Interview

Band Of Horses


Das Mandala-Hotel in Berlin ist nicht unbedingt die coolste Location, um als Rockstar abzusteigen. Auf die "hippen Schuppen" hatten aber weder Ben Bridwell noch sein PR-Manager Lust: "Wir sind keine Zwanzig mehr. Komfort ist super!", lacht der Sänger der Band Of Horses. Müde wirkt er, aber interessiert. Wir sprechen über die neue Platte, Teenage-Angst und darüber, warum die Sesamstrasse für ihn direkte Konkurrenz ist.

Bridwell sitzt auf einem großen, hellen Ledersofa in seinem Hotelzimmer. Alles ist zurückhaltend beige- und cremefarben eingerichtet, das Licht vornehm gedimmt. Auf dem Couchtischchen steht Bier. "Endlich mal wieder deutsches Bier. Ich habe das wirklich lange nicht getrunken!" Die Jungs von Band of Horses waren auch lange nicht mehr hier oder sonstwo in Europa. Das letzte Studioalbum der Amerikaner "Mirage Rock" ist bereits vier Jahre her, nun steht endlich das neue Album in den Startlöchern. "Wir haben uns auf 'Why Are You Ok' Zeit gelassen. Es gab keinen Grund sich zu stressen und wir haben in Ruhe arbeiten können."

Manchmal sogar zu ruhig, wie Bridwell erklärt: "Es gab ganze Vormittage, die unser Produzent Jason Lytle mit Sinnieren verbracht hat – sonst nichts. Er saß da, mit Kopfhörern auf, hat sich einzelne Passagen wieder und wieder angehört und dann eigenbrötlerisch seine Arbeit gemacht." Das klingt wenig aufregend, gibt auch Bridwell zu. Möglicherweise ist aber genau Lytles Herangehensweise an "Why Are You Ok" der Grund für die neue, allseits gelobte Klarheit und Aufgeräumtheit der Band.

"Eine tatsächliche Routine gibt es bei uns nicht, wenn wir ein Album aufnehmen. Wir reagieren immer wieder anders, wenn wir zusammenkommen." So kann die Band sich offensichtlich auch immer wieder neu finden. Mittlerweile hat sich auch die Art und Weise des Songschreibens bei Bridwell grundlegend geändert. "Früher habe ich mich in die Wälder zurückgezogen, habe wochenlang in einer einsamen Hütte verbracht, auf den Kuss der Muse gewartet oder so etwas. Das geht nicht mehr." Bridwell erzählt von seinem Familienleben: Er ist Vater von vier Töchtern "My little beautiful Queendom" nennt Bridwell es und lächelt. Seine älteste Tochter ist acht Jahre alt, viel Ruhe scheint es im Hause Bridwell nicht zu geben. "Ich habe mittlerweile gelernt, meine Kreativität zu kanalisieren. Sobald ich die Möglichkeit habe, fange ich an zu schreiben und kümmere mich um die Musik." Er sei selbst erstaunt darüber, dass er das so durchziehen kann. "Schlaf hat bei mir auch einen ganz neuen Stellenwert. Ich habe gelernt, sofort einzuschlafen, sobald ich 10 Minuten oder mehr habe. Ich wusste nicht, dass das geht!"

Als kritisches Publikum scheint sich seine Familie jedoch nicht zu eignen. "Meine Töchter interessiert das, was ich mache, glaube ich, wenig. Dieses Gitarrengeschrammel ist doch nichts gegen die Sesamstraße!", sagt er und lacht. "Außerdem habe ich wirklich Angst, meiner Frau etwas vorzuspielen. Sie ist sehr kritisch und treffend in ihren Aussagen. Das halte ich gar nicht aus. Das ist fast so schlimm, wie mir meine eigene Stimme anzuhören!", verrät Bridwell. Auf Nachfrage erklärt er, dass er alte Aufnahmen von sich selbst kaum erträgt. Er mag seine Stimme nicht und findet immer irgendetwas, was man hätte besser machen können. "Deshalb lasse ich es einfach ganz!" Schade eigentlich, so kommt er in den Genuss des immer noch größten Hits der Kalifornier "The Funeral". "Ja, 'The Funeral'. Das ist ein echtes Phänomen. Ich glaube, dass durch diesen Song immer neue Generationen an Hörern und Hörerinnen an uns geraten und uns anhören. Die Rechnung ist allerdings ganz einfach: Es geht um 'Teenage Angst'. Dieses Gefühl funktioniert in jeder Generation und bleibt auch jeder Generation erhalten." Den Song geschrieben zu haben, war also ein guter Schachzug? "Ja, so könnte man es nennen. Allerdings schreibe ich nicht so zielgerichtet. Ich versuche immer, alles so vage und offen wie möglich zu halten. So kann sich jeder in meinen Songs wiederfinden und aus meinen Songs werden die Songs der HörerInnen. Das mag ich."

Silvia Silko

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Rezension zu "Why Are You Ok" (2016)
Rezension zu "Mirage Rock" (2012)
Rezension zu "Infinite Arms" (2010)
Rezension zu "Cease To Begin" (2007)
Rezension zu "Everything All The Time" (2006)

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