Festival-Nachbericht

Highfield Festival 2015


Das Phono Pop streicht noch aus eigenem Antrieb die Segel, das Serengeti Festival muss das Aus als letzte Konsequenz akzeptieren – der Festivaltod schwingt auch 2015 seine Sense. Und trotz Überangebot und explodierenden Bandgagen – das Highfield Festival meldet, wenn auch erst in letzter Sekunde, den Ausverkauf. Was hat das Festival, was andere nicht haben?

Na ja, gut – es hat einen Badesee, und gerade bei den 36 Grad des ersten Festivaltages ist das ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil. Auch später am Wochenende bleibt der eine weitaus attraktivere Option, als die Weltuntergangsszenarien der Wettervorberichte angekündigt hatten. So fallen zwar die ersten beiden Nächte, aber kein einziger Bandauftritt ins Wasser – mit Ausnahme von Interpol, wo die paar Tröpfchen aber zum düsteren Gesamteindruck passen. Kann man vorher nicht wissen, wird aber beim Schmieden der Festivalpläne für die nächsten Jahre zumindest subtil im Gedächtnis haften bleiben. Was sich Scorpio jedoch auch tatsächlich selbst auf die Fahnen schreiben kann – das Highfield zu einem Ereignis jener Größe gedreht zu haben, das klein genug ist, um sowohl auf Campingplatz als auch auf Festivalgelände noch einigermaßen gemütlich zu wirken, dann aber auch wieder groß genug für das gewisse Eventfeeling ist. Stichwort: Riesenrad und Headlinerüberschneidungen mit dem weitaus größeren Hurricane.

Und apropos Headliner: Da muss sich ein Marteria (s. Foto) mittlerweile hinter kaum einem nationalen Kollegen verstecken, sowohl was Zugkraft als auch Show angeht – da wird nach den Hits in der ersten Hälfte nochmal das Marsimoto-Set ausgepackt, bevor das Publikum schließlich in die letzten 20 Sekunden gepeitscht wird – und das gleich nochmal und nochmal und nochmal. The Offspring haben dann wiederholt den Evergreen-Faktor auf ihrer Seite, auch wenn sie ihr Set knapp 25 Minuten zu früh beenden; die Broilers bringen zumindest eine große Fanschar mit nach Großpösna. Zu kaum früherer Uhrzeit haben die Dropkick Murphys ihr wohl einmillionstes Festivalpublikum souverän in der Hand, während Interpol mit einem gut zusammengestellten Set für die Portion Moll des Festivals sorgen.

Wo das Highfield jedoch seit Jahren seine Stärke hat, das ist im Mittelfeld – und da sind nicht erst seit gestern einheimische Bands das wahre Ass im Ärmel: So platzt das Areal vor der Blue Stage aus allen Nähten, wenn Alligatoah sich als Feldherr einer Band aus Engeln inszeniert – bei den eloquenten Reimen des Norddeutschen sing/kt zwar manchmal das Niveau, dafür aber auch das komplette Publikum. Feine Sahne Fischfilet sind deutlich bodenständiger und rufen zwischen ausgelassenen Hits wie "Komplett Im Arsch" so überzeugt-authentisch wie kaum eine andere Band dazu auf, aktiv gegen braunen Abfall vorzugehen. Gerade dieser Tage wichtiger denn je – da wirkt es gleich noch sympathischer, wenn gefühlt jeder zehnte Highfieldbesucher im Shirt mit dem bandeigenen Anker herumläuft. Bilderbuch schließlich lassen zu früher Stunde am Freitag zwar bereits die ersten Tanzbeine in Schwung geraten, wirken aber über weite Stellen auch zu dandyhaft-gekünstelt, um vollends zu begeistern – aber die Wiener sind ja auch nicht wirklich Einheimische.

Die wahre Stärke der Highfield-Bucher zeigt sich aber auch 2015 wieder an den kleinen Bands, die spielen, während viele Besucher noch aus dem Zelt auf den Grillplatz plumpsen. Wie die DNAs, die ihre Heimat Sydney scheinbar mit Manchester verwechseln und im Begriff sind, so gute Oasis zu werden, wie es die Gallaghers wohl selbst nach einer eventuellen Reunion nie wieder werden könnten. Oder Against Me!, die mehr Energie und Songs in 45 Minuten legen als andere Bands in eine halbe Tour. Und schließlich nicht zu vergessen: Die Augustines – wer irgendwann einmal ein Wörterbuch zu gestalten hat und noch ein Bild für den Eintrag "Euphorie" braucht, sollte bitte einfach die Brooklyner bei ihren Live-Auftritten fotografieren.

Klar, nicht jeder Auftritt auf dem Highfield ist Gold: Der (mittlerweile) Stadionpunk-Pathos der Broilers kann wohl nur durch seine polarisierende Wirkung so erfolgreich sein, die Kooks haben zumindest per se gute Songs in ihrem Live-Repertoire und Apologies, I Have None sind an ihrem Qualitätsabfall nach dem Rausschmiss des Großteils der Band zumindest selbst Schuld. Aber ohne den einen oder anderen schlechten Eindruck würden die guten schließlich auch nicht so sehr im Gedächtnis haften bleiben. Genau dies werden sie aber problemlos bis zum August 2016 tun – und wahrscheinlich auch danach wieder bis 2017, 2018, 2019.

Jan Martens

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