Festival-Nachbericht

Melt! Festival


Das Melt! ist, sobald man nur einmal da war, wie ein guter alter Freund, den man einmal im Jahr für ein paar Tage sieht und mit dem man gemeinsam nochmal alte Zeiten durchlebt. Der Lidl in Gräfenhainichen, wo man seinen Kartoffelsalat, sein Grillfleisch und Wasser kauft, der Getränkemarkt nur ein paar Meter weiter, wo man sich mit Bier und Energy-Drinks eindeckt, jedes Jahr gleich und jedes Jahr so wie das letzte. So geht es dann natürlich weiter, sobald man in Ferropolis ankommt. Man parkt immer an der gleichen Stelle, zeltet immer in der Nähe von dem Platz, an dem man letztes Jahr sein Zelt hat stehen lassen und startet jedes Festival mit dem ersten Aufbau-Bier, dem obligatorischen Vor-Festival-Abend-Grillen und den ersten Raves. Und dann ist auch schon der Freitag da und es dauert gefühlt nur ein paar Stunden bis es wieder Montag wird und die Abreise ansteht. Faktisch sind diese gefühlten Stunden genau 72 – die meisten davon verbringt man wach, tanzt, lernt Menschen kennen und ist immer wieder fasziniert von einem alljährlich unfassbaren Line-Up. Die gerne beklagten organisatorischen Probleme (rechte Security-Mitarbeiter, kein Info-Point, viele Verschiebungen im Line-Up) sind oft überspitzt und vielleicht von Leuten formuliert, die einfach Pech hatten, bei denen alles auf einmal kam – einen grundsätzlichen Kritikpunkt am Festival würde ich daraus nicht stricken wollen. Und kleinere organisatorische Probleme, wie sie bei einem Festival dieser Größenordnung nunmal auftauchen, werden durch die Acts mehr als nivelliert. An diesem 13. Melt! war die Bandbreite wieder besonders groß.

Alleine am ersten Tag, direkt nach Ankunft, musste bereits zum Festivalgelände gesprintet werden, um Oliver Koletzki wenigstens nicht gänzlich zu verpassen. Operation geglückt – und so konnte ein gut aufgelegter Koletzki auf der Big Wheel Stage bestaunt werden, dessen Set immer pompöser wurde und von fast minimalartigen Tracks hin zu einem groß aufgefahrenen „Hypnotized“, das das Set beendete und die Menge schweißgebadet in den restlichen langen Abend – respektive Nacht – entließ. Selbst in Schweiß getränkt, musste man sich nun zwischen Pantha Du Prince, Ja,Panik und Mathias Aguayo entscheiden – oder irgendwie versuchen, alle drei Acts zu sehen. Im völlig überhitzten und deswegen traurigerweise auch ziemlich leeren Intro-Zelt spielten die österreichischen Wahlberliner ein gutes Set mit beeindruckender Songauswahl unter unmenschlichen Bedingungen (Temperaturen!) runter. Es ist zu vermuten, dass keiner der Anwesenden Besucher die volle Zeit des Gigs im Zelt verbracht hat, abgesehen von Melt-Mitarbeitern und eben der Band selbst.

Weiter also zu Pantha Du Prince. Auf dem Weg vom intro-Zelt zur Big Wheel wurden noch die erhaschbaren Momente der Parallel-Acts mitgenommen (Calypso-Feeling mit den Shout Out Louds und "Impossible" und Gute-Laune-Sound mit Aguayo). Der Herr Schwarz überraschte dann auf der Big Wheel weniger, ließ die erhitzten Gemüter etwas abkühlen und sorgte für einen Hauch von After-Hour an diesem frühen Abend, der noch so einiges in sich hatte.

Zu den großen Überraschungen gehörte die souveräne Darbietung der gehypten Frischlinge von Two Door Cinema Club, die, das wiederum war nicht anders zu erwarten, einen riesigen Besucheransturm auf die Gemini Stage verursachten. Auch Jamie XX, dessen Band dieses Wochenende auch auftreten soll und kaum weniger hochgelobt wird als die eben genannten Two Door Cinema Club, legte ein überraschend solides Dubstep-Set ab, dessen Übergänge zwar etwas hakten, das im Großen und Ganzen aber zu überzeugen wusste.

Das Four-Tet-Set war ebenfalls durchweg gelungen, glänzte aber zusätzlich an gleicher Stelle (Desperados Beach) mit außermusikalischen Attraktionen. Während des Sets fand auf der anderen Seite des Sees ein Naturspektakel statt. Es blitzte wie verrückt und wahrscheinlich donnerte es auch ungeheuerlich, doch dank Four Tets Querbeet-Einlagen aus Electronica und Dubstep konnte das Grollen nicht wahrgenommen werden. Die Furcht eines grauenhaften Unwetters war im Übrigen umsonst, der Kelch zog, anders als im letzten Jahr, an uns vorüber.

So konnte der Abend dann zum Dubstep-"Battle" zwischen Kode9 und Martyn ausklingen. Vereinzelt wurde schon Powersleeping betrieben, um anschließend pünktlich zu Ricardo Villalobos' Frühaufsteher-Set wieder fit zu sein. Zwischenzeitlich konnte man sich von einem vollkommen durchgedrehten Danger in Black-Spiderman-Maske den Bratz-Elektro in die Fresse hauen lassen und sich vollkommen den Ereignissen des Vortages hingeben. Villalobos leitete dann schon fast den nächsten Tag ein. Minimal-Techno, Liegestuhl und Sonnenaufgang. So schön kann das Melt! sein.

Der zweite Tag musste den Strapazen des ersten Tages Tribut zollen. Feiern auf Sparflamme war zumindest bei den ungeübten Ravern angesagt. Dendemann bewies, dass Jugenderinnerungen nicht vollständig verschwinden und dass er alles tut, um den Leuten hier eine gute Zeit zu verschaffen. Obschon er sich hier seine eigene Nische suchen musste, feierten ihn die wohlwollenden Teilzeitrapper des Melt! unerwartet frenetisch. Das Problem mit der eigenen Nische hatte auch Jamie T. – alleine, er fand sie nicht. Sein Set wusste bestenfalls durch eine gute Auswahl zu bestechen, die Darbietung einiger einst geliebter Songs ließ hingegen zu wünschen übrig. Das Highlight des Tages war der mit einiger Verspätung auftretende Jamie Lidell, der dann aber – inklusive Band – alles gab und nicht nur stimmlich, sondern auch konditionell überzeugte. Das war – vor allem in der Rückschau – schon ganz großes Kino. Chris Cunningham und DJ Shadow, die kurzfristig die Slots tauschten, sorgten am fortgeschrittenen Abend auf der Main Stage für Break-Beat-Action, die seines Gleichen sucht und ließen die anschließend auftretenden Moderat ein wenig blaß aussehen.

Die Kings Of Convenience waren am Sonntag wohl DAS Highlight der meisten Festival-Besucher. Unverständlich daher, dass sie nicht auf der Mainstage, sondern der überdachten Gemini-Stage spielten, die dementsprechend völlig überfüllt war. Für Fans der Band und ihrer Musik muss der Auftritt eine Offenbarung gewesen sein, für alle anderen dürfte nach einer aufregenden und überzeugenden ersten halben Stunde erst einmal die Luft raus gewesen sein. Ganz anders bei Fred Falke: hier fanden sich zwar nur wenige Menschen von der Bühne ein, die jedoch wurden vom Set und einem selbstständig Bass spielenden Falke vollständig in den Bann gezogen. Anschließend Gänsehaut-Feeling bei den Broken Bells. Die Sonne ging langsam unter, Ferropolis war in ein orange-rotes Licht getaucht und dann dieser unvergessliche Auftritt. Der perfekte Abschluss dieses tollen Festivals. Zumindest gefühlt, denn es kam ja noch einiges.

Im Zelt sorgten Turbostaat für Verwirrung: eine Band, die so wenig zum Line-Up passt, zieht so viele Menschen ins Zelt?! Turbostaat taten, was man von ihnen erwartete: sie walzten alles platt und gewannen, das ist sicher, einige neue Fans hinzu.

Das kann man von Massive Attack leider nicht sagen. Der Auftritt der Legende aus Bristol war eine absolute Enttäuschung. Dieser Satz schmerzt aus zwei Gründen umso mehr. Zum einen freute man sich den ganzen Tag auf den Headliner-Gig, zum zweiten lag die Enttäuschung weniger im virtuos und episch vorgetragenen, gut ausgewählten Set, sondern viel mehr an der ignoranten Meute, die (sonst eher liebenswert) lauthals grölend nach mehr Bier verlangte, sich einfach unterhielt oder sich nicht der Musik hingeben wollte. Schade, doch, das muss leider konstatiert werden: Massive Attack und Melt!, zumindest das ging dieses Jahr nicht zusammen.

Ansonsten war das 13. Melt! wieder durchweg gelungen. Man könnte eine Liste der Highlights, die quer durch den musikalischen Genregarten geht, beliebig erweitern, man fände kaum ein Ende. Der Wettergott meinte es dieses Jahr sehr gut mit uns und die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass es im nächsten Jahr wieder so sonnig, heiß und sommerlich sein wird. Das ist uns aber egal, wir hoffen erneut auf die alljährliche, unübertreffbare musikalische Untermalung eines durchweg fantastischen Festivals und so bleibt nur zu sagen: Danke Melt!, bis nächstes Jahr.

Andreas Peters

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