappt es ja auch, aber es ist eben noch nicht ganz sicher.

Aber in Kanada steht das Release-Date schon, oder?

Jonas: Eigentlich stand es schon, aber wir haben uns entschieden, das Album in Kanada und Europa zum gleichen Zeitpunkt zu veröffentlichen.

Bist du denn zufrieden mit dem Ergebnis?

Jonas: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, es ist deutlich stärker als "Spirit Guides". Es ist irgendwie anders, und ich bin damit sehr glücklich. Es war sehr intensiv, das Album aufzunehmen, aufgrund der genannten Gründe. Es hat sehr lange gedauert, bis ich damit angefangen habe, es war im Januar letzten Jahres. Wir sind damals für die Aufnahmen alle in den Norden gefahren, für ganze neun Tage – irgendwo in den verschneiten Wäldern der kanadischen Provinz. Wir waren zu neunt mit der kompletten Band und hatten dort auch ein Studio mit dem gleichen Produzent, der auch schon bei "Spirit Guides" mit uns gearbeitet hat. Wir sind morgens aufgewacht, hatten Frühstück und sind dann erstmal für ungefähr zwei Stunden auf einem zugefrorenen See Eishockey spielen gegangen. Und bis wir zurückgekommen sind, hat unser Mischer Jamie die Aufnahmen des gestrigen Tages bereits gemixt, die wir uns dann angehört haben. Und dann ging es los, Kopfhörer auf und Kühlschrank aus, denn der war sehr laut. Das ganze Album wurde ja in einem kleinen Haus im Wald aufgenommen. Das hörst du auch auf dem Album im Hintergrund, zum Beispiel das Knistern des Kaminfeuers. Und dann haben wir Bier getrunken und bis vier Uhr morgens aufgenommen. Und das hat sich dann jeden Tag aufs Neue genau so wiederholt. Es war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Ich mein, ich habe diese Zeit mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben verbringen können, alle Freunde waren um mich herum und das für neun Tage irgendwo in den Wäldern. Ohne den ganzen anderen Scheiß, nur wir und die Musik. Im Sommer habe ich dann aber eine größere Pause von all dem gebraucht, ich konnte nicht mehr wirklich damit umgehen. Ich war nicht wirklich depressiv, aber es war hart, mit diesem Thema umzugehen. Nach der ganzen Arbeit am neuen Album konnte ich es dann für mehrere Wochen einfach nicht mehr hören. Ich war traurig, aber trotzdem irgendwie auf eine gute, hoffnungsvolle Art und Weise. Ich finde es wichtig, sich mit all den Problemen auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, aber irgendwann braucht man davon auch Abstand. Und wenn man die ganze Zeit an diesem Album arbeitet, setzt man sich natürlich auch die ganze Zeit damit auseinander und kann nicht wirklich abschalten. Aber nach einer solchen Pause kommt man dann auch wieder zurück und ist motiviert und aufgeregt und hat wieder Freude daran. Vielleicht kriege ich das beim nächsten Album besser hin.

Du sprachst die Freunde an, die dich beim neuen Album unterstützt haben. Auf "Spirit Guides" waren damals ja Musiker von Wooden Sky oder Ohbijou dabei, die jetzt ebenfalls wieder mit von der Partie waren.

Jonas: Ja, die sind sozusagen die Band des neuen Albums gewesen. Von Wooden Sky waren außer dem Bassisten eigentlich alle dabei. Keke (Andrew Kekewich, Anm. d. Autors), der Drummer, machte auch bei uns die Drums, Simon (Walker, Anm. d. Autors) spielt Gitarre bei Wooden Sky und bereicherte auch unser Album durch sein Spiel, und dann natürlich Gav (Gavin Gardiner, Anm. d. Autors), der Sänger und mein bester Freund. Ich habe eigentlich gehofft, dass er mit uns auf Tour kommen könnte, aber vielleicht beim nächsten Mal. Die sind im Moment sehr beschäftigt, ihr neues Album wird auch bald veröffentlicht.

Ja, und Scott Remila von City and Colour war ja auch dabei.

Jonas: Ja, Scott spielt Bass beim ersten Song. Er ist ein guter Freund von mir und ein toller Mensch. Teile des Albums haben wir auch bei ihm aufgenommen, weil er bei sich zuhause ein Studio hat.

Sind diese Kollaborationen mit anderen Bands eigentlich gewöhnlich? Mir kommt es vor, dass gerade ihr Kanadier euch gegenseitig immer wieder bei Aufnahmen unterstützt und zusammen arbeitet.

Jonas: Ja, das denke ich auch. Ich mein, das kommt ja auch woanders oft vor, aber gerade in Toronto. Diese Stadt hat für ihre eigentliche Größe eine eher überschaubare Musikgemeinschaft. Und wir teilen daher sehr viel und spielen oft miteinander. Gerade erst haben wir eine Tour mit Timber Timbre gespielt, die auch sehr gute Freunde von uns aus Toronto sind.

Du warst ja auch mal der Tourmanager der Jungs.

Jonas: Genau, vor zwei Jahren habe ich mit ihnen zusammen gearbeitet. Und bei "Spirit Guides" haben auch Simon (Trottier, Anm. d. Autors) und Mika (Posen, Anm. d. Autors) mitgearbeitet und Mika jetzt auch wieder beim neuen Album. Und so haben sie mit uns auch ein paar Songs live gespielt.

Was kann man von eurer neuen Platte denn erwarten? Ist es ein ähnliches Album geworden wie "Spirit Guides" oder wurde es eher ein Schritt in eine andere Richtung?

Jonas: Ich versuche dir mal eine Vorstellung vom neuen Album zu geben. Also, der erste Song beginnt mit field recordings und geht dann über in einen der größeren Songs des Albums, mit vielen Drums, eher etwas härter. Es sind auf jeden Fall mehr Drums auf dem Album zu hören, und keine Songs wie "Broken Rifle" oder so. Oder vielleicht doch, ich weiß es nicht (lacht). Es gibt einen neunminütigen Instrumentalsong in der Mitte des Albums, ich liebe diesen Song, ich finde ihn fantastisch. Sehr elektronisch, mit Violinen, Cellos, Gitarren, auch wieder mit field recordings. Dann gibt es noch einen Pianosong... ja, es ist sehr unterschiedlich geworden. Es ist eher ein schweres Album, vielmehr sind die Emotionen sehr schwer. Und ich bin sehr glücklich über das Songwriting. Es war sehr wichtig, dass ich glücklich mit dem Album bin, aufgrund der Hintergründe. Als das Album dann fertig war, hatte ich das Gefühl, dass es die Beziehung zu meinem Vater sehr gut widerspiegelt. Als ich es dann gehört habe, dachte ich nur: das ist toll, und das war ein sehr schönes Gefühl. Erwarte aber nicht zu viel beim Hören (lacht), es ist kein Rockalbum, obwohl es unsere härtesten Momente beinhaltet. Aber eben auch unsere ruhigsten.

Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich auf das neue Album freue. Wann habt ihr vor, damit wieder nach Deutschland beziehungsweise nach Freiburg auf Tour zu kommen?

Jonas: Wir kommen auf jeden Fall wieder, vor allem auch zurück zu euch nach Freiburg. Ich liebe diese Stadt einfach. Sobald die Platte veröffentlicht wird, werden wir wieder auf Tour gehen.

Und was habt ihr bis dahin vor? Das dauert ja schließlich noch eine Weile.

Jonas: Wir spielen jetzt noch ca. sechs Shows mit Agnes Obel, dann ist in Paris noch die Premiere eines Films, an dem ich mitgearbeitet habe. Im Dezember geht es dann zurück nach Kanada und dann gehen wir wieder in die Wälder, dort, wo wir auch das Album aufgenommen haben. Das ist wirklich ziemlich außerhalb, ungefähr vier Stunden von Toronto entfernt. Vielleicht machen wir da ja dann noch ein neues Album.

Was?

Jonas: Ja, vielleicht. Ich will mich selbst nicht unter Druck setzen, aber irgendwie hätte ich große Lust darauf. Aber vielleicht suche ich mir in dieser Zeit auch einen Job, irgendeine einfache Arbeit.

Gehen eigentlich nur Sylvie und du wieder zurück in die Wälder?

Jonas: Ja, zunächst schon. Aber es kommen mit Sicherheit auch Freunde von uns vorbei, um Zeit mit uns zu verbringen.

Ist es manchmal eigentlich schwierig, die Sylvie, mit der du bei Evening Hymns spielst, von der Sylvie, die deine Freundin ist, zu trennen?

Jonas: Das ist eine wirklich gute Frage. Als wir das erste Mal auf Tour waren, ist es tatsächlich schwierig gewesen. Wir haben öfters gestritten. Ursprünglich war es ja mein Projekt und so habe ich immer gesagt, wie ich die Dinge haben möchte und wo es langgehen soll. Und so war es dann auch. Aber mittlerweile wurde es unser Projekt, unser Baby. Sie spielt Bass auf dem neuen Album und hat auch viele Ideen eingebracht. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Band geworden, obwohl sie das eigentlich schon immer war. Und das macht es einfacher. Und wenn wir dann mit Freunden auf Tour sind, die auch in Beziehungen sind, aber ihre Partner eben nicht dabei haben können, merken wir oft, wie viel Glück wir eigentlich haben, dass wir zusammen reisen und touren können. Wir waren einmal für zwei Monate getrennt und das war einfach nur brutal. Wir haben uns sehr vermisst. Ich meine, manchmal brauche ich immer noch Zeit für mich, aber das ist, denke ich, normal. Die größte Herausforderung ist immer, zusammen in einem Tourbus zu sitzen, zusammen Shows zu spielen, dann wieder zusammen zur nächsten Show zu fahren und so weiter. Und dann irgendwann auch zusammen nach Hause zu fliegen, und in unsere gemeinsame Wohnung zu kommen und dann wieder gemeinsam an einem Album zu arbeiten. So gibt es quasi keine Pause.

Also keine Zeit für euch selbst?

Jonas: Ja, und das ist eigentlich die größte Herausforderung, aber wir können damit immer besser umgehen. Wir haben sehr viel Glück und es funktioniert sehr gut. Trotzdem würde ich auch gerne einmal wieder mit meinen Freunden auf Tour gehen.

Wenn du mit deinen Freunden auf Tour gehst, gibt es bestimmt auch ein paar Bier mehr zu trinken.

Jonas: (lacht) Ja, wir geraten dann wohl eher in Schwierigkeiten. Aber mit Sylvie auf Tour zu sein, macht echt auch großen Spaß, von daher bin ich sehr glücklich wie es ist.

Benjamin Schneider

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