Festival-Nachbericht

XJazz 2017


Zum vierten XJazz-Festival nach Kreuzberg lud das Team um Sebastian Studnitzky zeitgenössischen Jazz, Elektro, Klassik und Ambient und manchmal auch etwas mehr. Das Konzept ist etwas speziell: Entlang der Skalitzer Straße werden eine Handvoll ansässiger Clubs abwechselnd bespielt. Für jedes Konzert ist ein einzelnes Ticket buchbar, es gibt Rabatte für Bundlekäufe und auch einige, wenige Komplettpässe.

Das größte Problem hätte an dieser Stelle entstehen können, wenn zwei knapp kalkulierte Auftritte überziehen beziehungsweise pünktlich anfangen und man die Hälfte verpasst. "Hätte können" impliziert aber schon: Dem war nicht so. Trotz einigen Wechseln und auf die Kante genähten Konzerten gelang es immer, rechtzeitig zu Beginn des nächsten Auftrittes die Location zu wechseln, auch weil die Clubs sich wohl untereinander abstimmten und einzelne Shows später beginnen ließen. Allein für diesen Punkt der Organisation gebührt großer Respekt, auch ansonsten zeigte sich in dieser Konzertwoche, wie viel Herzblut in dieses Festival einfließt. Bestes Beispiel dafür ist Studnitzky selbst, der immer wieder vorab auf der Bühne steht und dem es eine erkennbare Freude bereitet, Programmpunkte anzumoderieren. Insbesondere die kleineren, nicht so namhaften Auftritte, beispielsweise des diesjährigen Partnerlandes Polen werden besucht und beworben.

Das sonst so übliche "was kann ich auf welcher Bühne wo sehen"-Hin- und Hergeschiebe von Auftritten und Zeitplänen ist beim XJazz nur denen vorbehalten, die einen Komplettpass erwerben. Für alle anderen gilt es: Vorbereitung ist wichtig! Schließlich muss jedes Ticket einzeln gebucht werden, sodass eine gewisse Arbeit, beziehungsweise Kenntnis der Programmpunkte notwendig ist. Dies hat, wie sich zeigen sollte, so einige Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist: Man trifft ausnahmslos auf interessiertes Publikum, die die Künstler auf der Bühne zu schätzen wissen. So gehen ruhigste Klavier- und Streicherauftritte mit kompletter Stille und Anerkennung einher – bis eben zu den Momenten, wo breiter Beifall gespendet wird. Der Nachteil ist natürlich, dass es schwerfällt, neues zu entdecken, da man ja auf gut Glück Karten kaufen muss. Denn zu entdecken gibt es viel und mehrfach stellt sich eine Band als komplett anders heraus, als angekündigt. Als kleine Auswahl des Festivals sind nachfolgend Konzerte beschrieben, die zeigen sollen, was das XJazz-Festival so besonders macht – denn es handelt sich um eine Gesamtveranstaltung, die definitiv besucht werden sollte.

Am Freitagabend spielen in der Emmauskirche das Atom String Quartett & Vladislav Sendecki (siehe Foto, Credit: Lech Basel). Hierbei handelte es sich um ein Streichquartett in Verbindung mit einem namhaften polnischen Pianisten, die zusammen eine Art "Jazzklassik" auf die Bühne brachten, welche mit überraschenden Brüchen und Strukturwechseln überzeugte. Die spärlich eingerichtete Emmauskirche, die im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen, die eine Nebennutzung als Konzertlocation haben, einen super Klang besitzt, ist vielfach Dreh- und Angelpunkt des Festivals. Hier finden neben genannten "klassischen" Auftritten auch Kollaborationen wie Stargaze statt, bei dem ein Ensemble HipHop-Künstler wie Käptn Peng oder den kurzfristig dazu gekommenen Spank Rock präsentiert.

Eine Legende im Jazz ist der Schlagzeuger Tony Allen, 76, der den Afrobeat miterfunden hat. Bei der Show im völlig überfüllten Bi Nuu sitzt er breit grinsend mit golden funkelnder Käppi hinter seinem Instrument und legt mit seinem Quartett einen recht entspannten Auftritt hin, vor dem man in dem Alter ziemlichen Respekt haben kann. Einen Kontrast dazu bilden Liima im Lido. Die Veranstaltungsräumlichkeiten des Lido sind durchaus zwiespältig: Ein Laden in guter Lage und mit gutem Sound, aber der furchtbaren Eigenschaft, während Auftritten die halbe Bar im Konzertsaal umzuräumen, was beständig nervt. Nichtsdestotrotz spielen die Schweden einen atmosphärisch sehr guten Gig mit viel neuem Material. Der Nachfolger zu "ii" steht scheinbar schon in den Startlöchern.

Am Samstag zeigt der Privatclub hingegen, wie man es besser macht und warum er wohl zu den besten Clubs in Berlin gehört – hier stimmt eigentlich alles. Man ist als Berliner Konzertgänger ja schon einigermaßen verwirrt, wenn man am Eingang freundlich begrüßt wird – wenn sich dies jedoch über die Garderobe bis zur Bar (!) durchzieht, kann eigentlich nur etwas faul sein. Warum auch immer in diesem Laden nicht die übliche "Fuck You Customer"-Attitüde der Reststadt herrscht – bitte bewahrt dies. An diesem Abend beginnen dort Taner Akyol Trio ft. Kaan Bulak. Hier verbindet sich klassische, türkische Volksmusik mit modernem Klavierspiel. Danach treten Adam Baldych & Helge Lien Duo vor den roten Samtvorhang. Ein einfaches, aber ideal passendes Konzept verbindet die beiden: Violinist trifft auf Klavierspieler. Meist wunderschöne Melodieführung, gen Ende hin sogar etwas in Richtung dessen, was als Postrock bezeichnet wird. Das Publikum dazu, wie angesprochen: Ausgesprochen positiv: 90 Minuten absolute Stille und auch von der Bar im Raum war kein Geräusch zu hören. Einfach mal die Zeit anhalten und genießen. Zu guter Letzt dort "Chat Noir". Im Programmheft hieß es: Vier Musiker spielen Swingklassiker der 1920er und 30er Jahre, korsische Volkslieder und russische Lieder. Auf der Bühne bekam man durchaus druckvollen Postrock mit tiefatmosphärischen Einspielern der Marken OM, Grails und 60er-Psychedelic geboten. Völlig anders als erwartet, dafür umso besser.

Mit reichlich Verspätung beenden Stargaze den Abend: Wie schon genannt ein Orchesterprojekt, welches sich Gastmusiker populärer Stile heranholt, deren Instrumentierung komplett live und vielfach komplett anders eingespielt wird. Das mit Abstand jüngste Publikum des Festivals bekommt in diesem Rahmen in der Emmauskirche etwas Einmaliges geboten und ist durchweg begeistert. Hier zeigt sich einmal mehr: Das XJazz ist nicht nur ein Festival von vielen, sondern etwas Besonderes, hier finden ungewöhnliche Auftritte in ungewöhnlichem Rahmen statt, mit einem perfekten Resultat.

Klaus Porst

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