Festival-Nachbericht

Pop-Kultur 2018


Am Anfang bestimmten Themen die Schlagzeilen, die nur am Rande etwas mit dem Kern des Festival zu tun hatten, schnell jedoch war dieser Aufreger nicht mehr präsent. Dafür gab es einen guten Grund: Die Programmpunkte, weswegen der Besuch in der Kulturbrauerei angetreten wurde, überzeugten mehr als sowieso schon gedacht. Lest hier den Nachbericht zum "Pop-Kultur"-Festival, der nur einen Bruchteil der Künstler umfassen konnte, welche dieses großartige Event ausmachten.

Zu Beginn gleich der leider erwartbare Eklat: Auf einer Podiumsdiskussion brüllen "Aktivisten" so oft und lautstark dazwischen, dass die angesetzte Talkrunde nicht stattfinden kann. Was war passiert? Nun, das Pop-Kultur Festival bietet eine sehr breite Palette an Künstlern an, darunter auch israelische, deren Fahrtkosten zu einem geringen Teil die dortige Botschaft übernahm. Dank Transparenzgebot machten die Veranstalter dies öffentlich; was folgte, waren (wie im Vorjahr schon) schmutzige Boykottaufrufe und eine Handvoll Absagen. Eigentlich wollte man mit einer Gesprächsrunde über die BDS-Kampagne sprechen, doch dazu kam es nicht. Da Vertreter dieser nicht eingeladen wurden, kamen diese zahlreich zum Stören. Vielleicht hätte man diese Eskalation verhindern können – andererseits lädt man ja in der Regel auch keine Vertreter der AfD und Co. zu Veranstaltungen über Rechtsradikalismus ein, denn die Muster sind die gleichen: Es ist wie das Sprichwort, mit einer Taube Schach zu spielen – sie rennt herum, wirft alles um, scheißt auf das Spielfeld und krakeelt laut herum, als hätte sie gewonnen. Dem BDS geht es nicht um Diskussion oder gar Differenzierung, sondern um die dringend benötigte Aufmerksamkeiterheischung einer fundamentalistischen Randgruppe.

Zum Glück war dies nur der Auftakt: Danach war von den Störenfrieden nichts mehr zu merken. Was dem folgte, war ein musikalisches Drei-Tage-Fest mit herausragenden Highlights. Ein Manko dabei: Der eng gewobene Spielplan, dessen Anfangszeiten nur rudimentär eingehalten wurden, ließ oftmals mehrere interessante Acts gegeneinander auftreten, spielen, lesen, sprechen – und was sonst noch geboten wurde. Die Kulturbrauerei wurde dabei in Gänze genutzt, sodass eine Vielzahl an Spielstätten gegeneinander abgewägt werden mussten (aus dem Übersichtsplan ergaben sich 16 Programmorte). Dazu kam noch – und das ist ein definitiver Verbesserungspunkt für die nächsten Ausgaben – die teil sehr späten Spielzeiten unter der Woche, denn das Festival fand Mittwoch/Donnerstag/Freitag statt – an zweien dieser Tage verabschiedet sich ab Mitternacht der reguläre öffentliche Nahverkehr.

Die Varianz der gebuchten Auftretenden sorgt dafür, dass wirklich jeder auf seine Kosten kommen kann. Am ersten Abend beginnt das Festival mit einer Vorstellung von Hendrik Schwarz und dem Alma Quartett, die "Plunderphobia" vorstellen, eines der "Commissioned Works" – Beiträge, die speziell für dieses Festival geschrieben wurden. Danach ist die erste harte Entscheidung die, ob man ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead besucht, die ihr Debütalbum in Gänze spielen oder Chelsea Wolfe im Kesselhaus sieht. Die Entscheidung für letztere ist zumindest eine gute – der Doommetal Wolfes dröhnt akustisch klar, sauber und laut von der Bühne. Der Sound ist an jedem besuchten Standort bemerkenswert gut, ob es sich dabei um das winzig kleine P.A.N.D.A-Theater oder die große Bühne des Kesselhauses handelt. Am ersten Abend lautet die weitere Route: Boy Harscher (sehr stumpfer 80er-Jahre-EBM/Techno, an dem Anne Clark sicher ihre Freude gehabt hätte), Die Nerven und Nilüfer Yanya, die direkt über Die Nerven im Maschinenhaus spielt.

Anders als geplant entwickelt sich der Donnerstag. Bereits vorab markierten drei rote Ausrufezeichen den Auftritt Anna Von Hausswolffs (s. Foto), die um 20 Uhr das Kesselhaus betritt. Etwas über eine Stunde später ist die Lust an weiterer Musik am Donnerstag vergangen – die kleine Schwedin legt einen derart großartigen Auftritt hin, dass man sich als Besucher sehr lange sammeln muss, um das Geschehene zu verarbeiten. Wie schon Chelsea Wolfe am Vortag bewegt sich von Hausswolff mittlerweile in sehr düsteren, brachialen Gefilden. Was bei ihr aber hinzu kommt, ist eine extrem voluminöse Stimme, die dazu wunderschön klar klingen kann. Zusammen mit ihrer Band, bei der teilweise Gitarre und Bass (!) mit einem Geigenbogen gespielt werden, donnert sie sich durch nur wenige Stücke, die dafür umso länger auf die Zuschauermenge einwirken. "Ugly And Vengeful" – auf dem letzten Album sowieso schon imposant – ist live ein zwanzigminütiges Monstrum, welches über sämtliche Gehörgänge fegt. Ein Zustand, der noch weitere 45 Minuten andauern sollte, ehe von Hausswolff zu den sanften Klängen von "Gösta" durchs Publikum schreitet. Völlig hin und weg von diesem Auftritt reicht der Abend dann nur noch für Laura Perrudin, die eine Harfe und viele Effektgeräte nutzt, um daraus elektroähnliche Stücke zu basteln, und Agar Agar, die die für sie viel zu kleine Alte Kantine ebenfalls komplett einreißen. Agar Agar könnten groß werden – für den Club, für den sie die Pop-Kultur vorgesehen hat, sind sie es bereits.

Ebenfalls eine runde Sache ist der Freitag, auch hier zeigt sich wieder die Qualität des Bookings, zwar in Nischen zu buchen, aus diesen jedoch ein sehr hochwertiges Programm zu schaffen. Eine Überraschung ist dabei der Auftritt von Ghostpoet. Wer diesen Künstler kennt, weiß, dass er sich vor allem im Bereich HipHop/TripHop/Elektro bewegt, gern gezogene Referenzen verweisen auf Massive Attack und Tricky. Live jedoch ein komplett anderes Bild: unterstützt von einer Liveband erweist sich Ghostpoet als sehr rockig. Für die kalte Dusche danach sorgen Hope & Moritz Majce, die im Rahmen der Commissioned Works im RambaZamba in einem komplett dunklen Raum spielen. Aufgeteilt in dessen vier Ecken zieht sich die Band dabei noch weiter zurück – es liegt am Publikum, den Raum zu füllen und sich der Musik hinzugeben. Dass dies in heutigen Zeiten ein für viele ungewohntes, schwieriges Unterfangen ist, zeigen die völlig unterschiedlichen Reaktionen der wenigen Anwesenden (es wurden nur ca. 50 Besucher pro Vorstellung hineingelassen). Helles Leuchten gezogener Smartphones durchzieht den wahrlich nicht langen Auftritt genauso wie die übliche Not zur Selbstdarstellung – in einen Moment der Stille während einer Videoprojektion muss natürlich hineingerufen werden. Das Liveprogramm der Pop-Kultur beschließt Noga Erez, welche vor allem neues Material spielt, das, obwohl unbekannt, sofort beim Publikum zündet und für ein sehr tanzbares Ende dieser drei Tage sorgt.

Klaus Porst

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