Festival-Nachbericht

Reeperbahn Festival


Es ist schön, wenn Menschen aus ihren Fehlern lernen. Besonders schön ist das jedoch, wenn einige tausend Menschen von der Ausmerzung dieser Fehler profitieren. So in etwa geschehen beim diesjährigen Reeperbahnfestival, dem ersten und wahrscheinlich auch in Zukunft einzigen Clubfestival Deutschlands. Nachdem sich 2006 bei der ersten Ausgabe des Festivals weitaus weniger Besucher als erhofft tummelten, war helga-rockt.de nicht alleine mit den im Anschluss geäußerten Vorschlägen: Am besten nur mit 100 Bands in 10 Clubs, aber ruhig an 3 Tagen, bitte mit etwas niedrigeren Eintrittspreisen, dann dürfen die großen Namen kleiner und die kleinen Acts ruhig etwas größer sein. Am Ende braucht Ihr Mr. Happy Thees [Uhlmann, Tomte traten gleich zweimal auf, Anm. des Verf.] & The Sunshines nicht zweimal spielen lassen und schon gar nicht für lau. Die Kids kommen auch ganz von allein! Okay Cpt. Jahnke?

Und siehe da, Cpt. Jahnke hat auf uns gehört. Das Wichtigste zuerst: Tomte haben nicht gespielt, nicht einmal und schon gar nicht zweimal. Aus den 200 Bands sind zwar keine 100, aber wenigstens 120 geworden, und das kann man mal so gelten lassen. Falls den Verfasser seine Grundrechenkenntnisse nicht in die Irre geführt haben, sind die Preise für die Drei-Tages-Tickets um immerhin 31% auf 55 Euro gesenkt worden, und das elende Rumgehetze zwischen den Bühnen beschränkte sich dieses Jahr - je nach Tag - auf 11-15 Clubs. Gedrängel vor den Clubs blieb hingegen auch dieses Jahr nicht vollkommen aus, aber alles der Reihe nach.

Wobei: Wie soll man überhaupt den Hybriden, der ein Clubfestival letztendlich ist, treffend journalistisch aufarbeiten? Zu einem herkömmlichen Festival fehlen im Endeffekt dann doch die typischen Bestandteile wie Zelten oder das nahrhafte Frühstücksbier um 10 Uhr morgens, auch wenn man sich dank des Gewitters am Samstag abend zumindest wettertechnisch wie auf dem Scheeßeler Eichenring gefühlt hat. Mehr als eine simple Ansammlung von Konzerten ist das Reeperbahnfestival jedoch spätestens dann, wenn man wie auf dem Roskilde oder dem Sziget immer wieder Neues entdecken kann, sich zwischen den verschiedenen Bühnen treiben lässt und am Ende doch auf die Uhr schauen muss, um den persönlichen Headliner nicht zu verpassen.


Photo Credits: Christian Brodack; Jan Pyko; Christian Brodack

Ähnlich lief dann auch Donnerstag, der, wie zu erwarten spärlich besuchte, erste Tag des Festivals ab. Noch so ein Aspekt, der das Reeperbahnfestival von Outdoor-Festivals unterscheidet: Wer muss schon an einzelnen Festivaltagen arbeiten, bevor dann abends wieder die Konzerte angesagt sind? Eben. Aber a propos spärlich besucht: Nachdem 2006 manche Bands nur vor den Ordnern spielten und es auch großen Clubs wie dem Docks manchmal an Publikum mangelte, ist es erfreulich, dass die Prinzenbar bereits um 20.30 zum Auftritt der Berliner Siva recht ordentlich gefüllt war. Interessante Anekdote: Siva scheinen sich dagegen zu sträuben, in Hamburg mit der kompletten Besatzung zu spielen. Ich habe sie nun dreimal gesehen und kenne den Drummer bis heute nicht. Recht großer Beliebtheit erfreuen konnte sich auch Shantel mit seinem Bucovina Club Orkestar. Diese Besetzung als deutsche Gogol Bordello zu bezeichnen, wäre für keine der beiden Parteien eine Beleidigung. Unverständlich nur, dass der Auftritt anstelle der angekündigten 165 Minuten nur 105 Minuten dauerte und in Folge dessen schon um 23.00 Uhr zu Ende war. Schade, denn nachdem Ash im Docks zwar ordentlich donnerten, aber die Klasse ihrer Alben live nur teils vermitteln konnten, hätte ich mir gerne noch weiter Shantel angeschaut. Die Alternative Friska Viljor fiel aufgrund einer zu dem Zeitpunkt schon überfüllten Prinzenbar ebenfalls ins Wasser - jedoch schön zu sehen, dass sich Musik, die sich so abseits des Mainstreams bewegt, doch so viele Freunde findet. Den Abschluss des ersten Festivalabend bildeten letztendlich dann Tele, die ihren Ruf als fantastische Liveband dann in einem bestenfalls halb gefüllten Docks festigten. Selten war Mitsing-Animation so sympathisch, Francesco Wilking singt "Bye Bye Berlin", bis zum nächsten Abend heißt es erst einmal: Bye Bye Kiez.

Der Freitag sollte dann allen verpassten Festivalfeelings zum Trotz ein ganz normaler Konzertabend werden. Denn obwohl der Grünspan mit Biffy Clyro und der Grüne Jäger mit Logh lockte beziehungsweise loghte, lud das nicht ganz so grüne Übel & Gefährlich mit einem hervorragenden, abwechlungsreichen Programm zum Verweilen ein. Den Anfang machte eine unscheinbare und unglaublich schnuckelige Anna Ternheim alleine mit Akustikgitarre und Klavier, die ihre wunderschönen Singer-Songwriter-Perlen wie "Better Be" oder "Girl Laying Down" mitbrachte und die spätestens bei ihrem nächsten Hamburg-Auftritt sicherlich das eine oder andere Liebesbriefchen zugesteckt bekommen wird. 180-Grad-Wende dann zu The (International) Noise Conspiracy, die auf dem Reeperbahnfestival ihre Rückkehr in deutsche Clubs feiern konnten. Rampensau Dennis Lyxzén sprang wieder einmal rum wie ein mit Crack gefüllter Flummi, alte Gassenhauer wie "Smash It Up" wurden ebenso abgefeiert wie neue Stücke, die schon vorfreudigen Speichelfluss auf das neue Album, das Anfang nächsten Jahres erscheinen soll, auslösten. Nach Schwedenpower im Doppelpack betraten dann Stars, unsere aktuellen Lieblingskanadier, die Bühne. Kollegin Krichel sprach in Bezug auf diese Band von "perfekter Musik für unperfekte Menschen", und wie unperfekt zumindest das Publikum im Übel & Gefährlich war, bewies es alleine schon durch sein ständiges Gequassel während des Konzerts. Eine komplett stumme Zuhörerschaft findet man leider sowieso immer seltener, bei einem Clubfestival, wo viele wahrscheinlich "nur mal eben reinschauen", ohne jemals von der Band gehört zu haben, tritt dieses Problem noch deutlicher zutage. Die Qualität des Gigs ließ jedoch darauf schließen, dass sich Stars von dem Geschnacke nicht stören ließen - aber wer die Band zuvor schon mal live gesehen hat und weiß, ob Sänger Torquil Campbell immer so böse guckt, als hätte ihn der Antichrist persönlich gebissen, der lasse es mich bitte wissen. Als Abschluss des Freitages dann der Auftritt von The Ark. Die Rocky Horror Picture Show in Konzertform, der perfekte Soundtrack, um aufs andere Ufer zu hüpfen und sich dort auf ewig anzusiedeln. Modenschau mit Frontmann Ola Salo, Abspacken zu "One Of Us Is Gonna Die Young", 70 Minuten lang komplettes Ignorieren jeglichen Schamgefühls. Die Band, die einen passender in eine Kieznacht voller sexueller Ungewissheiten entlässt, muss erst noch gegründet werden. Um dann bitte 2008 beim Reeperbahnfestival zu spielen.


Photo Credits: Christian Brodack; Nina G Zimmermann; Nina G Zimmermann

Vor eventuellen Auftritten dieser noch zu gründenden Band stand jedoch noch Tag 3 des Reeperbahnfestivals 2007 an, auf dem dann wieder festivaltypisch nonstop hin und her gerannt werden sollte - festivaltypisch, wenn man einmal die Tatsache ignoriert, dass man auf anderen Festivals relativ selten U-Bahn fährt, um zwischen den einzelnen Bühnen zu wechseln. Der erste Auftritt des Abends für mich waren Johnossi, die in einem bereits ziemlich gut gefüllten Docks spielten; das Publikum setzte sich zusammen aus einer bunten Traube an Jungs und Mädels mit Indianerfederschmuck, die auf die später auftretende Juliette Lewis warteten, und zumeist weiblichen, minderjährigen Johnossi-Fans, die die Lieder des dynamischen Duos auf der Bühne in allen Varianten - von einer Oktave zu hoch bis einer Oktave zu tief - mitschrien. Bis zur Mando-Diao-Zehn-Stunden-in-der-ersten-Reihe-warten-Euphorie brauchen John und Ossi aber noch ein Weilchen. Gut für sie. Weniger problemfanbehaftet dagegen State Radio im Übel & Gefährlich, die sich überall und immer, wenn sie spielen, neue Freunde zu schaffen scheinen, was nach dem Auftritt als Opener des Hurricanefestivals nun auch beim Reeperbahnfestival bestätigt wurde. Reggae Rock oder wie man das Ganze nennen will, aber mit einer herrlichen Spielfreude. A propos herrlich: Nach State Radio der Auftritt der Prog-Rock-Punk-Irgendwaser von Coheed & Cambria. Ähnlich souverän wie der SV Werder Bremen, der nur wenige Stunden zuvor mit einem 8:1 über Bielefeld klar machte, wer Triplesieger 2008 wird, kloppten Claudio Sanchez und seine Mannen einen Hit nach dem anderen aus dem Ärmel. Der Fakt, dass manche der Besucher eigens aus Schweden und Mexiko (!!) angereist waren, bestätigt die Klasse dieser Band sowohl auf Konserve als auch live. Nichtsdestotrotz der zugkräftigste Act des Abends und wohl auch des ganzen Festivals waren Juliette Lewis and the Licks, die für lange Schlangen vor dem Docks sorgten. Eher unbeachtet dagegen das Elektropunkquartett "Frankreich muss bis Polen reichen" in der Prinzenbar, das sich hinter weißen Masken und Maleranzügen versteckte und mit sechs ebenso gekleideten Backgroundsichbewegern (Backgroundtänzer wäre übertrieben) einen irgendwie befremdlichen Eindruck machte. Zu später Stunde sorgte Shara Worden alias My Brightest Diamond dafür, dass sich so mancher Notizen in seine (notfalls imaginäre) Zu-Merken-Liste kritzelte. Worden ist musikalisch irgendwo in der Ecke Cat Power anzusiedeln, entschuldigte sich vor Beginn des Konzertes dafür, dass aufgrund einer Erkältung ihre Stimme etwas im Eimer sei und warf dann immer mehr die Frage auf: Wie klingt die Frau bloß, wenn sie kerngesund ist?

Dass man neben etablierten Acts also auch tatsächlich die eine oder andere vielversprechende Neuentdeckung machen konnte, katapultiert das Reeperbahnfestival zumindest auf der künstlerischen Ebene auf eine Stufe mit Festivalikonen wie dem Roskilde; dass seit der ersten Auflage auch an allen anderen Aspekten deutlich gefeilt wurde, lässt auf ebenso gelungene Neuauflagen in den nächsten Jahren hoffen. Helga wünscht, natürlich auch aus Eigeninteresse, viel Erfolg in Planung und Booking und hey, Captain Jahnke: Wenn ansonsten alles klappt, dürft ihr sogar Tomte nochmal einladen.

Jan Martens

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