Festival-Nachbericht

Haldern Pop Festival


Seit vier Jahren ist das Haldern Pop Festival nun schon fester Bestandteil der Helga-Rockt Festival Tour und zum 25jährigen Jubiläum lassen wir uns es nicht nehmen, gleich mit einer ganzen Armada Forenmitglieder anzureisen. Die Qualität des geschmackssicheren Festivals hatte sich aber nicht nur bei uns rumgesprochen. Bereits Wochen vorher wurde Ausverkauf gemeldet und Tickets erlangten bei Ebay hanebüchene Preise. Uns war das egal, wir hatten die Karten schon Monate zuvor in der Tasche. Einzig das Wetter kündigte sich einmal mehr als Lotterie an. Hauptsache im Trockenen das Zelt aufbauen und irgendwie ins Spiegelzelt kommen, lautete die Devise.

Der Wettergott ist auf unserer Seite und unser Mob begibt sich mit großer Vorfreude ins Spiegelzelt, wo wir mit den Fleet Foxes einen DER Auftritte des Festivals erwarten. Zuvor eröffnet aber erst mal Finn. (für Noah & The Whale kurzfristig eingesprungen) das Festival. Eine undankbare Aufgabe für jemanden, der größtenteils mit ganz ruhigen Songs aufwarten kann. Das Haldern-Publikum erweist aber den gebührenden Respekt und entlässt Finn. unter Beifall von der Bühne. Der im Anschluss auftretende Norman Palm hängt ähnlich in der Luft wie sein Vorgänger und dann versucht er auch noch, mit der siebentausendsten "Boys Don´t Cry"-Version zu punkten. Die Reaktionen fallen folgerichtig eher verhalten aus. Dann die Fleet Foxes. Der große Newcomer des Jahres. Lassen sich erst mal schön Zeit bei der Soundabstimmung, aber als die ersten Töne erklingen ist klar, dass diese Band tatsächlich so groß ist, wie allerorten angekündigt. Einzig die immer wieder auftretenden Pausen, um ja den besten Sound hinzubekommen, stören den Konzertfluss etwas.

Wer dachte, das wäre schon das Highlight des Tages, wurde aber durch Yeasayer eines besseren belehrt. Der Sound der New Yorker ist live genauso wild, wie die Band selbst aussieht. Ein grober Mix aus allen möglichen Stilen, der dem Publikum mächtig Feuer unter den Füßen macht. Danach erst mal raus und rüber zur großen Bühne. In der Zwischenzeit hatte es ordentlich geregnet, doch pünktlich zum Beginn der Foals werden die Himmelsschleusen wieder dicht gemacht. Die Band dankt dies mit einem beeindruckend tighten Set, bei dem wirklich alles stimmt. Großartiger Sound und Spielfreude tun sich dabei besonders hervor. Der Headliner des Abends, die Flaming Lips, haben somit schon im Vorfeld schlechte Karten, das noch zu toppen. Und trotz großartiger Show mit Luftballons, Teletubbies, Konfettikanonen und allen erdenklichen Kindergimmicks versackt der Gig in einem furchtbar schlechten Soundmatsch. Besonders Wayne Coyne scheint stimmlich überhaupt nicht auf der Höhe zu sein. Whatever, wir hatten an dem Tag schon genügend schöne Auftritte erlebt.


Photos: The Flaming Lips, Okkervil River, ScottMatthew, Credits: Thomas Raich

Der Freitag begrüßt uns mit viel Sonnenschein und Alexander Marcus von den Nachbarn. Schnell flüchten wir uns deshalb ins Spiegelzelt, wo My Brightest Diamond für uns den Freitag eröffnet. Die Frau versteht es, ihr Publikum um den Finger zu wickeln und so bekommt sie trotz sehr anspruchsvollen Materials viel Aufmerksamkeit. Der große Entertainer gibt sich jedoch danach die Ehre. Wenn alle Menschen guten Humor hätten, würde der gute Bernd Begemann anstatt Mario Barth vor ein paar Tausend Leuten auftreten.Die gute Laune verflüchtigt sich jedoch im Anschluss recht schnell, denn es schüttet pünktlich zu den White Lies wie blöde, was uns dazu veranlasst, unter den Merchständen Schutz zu suchen. Die Wassermassen machen es auch dem nachfolgenden Jack Peñate schwer zu punkten, doch der Londoner Dandy macht das Beste draus und trotzt dem Wetter mit einer charmanten Vorstellung. Als Joan As Police Woman die Bühne betritt, herrscht plötzlich wieder eitler Sonnenschein. Nicht nur die voluminöse Lockenpracht überzeugt, auch die Backing Band gewinnt den Coolness Award des Tages.

Die Erwartungen an die Guillemots waren bei uns recht niedrig, da der Nachfolger zu dem großartigen Debüt ein ziemlicher Flop war. Zu unserer Überraschung rockt die Band aber wie Sau und beweist bei ihrer Setlist ein ausgesprochen gutes Händchen. Dass bei "Sao Paulo" dann der Sound völlig zusammenbricht, verhindert zwar einen großartigen Abschluss, aber nicht ein sehr gutes Konzert. Auch Kate Nash hat Soundprobleme, doch der Hauptgrund, warum wir uns dann zu Lykke Li aufmachen, ist die ziemlich lustlose Vorstellung des neuen Popsternchens. Ganz anders die gute Lykke. Hüpft wie eine Furie auf der Bühne rum und bezaubert durch charmanten Gesang und außergewöhnliche Garderobe. Und wieder zurück zur Hauptbühne, wo die Editors beweisen, was für eine große Band sie mittlerweile geworden sind. Nicht mehr lange, und Coldplay werden den Support für die Briten geben müssen. Zum Abschluss des Tages versetzen uns Bohren & der Club of Gore in tranceartige Zustände. Im Gegensatz zu den meisten anderen Spiegelzeltbesuchern wissen wir das aber zu schätzen und so geben wir uns anschließend gefällig dem Schlafsack hin.

Der dritte Tag, die Sonne brennt, brennt nicht, brennt, brennt nicht... Das ständige An- und Ausziehen diverser Kleidungsstücke nervt, die Musik aber keinesfalls. Mintzkov erweisen sich als würdiger dEUS-Ersatz (wir hätten sie soooo gerne dabei gehabt) und rocken die teilweise noch schlaftrunkenen Halderner Festivalbesucher. Die erste Duftmarke des Tages setzen aber The Dodos. Ein weiteres heißes Newcomer-Duo, deren Gitarrist einen Parforceritt an seinem Instrument abliefert und nebenbei besonders die weiblichen Zuschauer in Verzückung versetzt. The Heavy bluesrocken sich danach erstmal eine Schneise durch das Publikum. Besonders Sänger Kelvin Swaby gibt dabei buchstäblich sein letztes Hemd und schafft es sogar, die Leute zum Springen zu bewegen. Okkervil River scheinen während des Konzertes in der Menge gestanden zu haben, denn die Mitglieder übertreffen sich trotz Jetlag im Dauergrinsen und scheinen auf der Bühne noch mehr Spaß zu haben als die Zuschauer selbst. Iron & Wine schaffen es dann tatsächlich, vor der Hauptbühne andächtiges Schweigen und Lauschen zu verursachen (etwas, was beim Spiegelzelt die ganzen drei Tage eher mäßig geklappt hat). Die Songs gehen tief unter die Haut und geben einen Vorgeschmack auf das, was mit The National dann folgen sollte. Die liefern nämlich einen unfassbaren Auftritt, voller Energie, voller Intensität und mit viel Herzblut. Am Ende wirft sich Sänger Matt Berninger auf den Boden, zuckt wild herum und schreit sich die Seele aus dem Leib. Groß.

Nicht verwunderlich, dass ein Teil unserer Gruppe keinen Steigerungsbedarf mehr sieht und gen Zeltplatz verschwindet. Tatsächlich scheitern Maximo Park im Anschluss erwartungsgemäß an der zu großen Hürde. Der Auftritt wirkt blutleer und beliebig. Im Spiegelzelt sorgt Scott Matthew aber immerhin noch für einen weiteren Höhepunkt des Festivals. In Jesus-Gedächtnis-Montur schafft er eine ganz intime Atmosphäre, die noch einmal für viel Begeisterung sorgt. Ólafur Arnalds schafft diese als letzter Act leider nicht mehr. Zu laut und unruhig sind die Leute geworden. Ein Grund für uns, zurück zum Zeltplatz zu gehen. Am nächsten Morgen heißt es Land unter in Haldern. Tiefe grauen Wolken und widerliches Mistwetter machen den Zeltabbau zur Wasserschlacht. Davon merken wir aber nicht viel. Wir sind immer noch dabei, die großartigen Momente des Festivals zu verarbeiten. Auf die nächsten 25 Jahre Haldern!

Benjamin Köhler

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