Festival-Nachbericht

Wacken Open Air


Alarm, Alarm! Nachdem sich die komplette Welt wegen ihr schon seit Monaten in einem Ausnahmezustand der Angst befindet, scheint es sich die berüchtigte Schweinegrippe zur Aufgabe gemacht zu haben, auch die letzten Bastionen der Sorglosigkeit - wie die Musikfestivals - mit Terror und Sorge zu überziehen. Denn zum diesjährigen Jubiläum des Wacken Open Airs gab die Schleswig-Holsteiner Landesregierung akute Warnhinweise: Bitte dort nicht küssen, Hände schütteln oder - und dabei machen wir das doch so gerne - Bierflaschen kreisen lassen: Der virale Tod lauert!

Doch dabei ist das Schwein mit seiner spezies-eigenen Grippe wirklich nicht das erste Tier, an das man denkt, wenn man das - laut Angaben der Veranstalter - größte Metalfestival der Welt besucht. Denn wohin man schaut, sieht man ein anderes Nutztier: Den Bullen - beziehungsweise das Skelett seines Kopfes. Dieser prangt nicht nur auf jeder Bühne, jedem Securityjäckchen, jedem Bierbecher des Festivals - er ziert auch abstruseste Wacken-Merchandiseartikel wie Toaster oder Vibratoren, die verdeutlichen, was für einen Kultstatus das Wacken schon längst unter den "Metalheads" erreicht hat.

Was 1990 mit einer Handvoll Besucher begann, erlebte nun 2009 mit knapp 70.000 Musikfreunden sein zwanzigstes Jubiläum und wollte daher eine Art "Best Of" der letzten Jahre liefern - kein über allem thronender Name wie 2008 noch Iron Maiden oder die oft gewünschten, aber stets viel zu teuren Metallica, sondern eine homogene Mischung aus Bands, die mehr Jahre auf dem Buckel haben als ein großer Teil ihres Publikums und neuerer Gruppen aus verschiedenen modernen Stilrichtungen des Metal.

Verteilt wurden diese Bands 2009 erstmals auf nun mehr sechs - mehr oder weniger namhaft ausgestattete - Bühnen: Neu war die Medieval Stage inmitten des neu errichteten Mittelaltermarktes. Bereits am Anreisetag des Festivals waren erste Bereiche des Geländes geöffnet: Die Kinowiese, auf der man sich an den drei Festivaltagen gemütlich liegend Gigs der Hauptbühnenbands anschauen konnte sowie die W.E.T.-Stage, die sich an diesem ersten Tag ein großes PARTY auf die Running Order geschrieben hatte: Nach der AC/DC-Coverband Bon Scott und den Sauflieder in den Metal übertragenden Onkel Tom hatte Heimorgelspezialist Mambo Kurt seinen ersten von insgesamt vier Wacken-Auftritten. Das Publikum fraß dem Meister aus der Hand - oder wer hat sonst schon eine Walzer-Version von "Enter Sandman" zu bieten?

Der erste "richtige" Tag des Festivals wird von den Veranstaltern gerne "A Night To Remember" genannt, geben sich hier doch vorrangig Legenden des Metal die Klinken in die Hand. So auch 2009: Die Black Metal Stage - eine der zwei Hauptbühnen - wurde mit dem letzten Konzert von Running Wild beschlossen, die True Metal Stage beschlossen Heaven & Hell mit einem etwas tatterig wirkenden, aber hervorragend singenden Ronnie James Dio. Nachmittags zu sehen gab es beispielsweise eine Secret Show der Erlanger Spaßmetaller JBO oder einen überraschend unterhaltsamen Auftritt der Cowboys von The Boss Hoss.

Bereits deutlich breiter gefächert war das Festival einen Tag später. So langweilten die Emocoreler von Bullet For My Valentine auf der Black Metal Stage, während die progressiveren Coheed & Cambria auf der Party Stage wieder einmal einen beeindruckenden Auftritt hinlegten, bei dem sie sich zudem - es wird dem Festival geschuldet gewesen sein - auf die härteren Stücke ihrer Discographie beschränkten und Pophits wie "Blood Red Summer" ausließen. Die vielleicht schnellste Metalband der Welt Dragonforce erwies sich als handwerklich zwar über allem stehende, jedoch trotzdem manchmal leicht lächerlich und klischeehaft wirkende Posertruppe, was von Airbourne - die wohl zurecht als die neuen AC/DC gehandelt werden - nicht behauptet werden konnte. Den abendlichen Abschluss machten - von einer dicken Video- und Pyroshow unterstützt - die schwedischen In Flames und Motörhead, deren bekannte Ansage eigentlich schon alles aussagt: We are Motörhead and we play Rock'n Roll.

Schließlich gab auch das Programm des Samstages dem geneigten Metaller kaum Gelegenheit, das an diesem Tag wirklich hervorragende Wetter bei Bier und Grillfleisch im Campingstuhl zu genießen - besonders Freunde des Folk Metal und des Auf-die-Fresse-Death-Metal werden sich die Auftritte von In Extremo und Subway To Sally beziehungsweise Borknagar und Pain dick im Programmheft angestrichen haben. Beste Unterhaltung für Fans jeglicher Metal-Subgenres lieferten jedoch wieder einmal Volbeat, die mit ihrer Mischung aus Metal und Rockabilly den Abend einleiteten und nicht nur mit eigenen Stücken, sondern auch mit die Stimmung steigernden Coversongs wie "I Only Wanna Be With You" die Fans auf ihre Seite zogen. Deutlich härter ging es anschließend bei Machine Head zu, die wohl eine der zurzeit besten Metalbands der Welt sind und selbst Metallica in ihren Schatten stellen. 75 Minuten pure Energie, ein riesiger Circle Pit im kompletten Bereich vor dem Soundturm und ein sichtlich begeisterter Robb Flynn. Nach truestem True Metal von Saxon machten sich schließlich GWAR daran, das Publikum zu entfremden: Alienkostüme, literweise ins Publikum gespritztes Kunstblut und eine Bühnenshow, in der unter anderem eine Riesenechse erlegt und Barack Obama der Kopf abgerissen wurde. Wer GWAR wegen der Musik mag, schaut auch Pornos wegen der Handlung.

Nachdem der Metaller dann nach Stunden im Stau auf der A7 Richtung Süden wieder zuhause angekommen ist, verwundert es ihn nicht, dass bereits zwei Tage nach dem Festival die ersten Karten für Wacken 2010 bestellt werden können. Der Wacken-Fan ist schließlich treu und hat bei seinem Lieblingsfestival dazu - trotz kleinerer Probleme mit sanitärer Versorgung in diesem Jahr - eigentlich auch allen Grund. Und wenn die Schweinegrippenhysterie abgeklungen ist, dürfen wir 2010 auch endlich wieder unsere Bierflasche kreisen lassen!

Jan Martens

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